Man kennt ihr ausdrucksstarkes Gesicht bereits aus Filmen wie „Der Club der singenden Metzger“ oder der Erfolgsserie „Babylon Berlin“. Längst ist Leonie Benesch auch international gefragt in Serien wie „The Crown“, „Spy City“, „In 80 Tagen um die Welt“ und der Verfilmung von Frank Schätzings Bestseller „Der Schwarm“. Und eigentlich steht die 31-Jährige schon ihr halbes Leben vor der Kamera. Da kommt die Berlinale-Ehrung, als als eine von zehn European Shooting Stars ausgezeichnet zu werden, fast zu spät. Über den „Shooting“-Status ist sie längst hinaus. Auf dem Festival kann sie auch gleich zwei neue Produktionen vorstellen. „Der Schwarm“ (der ab 6. März im ZDF gesendet wird) läuft hier in der Sektion Berlinale Series. Und im Panorama ist ihr neuer Film „Das Lehrerzimmer“ (Kinostart: 4. Mai) zu sehen, wegen dem die Jury der European Film Promotion sie explizit zum Shooting Star erkoren hat. Wir haben die 31-Jährige im NH Hotel an der Leipziger getroffen.

Gratulation. Sie sind einer der Shooting Stars der Berlinale 2023. Wann und wie haben Sie davon erfahren?

Leonie Benesch: Danke schön. Ich wusste schon einige Monate, dass ich in einer engeren Wahl von drei Kandidat:innen war. Aber ich habe das so behandelt wie Projekte, die ich unbedingt machen möchte und bei denen ich weiß, dass ich in der Auswahl bin: Ich versuche, es nicht so an mich rankommen zu lassen. Es bringt ja nichts. Aber irgendwann rief meine Agentin an und meinte, die wollten noch mal was mit mir besprechen. Sie wusste da schon, dass das der Anruf war, wo man mir sagte: You are the Shooting Star. Ich wusste es nicht.

Und wie fühlt man sich nun damit?

Ich freue mich total! Vor allem auf die anderen Shooting Stars, die ich dann treffen werde. Ich habe die schon ein bisschen gestalkt und finde sie alle spannend. Schön finde ich auch, dass die meisten schon über 30 sind – wie ich. Ich bin gut mit Joel Basman befreundet, der war, als er 2008 Shooting Star war, erst 18. Und meinte rückblickend, er sei viel zu jung gewesen, um zu wissen, wie man das für sich nutzen kann. Da ich jetzt schon einige Jahre gearbeitet habe, weiß ich das jetzt vielleicht ein wenig besser. Und ich freue mich auf die Gelegenheit. Das wird sicher auch anstrengend, ich werde nervös sein, aber ich habe, glaube ich, ein gutes Gespür dafür, welche Art von Gesprächen und welche Art von Menschen mich interessieren.

In „Das Lehrerzimmer“ spielt Leonie Benesch eine Lehrerin, die alles richtig machen will und doch eine Katastrophe heraufbeschwört.
In „Das Lehrerzimmer“ spielt Leonie Benesch eine Lehrerin, die alles richtig machen will und doch eine Katastrophe heraufbeschwört. © Alamode

Ist die Auszeichnung zum European Shooting Star nicht fast zu spät für Sie? Sie sind schon so lange im Metier und spielen auch schon ganz selbstverständlich in internationalen Produktionen wie „The Crown“ mit.

(lacht) Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Darüber müssten wir vielleicht noch mal in zwei Jahren sprechen, ob das was verändert hat. Aber es ist eine Ehre, so ausgezeichnet zu werden. Ich freue mich sehr. Und die European Film Promotion wählt damit Menschen aus, von denen sie meint, dass die Welt sie kennen sollte und dass sie international einsetzbar sind. Von daher sage ich mal, was ich mir schon sagte, als ich erfuhr, dass ich in die engere Wahl kam: Schaden kann’s nicht.

Auf der Berlinale stellen sie auch gleich zwei neue Produktionen vor. Ist das schön, zu dieser Gelegenheit gleich eine solche Bandbreite von sich zeigen zu können?

Unbedingt. Beide Projekte habe ich 2021 gedreht. Und das ist auch meine Idealvorstellung davon, wie ein Jahr in Sachen Arbeit aussehen kann: Ein großes Projekt, das eher für die breite Masse gedacht ist, aber dann auch ein kleiner, ambitionierter Film, der eher leise um die Ecke kommt und nicht so viel Geld und Möglichkeiten hat. Dass beide Projekte fast gleichzeitig das Licht der Welt erblicken, ist total schön. So ein Jahr hätte ich gern sofort wieder. Es ist aber auch schön, das jetzt alles, auch die Auszeichnung als Shooting Star, quasi auf einen Schlag abzuhandeln.

Leonie Benesch mit Klaas Heufer-Umlauf (l.) und Oliver Masucci in der ZDF-Bestsellerverfilmung „Der Schwarm“.
Leonie Benesch mit Klaas Heufer-Umlauf (l.) und Oliver Masucci in der ZDF-Bestsellerverfilmung „Der Schwarm“. © ZDF | Fabio Lovino

Sie sind in „Der Schwarm“ in einer Hauptrolle zu sehen. Wie sind Sie überhaupt da reingekommen?

Glück im Unglück. Ich wusste, dass „Der Schwarm“ verfilmt werden sollte. Allerdings überschnitt sich der geplante Drehzeitraum komplett mit einem anderen Projekt von mir, dem Mehrteiler „In 80 Tagen um die Welt“. Dann passierte aber Covid und „80 Tage“ wurde unterbrochen. Das Casting für den „Schwarm“ war dann im Sommer 2020, als ich darauf wartete, „80 Tage“ weiter drehen zu können. „Der Schwarm“ wurde aufgrund der Situation auch verschoben . So war es nun doch auf einmal möglich. Und ich ging zum Casting, das zu dem Zeitpunkt von Rob Stern gemacht wurde – der mich damals auch in „The Crown“ besetzt hat.

Und wie ist das, bei einer solchen internationalen Großproduktion dabei zu sein, auch noch nach einem weltweiten Bucherfolg?

Da ich direkt davor „80 Tage“ gedreht habe, war das nicht mehr so fremd für mich. Bei „80 Tage“ war ich noch viel aufgeregter, da habe ich zum ersten Mal Comedy gemacht und habe eine Britin gespielt, die auch noch ohne Punkt und Komma geredet hat. Da musste auch der Akzent perfekt sein. Es war aber auch gar nicht so viel Zeit zwischen den Projekten, um sich viel Gedanken zu machen und nervös zu werden. Ich glaube, das kommt erst jetzt, wo wir Pressearbeit zu der Serie machen.

„Der Schwarm“ ist ein Katastrophenfilm mit ökopolitischen Untertönen. Ist das auch ein besonderes Anliegen für Sie?

Auf jeden Fall. Es ist immer das Schönste, wenn man Teil eines Projekt sein darf, das sich mit den eigenen Vorstellungen und Sichtweisen auf die Welt verbinden lässt. Ich glaube auch an die Macht des Geschichtenerzählens. Natürlich fragt man sich, ob man damit nicht nur die erreicht, die ohnehin eine Offenheit für das Thema haben. Es gibt all die Fakten und wissenschaftlichen Untersuchungen – wenn die einen nicht alarmieren, was soll da eine Serie bewirken? Aber die kommt mit einem gewissen Aufwand etwas sexy um die Ecke, vielleicht spricht das noch andere Menschen an. Das ist zumindest die Hoffnung. Ob das funktioniert, weiß ich nicht.

In der Armenschlange im Berlin Anfang der 30er-Jahre: Leonie Benesch in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“.
In der Armenschlange im Berlin Anfang der 30er-Jahre: Leonie Benesch in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“.© ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky | ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky

Gleichzeitig spielen Sie die Hauptrolle in „Das Lehrerzimmer“. Ein sehr eindringliches Drama über eine Lehrerin, die immer das Beste will – und damit doch eine Katastrophe heraufbeschwört. Wenn man den Film schaut, wirkt das sehr beklemmend. Waren die Dreharbeiten auch so?

Im Gegenteil. Das war eine der schönsten Dreharbeiten, die ich bisher erlebt habe. Anstrengend war nur, dass ich erst „80 Tage“ und dann „Der Schwarm“ gedreht habe und danach nur zwei Wochen Pause waren. Ich war da ein bisschen runtergerockt. Ich habe das Drehbuch anfangs auch gar nicht richtig verstanden. Aber ich wollte unbedingt mit Ilker Çatak arbeiten. Denn er ist klug. Von seinem Film „Es gilt das gesprochene Wort“ war ich total begeistert. Und ich bin immer gern Marionette in der guten Idee von jemand anderem.

Mit Verlaub – Sie sind da mehr als nur
Marionette. Sie tragen den Film, und der ist ganz aus der Sicht Ihrer Figur erzählt.

Ich mochte schon am Drehbuch, wie genau das alles beobachtet ist. Und wie präzise Ilker mit der deutschen Sprache umgeht. Das kenne ich so eher aus der englischen Filmwelt. Und Ilker hat sich morgens immer eine Dreiviertelstunde Zeit genommen, um mit den Kindern und mir zusammen zu sprechen. Unsere großartige Kamerafrau Judith Kaufmann wurde manchmal nervös, dass so viel Zeit genommen wurde, sie hat dann aber oft während dieser Gespräche die Kinder gefilmt, dabei sind ganz tolle Bilder entstanden. Ich finde, der Film ist ein sehr kluger Kommentar zu unserer derzeitigen Debattenkultur.

Leonie Benesch beim Interview mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander im NH Hotel in der Leipziger Straße.
Leonie Benesch beim Interview mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander im NH Hotel in der Leipziger Straße. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Ab wann war Ihnen eigentlich klar, Sie wollen, Sie müssen Schauspielerin werden?

O ganz früh. Ich war 13 oder so. Ich habe „Gladiator“ und „Fluch der Karibik“ gesehen und war besessen von Behind-the-Scenes-Footage. Ich fand irre, dass Menschen so Geld verdienen und Zeit miteinander verbringen können. (schmunzelt) Wir sind zu der Zeit viel umgezogen, ich war oft eine Außenseiterin. Da hat wohl auch der Gedanke reingespielt, Schauspieler:innen sind doch beliebt. Das war vielleicht etwas naiv. Aber so kam eins zum anderen. Inzwischen hat sich die Sicht auf den Beruf ziemlich verändert. Auch durch die Schauspielschule. Ich muss mir die Frage auch immer wieder neu stellen: Willst du das alles auch wirklich? Aber bisher komme ich doch immer wieder auf ein sehr deutliches Ja.

Ihr Durchbruch war 2009 „Das weiße Band“. Sie waren 17, als gedreht wurde, 18, als er ins Kino kam, und wurden gleich als „Entdeckung“ gefeiert.

Das war völlig absurd. Und hat mich auch sehr abgeschreckt. Wir kamen damit ja bis zur Oscar-Verleihung. Ich hatte danach den Eindruck, man muss eine schreckliche Kindheit gehabt haben, um Künstlerin zu werden. Also konnte ich wohl keine werden. (lacht) Das war einfach ein bisschen viel damals, das war mir unheimlich. Das hat dann eine Zeit gebraucht. Ich habe erst mal mein Abi gemacht, bin dann nach Berlin gezogen und bin dort immer wieder Leuten aus der Branche begegnet. Ich merkte dann: Aha, hier gibt es auch ganz viele tolle Menschen mit guten Ideen, die gute Geschichten erzählen wollen.