Früher mal, in seiner Kindheit, war Liedermacher Klaus Hoffmann in vielerlei Hinsicht ein Genie. Er konnte die Lottozahlen vorhersagen und wuppte die 100 Meter in rekordverdächtigen 10,1 Sekunden. Heute, mit 71 Jahren, spinnt er herrliche Geschichten mit maximal halbwahrem Kern und foppt dabei sein Publikum. Dem könne er ja alles erzählen, weil es dafür bezahlt hat. Noch besser als im semibiografischen Auspinseln seiner Vergangenheit ist der Berliner als Musiker. Mit seinen Storys gibt er seinen Songs einen Background. Wenn er Lieder wie „Wenn“ oder „Die Zeit gehört den Zärtlichen“ anstimmt, verwandelt sich das anekdotisch Heitere ins melodisch Nachdenkliche, das Pointierte ins Poetische.

Es ist eine wunderbare Zeitreise, auf die der Liedermacher die Zuschauer bei seinem Konzert in der Philharmonie mitnimmt. Klaus Hoffmann ist mit seiner Band auf der „Septemberherz-Tour“, mit der er seinen 70. Geburtstag nachfeiert. Ursprünglich geplant für 2021, musste die Konzertreise aus bekannten Gründen verschoben werden. Dass er nun nicht mehr sein rundes Jubiläum begeht, ficht den Musiker nicht an. Im Gegenteil. Man hat das Gefühl, je älter er wird, desto launiger geraten seine Moderationen.

Ein röhrender Hirsch hing an der Wand

Mit denen geht es mitten hinein in den Hoffmannschen Kosmos. Zurück in die Kindheit in den Fünfzigern, als er in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Straße lebte. Später dann zog es ihn in ein „mieses Viertel“ namens Zehlendorf. In das kleine Haus seines Stiefvaters. Dort wurde die Piefigkeit mit Inbrunst gelebt. Ein röhrender Hirsch an der Wand und sogar das Telefon war aus Trevira. Jener unkaputtbaren Chemiefaser, die damals für den Fortschritt stand.

Klaus Hoffmann machte eine Lehre bei Klöckner-Eisenhandel GmbH Co. KG und sehnte sich heraus aus diesem Leben. Ging hinein in die Clubs, in denen er gegen den Zeitgeist deutsche Songs zur Gitarre spielte. Glattrasiert. Damals, als alle Bart trugen. Sogar die Frauen. Ein gewisser Hannes Wader sagte ihm eine strahlende Zukunft voraus, wenn er sich an Mao Tse-tung hielte. Nur wusste der junge Sänger nicht, wer das ist. Er wollte lieber mit Kumpel Siggi nach Goa. Geschafft haben sie es immerhin bis Afghanistan.

Ohne Jacques Brel geht es bei ihm nicht: Klaus Hoffmann.  
Ohne Jacques Brel geht es bei ihm nicht: Klaus Hoffmann.  © FUNKE Foto Services | Joerg Krauthoefer

Bis heute ist Klaus Hoffmann ein Reisender. Nicht nur geografisch, sondern auch in seinem Herzen. Sein umtriebiges Leben hat er in Lieder gegossen. Hingebungsvolle romantische wie das Liebes-Wiegenlied „Wenn Malene träumt“, das seiner Frau gewidmet ist, und melancholische wie „Musik der Straße“. Meist greift der Musiker dabei selbst zur Gitarre, wird aber auch von seiner vorzüglichen vierköpfigen Band mit strahlenden Akustik-Arrangements irgendwo zwischen Chanson, Jazz, Latin und Pop begleitet.

„In meinem Herzen gibt es kein graues Haar“

Bei den neuen und alten Liedern dürften natürlich auch die Chansons von Jacques Brel nicht fehlen, den Klaus Hoffmann wie kaum ein anderer interpretiert. Und schafft mit Songs wie „Das Lied der Liebenden Alten“ Momente, die voller Wehmut sind. Eine Stimmung, die das Konzert trotz der vor Esprit sprühenden Conférencen durchdringt. Klaus Hoffmann blickt schließlich vor allem zurück in seinem achten Lebensjahrzehnt.

Aber Hoffmann ist auch ein jung Gebliebener, der von sich sagt: „In meinem Herzen gibt es kein graues Haar.“ Deshalb schaut er auch zugleich voller Hoffnung in die Zukunft. Eine Dualität, die er im Lied „Und ich weiß nicht ob’s vorbei ist“ besingt. Und er lässt mit dem hymnischen „Ich würd es wieder tun“ keinen Zweifel daran, dass er sich zu jedem Zeitpunkt in seinem Leben für die Musik entschieden hätte. Ein Chanson für die Ewigkeit.