Berliner Spaziergang

Neuer Chef am Berliner Ensemble: Heimkehr für Oliver Reese

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Oliver Reese, dem künftigen Intendanten des BE.

 Oliver Reese, künftiger Intendant des Berliner Ensembles

Oliver Reese, künftiger Intendant des Berliner Ensembles

Foto: Reto Klar

Obwohl wir gar nicht an der Volksbühne vorbeigehen, schwebt Frank Castorf gewissermaßen über diesem Spaziergang. Denn das Treffen mit Oliver Reese findet just am "Faust"-Tag statt. Also an dem Freitag, an dem sich der Volksbühnen-Chef Castorf mit seiner letzten großen Inszenierung von seinem Haus verabschieden will. Nicht von seinem Publikum, denn dass Castorf nach seiner Volksbühnenzeit wieder als Regisseur am Berliner Ensemble arbeiten wird, gilt unter der Hand als ausgemachte Sache.

Der Mann aber, der dieses Gerücht offiziell bestätigen könnte, schweigt allerdings: besagter Oliver Reese, künftiger Intendant des Berliner Ensembles (BE), will erst auf einer Pressekonferenz im Mai verraten, was das Publikum in der neuen Saison erwarten darf. Und auch wen. Brecht wird auf jeden Fall dabei sein. Tradition verpflichtet – schließlich ist das BE vom Dramatiker selbst und seiner Partnerin Helene Weigel gegründet worden. Reese hat einen guten Draht zu den Brecht-Erben. Und er schwärmt gleichzeitig von Castorfs "Baal"-Inszenierung, die 2015 in München herauskam, und die nach wenigen Aufführungen von den Brecht-Erben verboten wurde. Begründung: zu viele Fremdtexte.

Den finalen Faust-Castorf schaut er sich natürlich auch an. Reese ist deshalb extra aus Frankfurt angereist, wo er seit 2009 Intendant des Schauspiels ist. "Wir sehen uns heute Abend? Acht Stunden soll es dauern", mit diesen Worten begrüßt Reese den Reporter und erwähnt, dass er Beistand habe. Seine jüngere Tochter, Anfang 20, "ist Castorf-Fan", und "die freut sich auf den Abend". Eine geschickte Formulierung, so braucht er nicht zu sagen, dass er sich den "Faust" aus beruflichen Gründen anschaut. Muss ja schließlich sehen, was sein künftiger Mitarbeiter so macht.

Ein Frankfurter also. Ein Zugereister? Neu in Berlin? Keineswegs, für Reese ist dies eine Heimkehr. Und zwar die dritte. Wir treffen uns vor dem Maxim Gorki Theater, seinem ersten Berliner Arbeitsplatz. Und danach wird es übers Deutsche Theater, seiner zweiten Wirkungsstätte, zum Berliner Ensemble gehen – hier liegt ja sein kommender Posten. Dass wir auch am Friedrichstadt-Palast vorbeikommen, ist der Wegstrecke geschuldet; an diesem Haus habe er keine Ambitionen, versichert Reese.

Eisige Ablehnung vom Ensemble

Sein Beginn in der Hauptstadt war schwierig. Damals, am Maxim Gorki Theater. Es war die Zeit unmittelbar nach der Wiedervereinigung, als die Auseinandersetzung zwischen Wessis und Ossis auf dem Höhepunkt war und es Schlagzeilen wie "Wessi mit Bierflasche erschlagen – ganz Bernau jubelt" gab.

Dass Oliver Reese – als Chefdramaturg so etwas wie das Hirn eines Theaters – und Bernd Wilms als Intendant 1994 ans Gorki kamen, war auch einem Zufall geschuldet. Der damalige Kultursenator hatte eine Art Findungskommission eingerichtet, "die bestand aus zwei Personen, die sehr gegensätzliche Vorstellungen hatten", erzählt Reese. Weil weder Thomas Langhoff noch Ivan Nagel ihre jeweiligen Lieblinge durchbringen konnten, einigten sie sich auf jemanden, den beide schätzten: Wilms.

Der hatte gerade seine Intendanz in Ulm beendet. Wilms und Reese rechneten damit, dass sie – und das ist bei Leitungswechseln an Theatern eigentlich ein Minimum – anderthalb Jahre Zeit zur Vorbereitung hätten. Aber die Kulturpolitik wollte Albert Hetterle, der zu DDR-Zeiten Gorki-Intendant mit Sitz im Zentralkomitee war, möglichst schnell loswerden. Also hieß es: Entweder in einem halben Jahr anfangen – oder überhaupt nicht.

Der Beginn, "alles war noch schwer postwendeartig", verlief erwartungsgemäß schlecht: Auf einer Ensemble-Versammlung stellten die beiden den neuen Spielplan vor. Schweigen. Dann eine einzige Frage von Monika Hetterle, der Frau des Ex- Intendanten: "Wen meinen Sie, wenn Sie ,wir' sagen?"

Willkommen hört sich anders an. Und am schwarzen Brett hing ein Kreuzworträtsel, gesucht wurde der Intendant des Maxim Gorki Theaters – aber nur mit vier Buchstaben: "Ulms" stand da spöttisch geschrieben. Auch daran erinnert sich Reese noch heute. Einen solchen Neuanfang vergisst man nicht.

Die Rettung hieß Harald Juhnke. Der spielte den "Hauptmann von Köpenick" in der Inszenierung von Katharina Thalbach. Über 80 Vorstellungen. In der letzten kam er schon betrunken beim Pförtner an und pichelte während der Vorstellung weiter. Das war das Ende. Danach übernahm Katharina Thalbach die Titelrolle. Das Stück war immer ein Renner – und die Ost-West-Besetzung ein Versöhnungssignal. Der Auftakt zu einer Berlin-Trilogie, mit Hauptmanns "Die Ratten" und der Dramatisierung des Döblin-Klassikers "Berlin Alexanderplatz". "Lange vor Frank Castorfs Inszenierung", erzählt Reese. Fünfeinhalb Stunden dauerte die Voraufführung – zu lang fürs Gorki. Reese kürzte nächtens die Fassung ein. Der Regisseur wollte danach die Premiere verschieben und länger proben. Das Ensemble lehnte ab, Hauptdarsteller Ben Becker verließ wutentbrannt das Theater. Die Generalprobe fiel aus. "Wir wussten nicht, ob er abends zur Premiere kommt", erzählt Reese. Becker kam. Es wurde ein Erfolg.

Wir überqueren die Friedrichsbrücke, verlassen die Museumsinsel. Musik erklingt. "Dieser Mann spielt schon seit Jahren hier Sopransaxofon", sagt Reese und gibt ihm ein paar Münzen.

"Wir waren stolz darauf, dass wir das irgendwie hingekriegt haben", meint Reese, als wir von der Ziegelstraße kommend auf die Friedrichstraße einbiegen. Auf einem Haus prangt dort noch das alte DT-Logo mit den verschmolzenen Buchstaben. Das Deutsche Theater (DT) war Reeses zweite Station in Berlin. 2001 wurde er dort erst Chefdramaturg, später auch stellvertretender Intendant. Auch dies ein schwieriger Anfang, wenn auch anders. Reese war klar, dass ein Schnitt nötig war. Dass man ein Zeichen setzen musste.

"Wir haben damals das Logo am Deutschen Theater entfernt", erzählt Reese. Die Demontage des geschichtsträchtigen Symbols war eine erste Ansage. Nach dem Erfolg am Gorki hatte das Team sich aus Sicht der Politik für höhere Aufgaben qualifiziert. Gesucht wurde Ende der 90er-Jahre ein neues Intendanten-Team für das Deutsche Theater. War es in der DDR das erste Haus der Repu­blik, zehrte es noch vom alten Ruhm, konserviert von Thomas Langhoff, der schon als Kind im Intendanzbüro seine Hausaufgaben gemacht hatte, als sein Vater nach dem Krieg Intendant des Hauses war. Auf einem Rundgang durchs Theater zeigte Thomas Langhoff damals auf einen Schreibtisch. "Gucken Sie, da hab ich meine Initialien reingeritzt. An den Tisch können Sie sich nicht setzen. Nehmen Sie einen anderen."

Ja, auch der zweite Neustart in Berlin war kein leichter, die Stimmung im Haus ähnlich unterkühlt wie zuvor am Gorki. "Das DT war am Anfang eine harte Zeit." Reeses Kinder, die damals noch klein waren, hätten das gespürt und ihrem Vater ein selbst gebasteltes Tier geschenkt, das die "bösen Geister vertreibt". Es gab viel Häme, die Zeitungen bezeichneten die neue Leitung als "Laubenpieperlösung" – und "ein paar Jahre später waren wir Theater des Jahres", erzählt Reese. Ein bisschen gedauert hat das aber schon.

Als die beiden ihren Auftakt planten, gab es Absagen von Künstlern, die nicht daran glaubten, dass es mit den Neuen am Deutschen Theater etwas werden könne. Mit den schließlich verpflichteten Hausregisseuren Konstanze Lauterbach und Hans Neuenfels wohnte dem Neuanfang tatsächlich kein Zauber inne. "Es hat nicht gepasst", sagt Reese in seiner ruhigen, sachlichen Art. Aber dann gab es ja noch einen jungen Wilden namens Michael Thalheimer. Seine 80-minütige "Emilia Galotti" bescherte dem Deutschen Theater 2001 einen Sensationserfolg – das war der Durchbruch. Eine Lehre daraus hat Reese mitgenommen: Es ist sehr wichtig, dass man ein Erfolgsstück hat. Am idealsten natürlich, wenn das gleich am Anfang rauskommt.

Vielleicht klappt's ja auf Anhieb beim dritten Neuanfang in der Hauptstadt, diesmal am Berliner Ensemble. Auf dem Weg dorthin kommen wir an der "Böse Buben Bar" vorbei. "Mein Vorbereitungsbüro", sagt Reese, "da ist für mich immer ein Tisch reserviert." Er muss ja Verhandlungen führen mit Schauspielern und Regisseuren, die künftig am Berliner Ensemble arbeiten. Schließlich wird es auch hier ein echter Neustart.

"Es muss ein Leben neben dem Theater geben"

Es hat im Vorfeld böses Blut gegeben, weil er kaum jemanden aus dem alten Ensemble übernimmt. Das ist bei Intendanz-Wechseln nicht ungewöhnlich, meistens nimmt der scheidende Chef einen Teil seiner Truppe mit zur nächsten Station. Theater sind moderne Wanderzirkusse. Bei Claus Peymann aber funktioniert dieses System nicht, weil der bald 80-Jährige kein neues Haus mehr übernimmt. Auf die verbalen Spitzen seines Kollegen reagiert Reese gelassen. Die Lautsprecherei ist seine Sache nicht. Leise und konsequent setzt er um, was er für richtig und nötig hält. Auch wenn es heißt, dass Leute gehen müssen.

Die Unterschiede zwischen Peymann (Jahrgang 1937) und Reese (Jahrgang 1964) sind auch die Unterschiede zwischen Generationen von Theatermenschen. Auf der Mitarbeiter-Vollversammlung im Berliner Ensemble sagte Reese: "Es muss ein Leben neben dem Theater geben." Das kam gut an. "Wir fanden das toll, dass Sie das gesagt haben", hieß es hinterher.

Natürlich wissen alle, dass viel Arbeit ansteht, aber für Prinzipale wie Claus Peymann kommt eben erst das Theater und dann lange Zeit nichts. Dafür wohnen die dann auch in entsprechenden Häusern, Peymann in einer Villa in Köpenick. Reese unterschreibt an diesem Nachmittag seinen Mietvertrag, im Mai will er in die Wohnung an der Großgörschenstraße ziehen. "Kein Hipsterviertel, vier S-Bahnstationen zum Berliner Ensemble, die Yorckkinos nicht weit weg, gutes altes Schöneberg. Ich bin richtig happy." Bislang hat Reese bei seinen Berlin-Aufenthalten gewohnt wie "König Lear" – abwechselnd bei seinen Töchtern. Die leben nah beieinander in "Kreuzkölln, da wo es jetzt hip ist". Jede hat dort eine eigene Wohnung. So richtig weg aus Berlin war er nie.

Beim Fotoshooting am Bertolt-Brecht-Denkmal in Sichtweite des Berliner Ensembles macht Reese alles mit, was der Fotograf sich wünscht. Er kennt das, in Frankfurt ist er schließlich der einzige Schauspiel-Intendant. In Berlin wird er einer von vielen sein, gemeinsam mit dem anderen neuen, mit Chris Dercon, der an der Volksbühne etwas später startet. Auch, weil die Vorbereitung dort komplizierter ist, denn Dercon stößt bei der alten Volksbühnen-Mannschaft auf so große Widerstände wie Reese bei seinen ersten beiden Berliner Stationen.

Bei Reese sieht es diesmal besser aus. Er bringt sein Wunschteam an Regisseuren und Schauspielern mit, ist mit der Szene sehr vertraut und hat mit Frank Castorf noch ein Ass im Ärmel – aber das ist natürlich noch geheim.

Zur Person:

Leben: Oliver Reese kommt aus Ostwestfalen, wird 1964 in Schloss Neuhaus bei Paderborn geboren. Nach dem Zivildienst studiert er in München Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Komparatistik.

Karriere: Reese arbeitet als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, wird 1989 Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel. Zwei Jahre später wechselt er als Chefdramaturg ans Theater Ulm, Bernd Wilms ist dort Intendant – der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit. Die beiden wechseln in gleicher Position 1994 an das Maxim Gorki Theater und 2001 ans Deutsche Theater, wo Reese nach Wilms Rückzug Interims­intendant wird. Seit der Spielzeit 2009/10 leitet er das Schauspiel Frankfurt, in diesem Sommer wechselt Reese als Direktor ans Berliner Ensemble und löst dort Claus Peymann ab.

Berliner Ensemble: 1949 gründen Bertolt Brecht und Helene Weigel das Berliner Ensemble. Zunächst wird im Deutschen Theater gespielt. Am 19. März 1954 zieht das Berliner Ensemble in das Theater am Schiffbauerdamm ein – das Haus wird umbenannt.

Spaziergang: Wir gehen entlang seiner Berliner Stationen, treffen uns vor dem Maxim Gorki Theater, spazieren zum Deutschen Theater und dann zum Berliner Ensemble.

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