Staatsoper

Daniel Barenboim kehrt ans Dirigentenpult zurück

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Volker Blech
Stardirigent Daniel Barenboim.

Stardirigent Daniel Barenboim.

Foto: ROMAN ZACH-KIESLING / pA

Der erkrankte Stardirigent Daniel Barenboim leitet die beiden Konzerte zum Jahreswechsel in der Staatsoper.

Bei wichtigen Orchestern sind Konzerte zum Jahreswechsel meist Chefsache, denn es sind auch künstlerische Visitenkarten gegenüber dem großen Publikum. Für den über Monate hinweg erkrankten Daniel Barenboim bedeutet es jetzt zugleich die Rückkehr ans Dirigentenpult. Es wird ein Berliner Ereignis werden. „Daniel Barenboim dirigiert Beethovens 9. Sinfonie bei den Konzerten zum Jahreswechsel der Staatskapelle Berlin“, teilte die Staatsoper knapp am Freitag mit. „Es spielt die Staatskapelle Berlin, als Solist:innen sind Camilla Nylund (Sopran), Marina Prudenskaya (Alt), NN (Tenor) und René Pape (Bass) zu erleben. Es singt außerdem der Staatsopernchor.“ Mehr ist nicht zu erfahren.

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper, hatte offenbar ein gesundheitlich schweres Jahr hinter sich. Viele Dirigenten leiden an Rückenproblemen, man könnte es eine Berufskrankheit nennen. Barenboim unterzog sich am 6. Februar einem chirurgischen Eingriff an der Wirbelsäule und erholte sich anschließend zu Hause. Bei den Festtagen im April musste ein Konzert der Staatskapelle vorzeitig abgebrochen werden. Staatsopern-Intendant Matthias Schulz begründete es damals mit Kreislaufproblemen.

Zuletzt hat Barenboim die Staatskapelle auf dem Bebelplatz dirigiert

Bei „Staatsoper für alle“ stand (und saß) Barenboim wieder am Pult der Staatskapelle auf dem Bebelplatz und trotzte der brütenden Hitze. Als letztes Großereignis muss sein Konzert mit dem West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne genannt werden. Für diese Spielzeit hatte er große Pläne. Aber die zum Saisonauftakt und zu seinem 80. Geburtstag angesetzte Neuproduktion von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in der Regie von Dmitri Tcherniakov konnte er nicht selbst leiten.

„Ich bin zutiefst traurig, den neuen ,Ring’ nicht dirigieren zu können“, sagte der Dirigent damals. „Ich muss aber nun meiner Gesundheit den Vorrang geben und mich auf meine vollständige Genesung konzentrieren.“ Barenboim leide seit Monaten an Vaskulitis, hieß es, einer Entzündungen von Blutgefäßen. Für Barenboim übernahmen Christian Thielemann (63) und Thomas Guggeis (29) die Leitung der drei im Oktober und November laufenden „Ring“-Zyklen.

In seiner Barenboim-Said Akademie hat Barenboim bereits Unterricht gegeben

Das Konzert zu Barenboims 80. Geburtstag am 15. November, bei dem er selbst Klavier spielen wollte, wurde bis auf weiteres verschoben. „Mein Gesundheitszustand hat sich in den letzten Monaten verschlechtert und es wurde eine schwere neurologische Erkrankung bei mir diagnostiziert“, teilte Barenboim per Social Media mit. Seither herrschte Schweigen. Allerdings begann er irgendwann wieder, in der von ihm gegründeten Barenboim-Said Akademie Unterricht zu geben. Jetzt folgt die öffentliche Rückkehr an die Staatsoper.

Gerade erst ist die Staatskapelle von ihrer erfolgreichen Asientournee ins Stammhaus zurückgekehrt. Für Barenboim war bei den Konzerten in Seoul, Kumamoto, Osaka und Tokio mit Thielemann erneut der Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden eingesprungen. Die Konzerte in Aarhus und Aalborg dirigierte Sir Andrew Davis, der musikalische Chef der Oper in Chicago.

Mit der Staatskapelle sieht sich Thielemann auf „einer Wellenlänge“

Gerade die Einspringer-Erfolge des Berliner Dirigenten Christian Thielemann, der bereits Generalmusikdirektor der Deutschen Oper war, finden große Aufmerksamkeit. Die Staatskapelle bringt ihm offenbar viel Sympathie entgegen. „Das Orchester kennt mich inzwischen besser und ich sie“, sagt Thielemann nach der Tournee. „Die Musiker haben ihre Angewohnheiten, ich habe meine.“ Das sei jedes Mal sehr komprimiert und aufregend. „Es kommt darauf an, dass man auf derselben Wellenlänge ist. Das ist nicht immer so, aber in diesem Fall schon. Wir haben nicht viel Worte machen müssen.“

Thielemann nannte einen Grund für die Harmonie: „Das liegt natürlich auch daran, dass Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin seit 30 Jahren so wunderbar gearbeitet hat und auf musikalische Dinge achtet, die mir auch wichtig sind. Deswegen sind die Musiker sehr aufmerksam und klanglich so vielschichtig. Das ist alles ihm zu verdanken.“ Barenboim sei laut Thielemann während der Tour täglich Gesprächsstoff gewesen. „Jeder macht sich Gedanken. Ich werde ihn wieder besuchen, wenn ich wiederkomme. Ich habe mit ihm telefoniert und ihm von der Reise erzählt, wir haben einen ganz engen persönlichen Kontakt.“

Christian Thielemann kann in nächster Zeit nicht mehr einspringen

Zu einer weiteren Zusammenarbeit wollte sich Thielemann nicht äußern. „Wir haben alle mal in der Schule gelernt: pacta sunt servanda. Ich habe einen Vertrag in Dresden bis 2024, den ich sehr gerne erfülle, weil ich mich mit dem Orchester wunderbar verstehe und wir eine herrliche Zeit miteinander haben.“ Bei der Staatskapelle werde er in nächster Zeit leider nicht mehr einspringen können, so Thielemann, denn er habe einen vollen Terminkalender.

Daniel Barenboim hält sich im Moment mit öffentlichen Äußerungen über seine Gesundheit und Pläne zurück. Auch die Pressemitteilung über seine Rückkehr ans Pult ist betont sachlich formuliert. Aber jeder weiß, dass Konzerte zum neuen Jahr immer auch eine symbolische Bedeutung haben. Für die Staatsoper lautet sie: Der Chef ist zurück.

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Konzerte zum Jahreswechsel am 31.12. um 19 Uhr und am 1.1. um 16 Uhr. Tel. 20354555