Das Meer in seiner gesamten Vielschichtigkeit hat zahlreiche Komponisten zu Orchesterwerken inspiriert. So auch den Engländer Christian Mason, Jahrgang 1984. Er schrieb im Auftrag des Berliner Konzerthauses das Stück „An Ocean of Years“, das am Freitag mit dem Konzerthausorchester Berlin unter dessen Chefdirigenten Christoph Eschenbach seine Weltpremiere hatte. Das dreisätzige Werk war aufgrund seiner schrillen und auch dissonanten Klanglichkeit keine einfache Kost, manche Passagen zeigte Einflüsse von Olivier Messiaens Vogelklängen. Eschenbach ließ das Orchester in den mannigfaltigsten Farben strahlen, hier kam ihm seine große Erfahrung, die er mit französischem Repertoire hat, zugute.
Für das zweite Werk des Abends betrat Tzimon Barto die Bühne, und der ist wahrlich eine schillernde Figur. Der Amerikaner ist Konzertpianist, spricht fünf Sprachen fließend, war ein Top-Bodybuilder und arbeitet seit Jahren an einem monumentalen Literaturprojekt. In den 1990er-Jahren wurde er als eine Art Schwarzenegger am Steinway-Flügel vermarktet, nahm Chopin und Rachmaninow auf und tourte um die Welt. Dann kam der Absturz. Barto landete wegen Drogendelikten im Knast, außerdem verlor er im Laufe der Jahre seine beiden Kinder.
Souveräne Reise durch die Klangwelten
Einer, der immer zu ihm gehalten hat, war Christoph Eschenbach. Mit ihm war er regelmäßig auf den wichtigen Podien der Musikwelt zu erleben, so auch am Freitagabend im Konzerthaus. Auf dem Programm stand George Gershwins Klavierkonzert in F. Der schrieb es mithilfe von Handbüchern für musikalische Formenlehre und Orchestration, da er von beidem keinen blassen Schimmer hatte. Das Ergebnis ist erstaunlich, trotz der geringen Vorkenntnisse gelang ihm hier eine einzigartige Synthese von konzertanter Sinfonik und Jazz.

Das Konzerthausorchester bewegte sich unter Eschenbach absolut souverän durch diese Klangwelten. Rhythmisch sehr präzise und transparent wurde da alles umgesetzt, und wenn benötigt, zauberte das Orchester einen wohlig warmen Klangteppich für Bartos Soloepisoden. Der begeisterte zunächst einmal durch seine dynamische Bandbreite, wusste auf dem Flügel ebenso zu hauchen wie maschinenhaft zu hämmern. Allerdings übertrieb es Barto bisweilen mit dem Pianissimo. Manche Passagen klangen zwar wunderschön, aber zu intim. Wo man sich ein klares Mezzopiano wünschte, ertönte nur Gemurmel. Nichtsdestotrotz spielte er das Konzert insgesamt mit Drive, Swing und Sinn für die bluesigen Momente. Da spendete das Publikum zu Recht frenetischen Beifall; Barto bedankte sich mit einer Kleinigkeit des Ragtime-Komponisten Scott Joplin.
Das Finale ist Johannes Brahms vorbehalten
Den Abschluss des Abends bildete Arnold Schönbergs Orchesterfassung von Johannes Brahms’ Klavierquartett g-Moll. Hier gelang es Eschenbach und dem Orchester, dem Hörer die Illusion zu vermitteln, als hätte Brahms das Stück tatsächlich als Sinfonie geschrieben. Wo das Klavierquartett durch das dominierende Klavier oft etwas massiv wirkt, schuf Schönberg durch die Orchesterfassung mehr klangliche Transparenz. Schönberg äußerte sich wie folgt dazu: „Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist, je besser er ist, desto lauter spielt, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht.“


