Das Berlin des 20. Jahrhunderts ist eine Metropole im Wandel. Eine Stadt, ständig in Bewegung und Teil einer bewegenden Weltgeschichte. Angefangen von den Ausläufern der Kaiserzeit über die Weimarer Republik, die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Bau und schließlich Fall der Mauer. Das Unternehmen TimeRide hat sich zum Ziel gesetzt, die Berliner Historie von 1900 bis 1989 greifbarer zu machen. Statt auf dicke Wälzer setzt der Anbieter aus Köln auf virtuelle Realität, kurz VR.

Und so sollte man nicht überrascht sein, wenn sich dieser Tage bebrillte Kleingruppen durch die historische Mitte der Bundeshauptstadt bewegen. Denn die Zeitmaschine von TimeRide sitzt auf den Nasen der Menschen. Auf der zweieinhalb Kilometer langen Tour vom Checkpoint Charlie zum Brandenburger Tor werden die Erzählungen der TimeRide-Gästeführer mit Bewegtbildern unterfüttert.

Die Tour erlaubt auch einen Blick in den Glanz der 1920er-Jahre.
Die Tour erlaubt auch einen Blick in den Glanz der 1920er-Jahre.© TimeRide GmbH

So sieht man mit der Brille Kutschen und Paraden im Jahr 1900 am Berliner Abgeordnetenhaus vorbeiziehen, am Potsdamer Platz lockt ein Lichtspielhaus der goldenen Zwanziger, während die Neue Reichskanzlei in der NS- und der Führerbunker zur Kriegszeit eher abschreckende Wirkung ausstrahlen. Fast schon verstörend kommt der plötzliche Mauerbau 1961 daher, ehe es beim Fall der Mauer zum Abschluss der Zeitreise durch 90 Jahre in 90 Minuten noch einmal emotional wird.

Mittels einer Brille weicht die Gegenwart der Vergangenheit

„Mit der virtuellen Stadttour wollen wir Geschichte erlebbar machen, und zwar mit Emotionen statt Jahreszahlen“, erklärt Jonas Rothe das Konzept von TimeRide Go! Der Geschäftsführer betreibt mit seinen mittlerweile rund 130 Mitarbeitern Pionierarbeit in Deutschland. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Dresden, Frankfurt am Main, München und Köln werden mittlerweile virtuelle Zeitreisen angeboten.

Neben Guides hat Rothe IT-Experten, eine eigene Produktionsabteilung und Historiker im Team, um den Zwischenstopps der Touren einen möglichst realistischen Anstrich zu verpassen. Sobald man die virtuelle Brille aufzieht, soll die Gegenwart der Vergangenheit weichen, indem man sich einmal um die eigene Achse dreht. Denn die Berliner Geschichte wird nicht nur beim Blick nach vorne, sondern in 360 Grad erlebbar.

Emotionale Momente: Eine Simulation des 9. November 1989.
Emotionale Momente: Eine Simulation des 9. November 1989.© TimeRide GmbH

Die Tour, die aufgrund des Zeitfaktors nur an der Oberfläche kratzen kann, richtet sich nicht nur an Gäste von auswärts, sondern auch Berlinerinnen und Berliner, die einen anderen Blick auf ihre Stadt bekommen wollen. Und natürlich an Schüler. Denn Rothe und Co. wollen gerade bei jungen Leuten die Hemmschwelle für vermeintlich trockene Geschichte abbauen. Zusätzlich zur Zeitreise zu Fuß hat TimeRide eine zehnminütige virtuelle Zeitreise in seinen Räumlichkeiten in der Zimmerstraße im Portfolio, bei der man von der Römerzeit in Köln bis zur Wendezeit in Berlin reist.

Deutschland-Zeitreise und Senseum auch im Angebot

„Dazu gibt es bei uns noch das Senseum, wo wir uns auf das Jahr 1985 und die Hochzeit des Kalten Krieges konzentrieren“, verrät der Geschäftsführer. In drei Räumen werden die Gäste über Bilder und die Ausführungen von drei Zeitzeugen mit in Endphase des geteilten Berlins herangeführt. „Anschließend pickt man sich einen der drei Zeitzeugen aus Ost und West heraus, steigt in einen der damaligen Zeit nachempfundenen Bus ein und erlebt dann mit der virtuellen Brille, wie sich ein Grenzübertritt seinerzeit angefühlt hat. Eine Tour von Kreuzberg zum Palast der Republik war damals alles andere als alltäglich“, sagt Rothe.

Sein Start-up-Unternehmen sieht sich logistisch und technisch indes noch lange nicht am Ende. „Corona und die Rezession haben mental Kraft gekostet, aber wir wollen in andere Städte expandieren, noch enger mit Schulen zusammenarbeiten und sind erpicht, den technischen Fortschritt in unsere Touren einzubetten“, denkt Rothe zum Beispiel an Augmented Reality (AR), wo digitale Elemente mittels einer Brille in die Wirklichkeit eingefügt werden. „Aber da gibt es noch einiges zu entwickeln.“ Auch wenn die nächste Technologiestufe wohl noch ein wenig braucht: Der Berliner Tourismus wird auf eine neue, höhere Ebene gehoben.

TimeRide Go! Strecke: 2,3 Kilometer. Dauer: ca. 90 Minuten. Treffpunkt: Zimmerstraße 91, Kreuzberg (vor dem TimeRide Senseum). Normalpreispreis 29,90 €. Informationen: timeride.de/berlin