Laut Winrich Hopp, dem Leiter des Musikfests Berlin, gibt es nur noch vier Komponisten, die den Großen Saal der Philharmonie bis unters Dach füllen: Bruckner und Mahler, Richard Strauss und Schostakowitsch. Was Hopp allerdings nicht erwähnt: Für die Berliner Philharmoniker gilt das natürlich nicht. Sie können sich sogar ein Raritäten-Programm leisten mit Korngolds Fis-Dur-Sinfonie op. 40 und Andrew Normans zeitgenössischem „Unstuck“ – und die Philharmonie ist trotzdem voll an diesem Mittwochabend.
Dass die Philharmoniker darüber hinaus noch in Prachtbesetzung antreten, liegt aber nicht nur an Chefdirigent Kirill Petrenko. Es hat auch damit zu tun, dass die Musiker mit diesem Programm in wenigen Tagen auf USA-Tournee gehen. Inklusive der Bläser-Stars Albrecht Mayer und Stefan Dohr, Wenzel Fuchs und Stefan Schweigert. Und mit Solo-Doppelspitze an jedem ersten Pult der Streicher. Nicht zu vergessen: Auch alle drei zurzeit festen Konzertmeister der Philharmoniker sind dabei. Wobei der Erste Konzertmeister Noah Bendix-Balgley als Solist des Abends hervortritt – in Mozarts frühem B-Dur-Violinkonzert KV 207. Ein Werk, das die Philharmoniker zuletzt 1976 aufgeführt haben. Zu einer Zeit also, als Petrenko gerade im Kindergarten-Alter war.
Die Musik geht nicht besonders leicht ins Ohr
Doch warum wird dieses Konzert des 17-jährigen Mozarts so selten aufgeführt? Vielleicht, weil es noch nicht den Reichtum und die Reife des späteren A-Dur-Konzerts besitzt. Vielleicht auch, weil die Harmonik hier noch relativ schlicht ist, die Melodien einfach gestrickt, aber die Musik trotzdem nicht besonders leicht ins Ohr geht.
Lesen Sie auch: Ein junger Wilder dirigiert die Philharmoniker

Die Philharmoniker pflegen hier einen einladenden, romantischen Kang. Mit behutsam blühenden Bläsern und weichen, runden Streichern. Kontrastierend dazu der helle, schlanke Ton von Bendix-Balgley. Ein Ton, der zunächst eindringlich und streng anmutet, aber im Laufe des Werks zunehmend an Farbigkeit und Flexibilität gewinnt. Und in der Zugabe kommen auch Wärme und Humor hinzu. Es ist eine Zugabe, die Bendix-Balgley nicht zufällig wählt: Hindemiths Variationen über Mozarts „Komm, lieber Mai“ aus op. 31 Nr. 2 – eine weitere Brücke zu Erich Wolfgang Korngold nach der Pause. Denn Korngold teilt mit Mozart das frühe Schicksal des Wunderkinds. Und mit Hindemith das spätere Schicksal der Emigration während des Nationalsozialismus.
Edler und luxuriöser Klang
Korngolds Fis-Dur-Sinfonie ist ein Nachkriegswerk von 1952, in dem drei Strömungen zusammentreffen: Spätromantik, Neoklassizismus und Filmmusik. Faszinierend nun, wie ernst und tief Petrenko in diese Musik eintaucht. Wie akribisch er Dynamik, Übergänge und Bezüge schafft. Und wie edel und luxuriös er die Philharmoniker dabei klingen lässt. Plötzlich hat man das Gefühl: Es steckt doch mehr in diesem Werk, das bislang selbst unter Korngold-Liebhabern einen schweren Stand hat. Es könnte allerdings auch an der Überzeugungskraft der Philharmoniker liegen. Eine Überzeugungskraft, von der zu Beginn auch Normans effektvoller Bildersturm „Unstuck“ profitiert.


