Am Donnerstag hat am Berliner Ensemble Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ Premiere, die Regie führt Intendant Oliver Reese. Das Stück aus dem Jahr 1984 handelt vom Staatsschauspieler Bruscon, der im kleinen Dorf Utzbach Station macht und dort mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter seine selbstgeschriebene Komödie aufführen will. Im Kampf gegen die widrigen Umstände erweist er sich als pompöser Tyrann. Die Hauptrolle wird Stefanie Reinsperger übernehmen.

Herr Reese, Das Stück „Der Theatermacher“ spielt in einem verschlafenen Provinznest. Wie holt man einen solchen Ort nach Berlin?

Ich finde, zwischen Utzbach und Berlin gibt es in gewisser Hinsicht für uns Theaterleute gar keine so großen Unterschiede. Natürlich sind die Bedingungen in Utzbach extrem schlecht. Aber auch dort kämpft der Theatermacher darum, dass die Vorführung überhaupt stattfindet. Er kämpft gegen den Schweinegestank, gegen das Notlicht, gegen das Publikum, das er seiner für unwürdig hält. Wir aber kämpfen auch: gegen Corona, gegen Abstände im Theater und drohende Schließungen. Insofern ist „Der Theatermacher“ ein Stück, das uns ganz existenziell betrifft.

Zugleich ist es auch ein sehr lustiges Stück. Wie holt man Thomas Bernhards Komik auf die Bühne?

Indem man die Figuren ernst nimmt. Indem man vor allem den Theatermacher in seiner Hybris und seiner Not, in seiner Selbstgefälligkeit und seinem grotesken Selbstbetrug ernst nimmt. Sie merken schon an der Begriffen: Das sind große Gegensätze, wie immer bei Bernhard. In seinen Stücken stehen alle immer unter einer unglaublichen Spannung. Diese Spannung macht die Figuren komisch, weil sie wie ein Brennglas wirkt. Der Theatermacher will die ganze Welt schultern. Er meint ein Jahrhundertwerk geschrieben zu haben. In Wahrheit hat er ein Machwerk geschrieben, es ist der reine Unsinn. Aber er betreibt es mit heiligem Ernst, wenn auch mit vollkommen unpassenden Mitteln. Das alles passt nicht zueinander, es ist verrückt, und diese Reibung ist komisch. Stefanie Reinsperger kann als Schauspielerin eigentlich alles, und sie kann vor allen Dingen auch gleichzeitig etwas todernst nehmen und es dennoch überzeichnen.

Stefanie Reinsperger spielt die Hauptrolle des Bruscon.
Stefanie Reinsperger spielt die Hauptrolle des Bruscon. © Berliner Ensemble | Matthias Horn

Stand Stefanie Reinsperger für die Hauptrolle von vornherein fest?

Ja. Wir hatten in der Dramaturgie mal über das Stück gesprochen und die Idee dann zunächst liegen gelassen. Dann, eines Morgens, fiel mir Stefanie Reinsperger für die Hauptrolle ein. Mir war klar: Hinter diesen Gedanken kann man nicht mehr zurückgehen.

Die Hauptfigur des Theaterzampanos steht für einen Typus, der in Zeiten zunehmender Debatten um toxisches Führungsverhalten von Männern auf dem Rückzug ist. Nehmen Sie darauf Bezug?

Das Stück tut das ja schon selbst, ich muss das nicht noch aktualisieren. Es wirft zum Beispiel die Frage auf, wer eigentlich was darstellen darf. Wie kann ein Schauspieler einen König spielen, wenn er doch keiner ist? Das sind Debatten, die wir heute führen. Im „Theatermacher“ wird das Thema Frauen auf dem Theater sehr zynisch behandelt. Das jetzt von einem älteren Herren reproduziert zu sehen, würde wohl niemandem großen Spaß machen. Mit Stefanie Reinsperger in die Dimension dieser Debatte hereinzugehen, macht aber großen Spaß, weil die Verfremdung schon eingebaut ist. Stefanie Reinsperger spielt Bruscon. Sie ist nicht „Die Theatermacherin“.

Handelt dieses Stück nicht auch von einer Ära des Theaters, in der es mit größerem Ernst, mit mehr Glauben an die eigene Relevanz betrieben wurde?

Die Ernsthaftigkeit, mit der auch wir über die kleinsten Details diskutieren – wie wir eine Geschichte erzählen, wie die Schauspieler sprechen, welcher Idee die einzelnen Bilder folgen – ist ja bei uns genauso vorhanden. Ernsthaftigkeit ist ja nichts Schlimmes! Ein Goldschmied sagt ja auch nicht: Die Zeiten sind andere, ich hau den Ring jetzt einfach mal so hin. Der Theatermacher ist ohne Frage eine unangenehme Figur, nicht nur der toxischen Männlichkeit wegen, sondern auch der Familie und den Kindern gegenüber. Wie er Menschen aussaugt und dann wegwirft. Aber immerhin, er hat ein Sendungsbewusstsein, er will etwas. Er denkt auch, dass er mit seinem Stück die Zuschauer irgendwie verändern kann. Daran glaube ich nach 37 Jahren am Theater nur noch eingeschränkt – und doch finde ich es essenziell wichtig, dass wir Theater spielen. Mit 92 Prozent Auslastung sehen wir derzeit, wie groß das Bedürfnis der Menschen nach Bühnenkunst ist. Sie wollen sich mit den Fragen der Gegenwart befassen, aber sie wollen auch mal entspannen und sich intelligent unterhalten lassen. Dafür zu sorgen, ist unsere Aufgabe, und dass Bernhards Theatermacher das so ernst nimmt und so dafür kämpft, dass sein Theater stattfindet, dafür mag ich ihn.

Thomas Bernhard (1931-1989) im Jahr 1981.
Thomas Bernhard (1931-1989) im Jahr 1981.© picture alliance | akg-images / Brigitte Hellgoth

Das Stück nimmt erkennbar Bezug auf einen legendären Theaterskandal bei den Salzburger Festspielen 1972, als Claus Peymann Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ inszenierte. Es ging darum, ob man für vollständige Dunkelheit im Saal auch die Beleuchtung der Notausgänge verdunkeln durfte.

Was vor 50 Jahren bei den Salzburger Festspielen passiert ist, ist für uns heute nicht mehr so relevant. Ich habe die Uraufführungsinszenierung vom „Theatermacher“ 1985 in Bochum als Zivildienstleistender gesehen. Sie hat mich damals sehr beeindruckt. Aber der Kampf ums Notlicht ist nur ein Detail, das für den unbedingten Willen steht. Es war ja Bernhard, der das in Salzburg gefordert und dann seine eigene Hybris für den „Theatermacher“ verwendet hat. Im Stück selbst ist es ein schönes Bild.

Sie sind nicht nur Regisseur, sondern auch Intendant des Berliner Ensembles. Was bedeuten Energiekrise und explodierende Kosten für Ihr Haus?

Die Kulturstaatsministerin hat angekündigt, dass es einen „Kulturfonds Energie“ mit Geldern zum Ausgleich für explodierende Kosten der Kultureinrichtungen geben wird, die nach einem bestimmten Schlüssel auf die Einrichtungen aufgeteilt werden. Die freien und privaten Häuser kriegen mehr, das ist auch richtig so. Wir als staatlich subventioniertes Haus können wohl das Delta der Mehrkosten durch die gestiegenen Preise zur Hälfte erstattet bekommen – abzüglich von 20 Prozent, die wir selbst an Energie einsparen sollen. Wenn das Programm da ist, wird das eine erhebliche Hilfe sein, um die enorm gestiegenen Kosten zu minimieren.

Haben Sie mal durchgerechnet, um welche Kosten es sich genau handelt?

Das lässt sich zur Zeit noch schwer beziffern, die Betriebskostenabrechnung bekommen wir erst mit einem halben Jahr Verzögerung. Wir versuchen natürlich so viel Energie wie möglich selbst einzusparen, um in keine Notlage zu geraten. Wir sind auch dabei, Rücklagen zu bilden, um einen Teil der Mehrkosten selbst tragen zu können, aber natürlich freuen wir uns, dass die Politik an Modellen arbeitet, die Kultur finanziell zu unterstützen. Wir wollen unbedingt spielen – wenn man uns lässt.

Die Corona-Zahlen steigen wieder. Führen Sie die Maskenpflicht wieder ein?

Momentan noch nicht. Es wäre merkwürdig, wenn im Restaurant und im Supermarkt keine Masken getragen würden, ausgerechnet im Theater aber schon. Aber wir haben alle Szenarien durch, wir können auf Knopfdruck alle Schubladen öffnen: Mit Abständen, mit Masken, mit Tests und allen Kombinationen davon. Wir haben zum Beispiel auch darauf geachtet, dass wir eine Reihe von Aufführungen im Spielplan haben, wo nicht allzu viel künstlerisches Personal zum Einsatz kommt. Das gilt für „Brechts Gespenster“, „Britney“ oder „Gantenbein“. Natürlich ist eine Aufführung wie „Exil“ mit 22 Leuten auf der Bühne viel gefährdeter.. Wir haben jedenfalls eine Reihe von kleinen Stücken, die wir ganz bewusst produziert haben. Wir haben dadurch planerisch vorgesorgt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Termine: 18.10., 20.10., 21.10., 31.10., jeweils 19.30 Uhr.