Endlich wahrgenommen, endlich gesehen werden! Darum geht es dem blassen, schüchternen Mittzwanziger Benjamin Engel (Tom Schilling), der ein Leben lang übersehen wird, der als Außenseiter, Verlierer, Freak gilt. Und doch davon träumt, ein Held zu sein. „In der echten Welt war ich eine Null“, sagt er selbst. Deshalb hat er sich in die virtuelle Welt des Internets geflüchtet, ist ein Meister der Einsen und Nullen: „Im Netz gehörte ich dazu.“

Erst ist es nur ein Kavaliersdelikt. Ein Einbruch in die Uni, um im Computer die Fragen einer Jura-Prüfung zu klauen: für seine Jugendliebe Marie (Hannah Herzsprung), die Benjamin nicht mal erkennt, als er als Pizzabote vor ihr steht. Der Liebesbeweis geht schief, der Eindringling wird erwischt, muss Sozialstunden ableisten.

Vier Cyber-Punks, die mit dreisten Spaßaktionen zu Stars werden

Doch dabei lernt er den charismatischen Max (Elyas M’Barek) kennen, der ihn mit seinem anarchischen Kumpel Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot Jr.) bekannt macht. Alles Berliner Cyberpunks, die sich zusammentun zu der Viererbande „Clay“ (für „Clowns laughing at you“), um mit aberwitzigen Aktionen Anerkennung in der Cyber-Gemeinde zu finden.

Sie hacken sich in den Parteitag einer rechten Partei, wo sie Hitler verunglimpfen. Sie stellen eine Pharmafirma bloß, indem sie den Spruch „We kill Animals“ auf ihre Fassade flackern lassen. Und sie manipulieren Börsennachrichten und lassen die Dax-Kurve erst rasant ansteigen – um sie dann zum Mittelfinger zu verformen.

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Nicht von ungefähr denkt man da an Aktionen des Internet-Kollektivs Anonymous: Auch die Vier tragen Guy-Fawkes-ähnliche Clownsmasken. Als Spaßpiraten werden sie zu Popstars. Nur den bewunderten Meister-Hacker MRX können sie nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Der macht sich im Darknet über sie lustig. Deshalb wollen sie sich selbst übertreffen: mit einem Hacker-Angriff auf das Fort Knox der deutschen Sicherheitssysteme – dem BND-Gebäude in Berlins Mitte.

Endlich wahrgenommen, endlich gesehen werden: Das war auch der Antrieb des Regisseurs Baran bo Odar und seiner privaten wie beruflichen Partnerin Jantje Friese. Schon an der Filmhochschule in München, wo sie sich kennenlernten, hatten sie nie nur rein deutsche Geschichten im Kopf, sondern globales Storytelling. Und rannten damit gegen Wände.

Baran bo Odar und Jantje Friese: Ein Erfolgsduo, das sich nicht einschüchtern ließ

Genre-Filme funktionieren nicht im deutschen Kino, wurde ihnen gesagt, und im Ausland interessiere sich niemand für deutsche Filme. Doch sie ließen sich nicht beirren. Und entwickelten das Drehbuch zu ihrem Hacker-Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“. Der sprang nach dem Start im September 2014 auf Platz Eins der deutschen Kino-Charts, was zuletzt 30 Jahre zuvor „Zahn um Zahn“ gelungen war, der Kino-Auskoppelung der „Tatort“-Reihe mit Götz George als Schimanski.

Und diese deutsche Genrekost wurde durchaus auch im Ausland verstanden. Hollywood erwarb sich die Rechte für ein Remake, Odar drehte bald seinen ersten US-Film. Und hatte danach Narrenfreiheit. Um mit seiner Partnerin Jantje Friese ein ambitioniertes Projekt zu entwickeln, das sich bei Netflix bald als der deutsche Serienhit schlechthin entwickeln sollte: Nach dem Darknet-Thriller folgte „Dark“, eine Serie, die es auf drei Staffeln und weltweit sensationelle Zugriffe schaffte. Für die Folgeserie „1899“, die im vergangenen November startete, hat das Filmstudio Babelsberg eigens Europas erstes virtuelles Produktionsstudio Dark Bay gebaut.

Das Surfen im Darknet wird uns als rumpelnde Fahrt vermummter Gestalten in einer abgeranzten U-Bahn gezeigt.
Das Surfen im Darknet wird uns als rumpelnde Fahrt vermummter Gestalten in einer abgeranzten U-Bahn gezeigt.© © 2014 Sony Pictures

„Who Am I“: Das ist keine Frage, eher eine Selbstvergewisserung, mit der alles begann. Nun wird der Film am 7. März noch einmal gezeigt in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, mit der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem 1. Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt.

Wobei auch dieser sich nicht aufdrängt mit dem Ablichten touristischer Hot-spots, sondern den Blick auf abseitige Ecken lenkt, in der realen, vor allem aber der virtuellen Welt. Bis es zum Einbruch ins BND-Gebäude kommt – das damals bei den Dreharbeiten noch gar nicht ganz fertig gebaut war und schon erste Filmmeriten erlebte.

Für die Viererbande des Films konnte eine echte, neue Star-Riege gewonnen werden

Baran bo Odar (das Mittelwort markiert die Initialen seines Vor- und Nachnamens) und Jantje Friese konnten Quirin Berg und Max Wiedemann, die Produzenten des Oscar-Siegers „Das Leben der Anderen“, für ihr Projekt gewinnen. Und für ihre Viererbande eine echte Star-Riege: Tom Schilling war gerade mit „Oh Boy“ endgültig zum Star aufgestiegen, Elyas M’Barek brach mit seinem ersten „Fack ju, Göhte“-Film Rekorde, Wotan Wilke Möhring hatte gerade seinen Dienst als „Tatort“-Kommissar angetreten und Antoine Monot Jr. war bei dem Dauerbrenner „Ein Fall für zwei“ neu eingestiegen.

Tom Schilling ist anfangs mit tiefen Ringen unter den Augen zu sehen. Und einer Kapuze, die er sich tief ins Gesicht zieht. Seine Gruppe ist aufgeflogen. Jetzt stellt er sich der Polizei. Aber er will nur mit der Sonderermittlerin für Cyberkriminalität bei Europol sprechen (gespielt von Dänemarks Filmstar Trine Dyrholm).

Das Erfolgsduo von „Who Am I“ und der Serie „Dark“: Jantje Friese und Baran bo Odar.
Das Erfolgsduo von „Who Am I“ und der Serie „Dark“: Jantje Friese und Baran bo Odar.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Das Verhör ist die Rahmenhandlung, in der Benjamin die verwegene Geschichte seiner Gruppe erzählt: Wie sie aus Lust an der Anarchie und mit reichlich Ritalin und Alkohol ihre Spaß-Aktionen aushecken. Wie sie ihr Husarenstück im BND ablegen. Und ihre virtuellen Streiche plötzlich ganz reale Folgen haben: Ein Hacker, der durch den Datenklau beim BND enttarnt wurde, wird getötet. Die „Clay“- Gruppe steht nun als Verräter da. Und wird von der russischen Cyber-Mafia gejagt.

Ein Katz- und Maus-Spiel, bei dem sich das Erfolgsduo Friese & Odar mit Lust austoben konnte. Und mit Spaß an rasanten Bildideen. Dass Filme sich mit der Visualisierung der virtuellen Welt oft schwer tun, konnte man zuvor in Filmen wie „The Social Network“ über Mark Zuckerberg oder „Inside WikiLeads“ über Julian Assange sehen. Odar aber findet ganz sinnige, metaphorische Bilder: Das Surfen im Darknet wird gezeigt als rumpelnde Fahrt in einer abgeranzten U-Bahn, wo sich vermummte Gestalten treffen- Unterlegt mit einem knalligen Soundtrack.

Nach dem Film wird man seine eigenen Computer-Gewohnheiten überdenken

Dabei zitiert der Regisseur nicht nur immer wieder die surrealistischen Bilderwelten von René Magritte, sondern auch Filmklassiker wie „Fight Club“ und „Die üblichen Verdächtigen“, die schon eine Ahnung geben, worauf das Ganze hinauslaufen könnte. Wenn es nur nicht so rasant inszeniert wäre, dass man gar keine Zeit hat, darüber nachzudenken. „Who Am I“ ist ein Genre-Klassiker, wie er im deutschen Kino nur allzu selten gelingt. Und der den Beweis antritt: Es geht halt doch. Man muss nur daran glauben.

PS: Ganz nebenbei erzählt der Film auch einiges über unsere eigenen Computer-Gewohnheiten, die wir dringend überdenken sollten. Denn: „Die größte Sicherheitslücke des Systems ist nicht der Computer, sonder der Mensch, der ihn bedient“, wird hier klar gemacht. Die Hackergruppe verschafft sich den Zugang zum Netz via „Social Engineering“. Statt Programme knacken sie erst mal Menschen aus Fleisch und Blut, um so an deren Daten zu kommen.