Stolz waren sie, die Leiter der Volkseigenen Werft in Magdeburg, als ihr Fahrgastschiff „Friedrich Wolf“ Ende 1961 vom Stapel lief. Es war dann das längste der „Weißen Flotte“, Heimathafen Treptow, Einsatz auf der Spree im Liniendienst der „Hauptstadt der DDR“, im Nahverkehr zu Wasser. Stolz waren sie auf die vielen Tonnen Stahl, die Maßzahl der sozialistischen Planwirtschaft. Nicht ahnen konnten sie da, dass die aus ihrem Hochofen so dick und hart gewalzten Bodenplatten der Friedrich Wolf nur Monate später von freiheitsliebenden DDR-Bürgern in Stellung gebracht wurden, als Schild gegen massives Trommelfeuer der Grenzer, als sie mit dem Dampfer von Treptow nach Kreuzberg „rüber machten“.

Um viertel vor fünf am 6. Juni 1962 starten zwei Bootsmänner der Friedrich Wolf im Hafen Treptow die beiden Maschinen. Gleichzeitig wuchten ein halbes Dutzend eingeweihte Männer, die ebenfalls so früh aufgestanden waren, die Stahlplatten hoch und kleiden damit die Fenster im Steuerstand der Brücke aus, bis Brusthöhe, das sollte reichen, wenn sie von den niedrigeren Polizeibooten aus beschossen würden. Der Kapitän und sein Erster Offizier liegen unten in ihren Kojen, volltrunken, eingesperrt obendrein. Die Bootsmänner hatten sie, beide notorische Alkoholiker, am Abend vorher in der Kajüte „abgefüllt“.

Ein volltrunkener Kapitän wollte die Fluchtwilligen verprügeln

Die beiden schaffen es, das Schiff unter der Stralauer Brücke (Vorgängerin der heutigen Elsenbrücke) hindurch über die Spree zu steuern, die komplett zu Ost-Berlin gehörte, bis in die Einfahrt zur Oberschleuse auf West-Berliner Gebiet – unter dramatischen Umständen: Der Kapitän kann sich trotz Vollrausch befreien, prügelt sich unter Deck mit drei Mann. Das Schiff wird nicht nur von drei Polizeibooten beschossen, auch von oben, von MP-Schützen auf umliegenden Dächern. Der Steuerstand ist nicht mehr betretbar. Der Maschinist unter Deck muss auf Hinweise von oben hin blind lenken, mit seinen zwei Maschinen und zwei Schrauben. Das Husarenstück gelingt.

Noch auf dem Schleusenkanal, im Westen, wollen Grenzpolizisten die Friedrich Wolf entern. Erst als West-Polizisten schießen, machen sie kehrt. Um viertel nach fünf, eine halbe Stunde nach Maschinenstart, verlassen 14 glückliche „Republikflüchtlinge“ das Linienschiff. Ein schlecht gelaunter Käpt’n übernimmt das Steuer und fährt zurück nach Treptow, betrunken wie er ist. Den Umständen dieser Fluchtaktion war es wohl geschuldet, dass wenig später an der Einfahrt zum Schleusenkanal ein dick gepanzerter Schießstand errichtet wurde und bis zum Fall der Mauer stand.

Hinter der Osthafen-Mole dreht das Schiff plötzlich bei und steuert auf das West-Berliner Ufer zu.
Hinter der Osthafen-Mole dreht das Schiff plötzlich bei und steuert auf das West-Berliner Ufer zu. © Polizeihistorische Sammlung deR Polizeipräsidentin in BerliN

Fahrzeuge des Nahverkehrs, egal ob auf Fluss, Gleis oder Straße unterwegs, sind wuchtig, dickwandig, schwer zu stoppen. Und da die Verbindungswege zwischen Ost und West in der ersten Zeit nach dem Mauerbau zunächst nur halbherzig durch Schranken, Tore oder Wachmannschaften blockiert waren, sah manch verzweifelter Fluchtwillige in ihnen passende Sperrbrecher. So schaffte es auch der Lokführer Harry Detering am Abend des 5. Dezembers 1961 noch, mit acht Personenwaggons bei Staaken durch eine ganze Kaskade massiver, stählerner Hindernisse krachend in den Westen zu dampfen. Sein Zug war auf dem Außenring um West-Berlin herum im S-Bahn-Ersatzverkehr eingesetzt, der nötig wurde, seitdem die Mauer die Diagonale durch die Stadt versperrte.

Elektrifiziert war die Ersatzstrecke natürlich nicht, Dampf war gefragt. Ein Abstecher an diesem Ring führte zu dem kurz vor West-Berlin liegenden Bahnhof Albrechtshof. Unmittelbar dahinter, das hatte Detering erfahren, sollten am 10. Dezember die Gleise an der Grenze entfernt und die Transitzüge aus Hamburg umgeleitet werden über Potsdam und Wannsee. Der geplante Durchbruch mit seinem Nahverkehrszug musste also vorher erfolgen. Wie ein Lauffeuer sprach sich im Freundeskreis Deterings Vorhaben herum, und wie durch ein Wunder geschah es, dass kein Denunziant darunter war.

Durch die Fenster flogen plötzlich die Kugeln

25 Fluchtwillige saßen schließlich in den Waggons – und, natürlich, auch ahnungslose Fahrgäste. Sowie der Zugführer und zwei Soldaten. Die Fahrt verlief kaum weniger dramatisch als die der Friedrich Wolf von Treptow zur Oberschleuse. Ob eingeweiht oder ahnungslos – alle Fahrgäste wussten spätestens dann, was los war, als der Zug immer schneller wurde statt in Albrechtshof zu halten, als draußen Metall auf Metall krachte, die Lok anhaltendes Notsignal pfiff.

Als ihnen schließlich durch die Fenster Kugeln um die Ohren flogen, schmissen sich alle auf den Boden. Währenddessen hatten sich vorn, nachdem sie ausreichend Kohlen ins Feuer geschmissen hatten, Detering und sein Heizer aus dem offenen Lokführerstand in den kugelsicheren Tender verkrochen, in der Hand die lange Leine fürs Notsignal, um die Schrankenwärter in Spandau zu warnen, weil sie fast alle Bremsen außer Kraft gesetzt hatten, damit keiner die Notbremse ziehen konnte. Irgendwo hinter der Gartenstadt Staaken kam der Zug zum stehen, gebremst allein durch die Lokomotive.

Hier ging alles gesittet zu: Ein sowjetischer PKW passiert am 19.09.1962 den alliierten Checkpoint Dreilinden in Berlin.
Hier ging alles gesittet zu: Ein sowjetischer PKW passiert am 19.09.1962 den alliierten Checkpoint Dreilinden in Berlin. © picture-alliance / dpa | dpa

Es waren dies die spektakulärsten aller Fälle, bei denen Nahverkehrsmittel Wege in die Ferne, den Westen, öffneten. Deterings Bahnfahrt wurde ein Jahr später verfilmt. Einreihen könnte man hier noch den Busfahrer, der Weihnachten 1962 am alten Kontrollpunkt bei Dreilinden mit zwei vierköpfigen Familien den Durchbruch durch alle Barrieren schaffte.

Nachdem er seinen Linienbus mit Stahlplatten an allen Innenseiten, den Außenseiten der Reifen, neben den Scheinwerfern und im Motorraum ausgestattet, und das geschwungene Heck – weil es keine runden Stahlplatten gab – mit 25 Zentnern Briketts gegen Schüsse gesichert hatte. Und nachdem er wegen des Übergewichtes und Überhitzung bei 20 Grad minus unterwegs noch den Kühler ausbauen und reparieren sowie eine Reifenpanne beheben musste.

Natürlich war der Nahverkehr und seine Infrastruktur in der geteilten Stadt die Bühne für viele Fluchten und noch mehr Fluchtversuche. Auch Legenden gibt es, besonders um die Geisterbahnen und -bahnhöfe an den West-Linien von S- und U-Bahn, die durch den Osten führten und ohne Halt durchfahren wurden. Dabei gibt es nur einen dokumentierten Fall, bei dem ein U-Bahnfahrer zwischen zwei solchen Bahnhöfen außerplanmäßig anhielt, weil ihm ein Flüchtling überraschend zuwinkte. Der Ost-BVG-Angestellte hatte seine Familie auf verschlungenen und geheimen Wegen durch den Untergrund geführt.

Ein Kameramann der US-Fernsehanstalt NBC (r.) steht am 24. Juli 1962 vor der Mauer in der Heinrich-Heine-Straße in Berlin.
Ein Kameramann der US-Fernsehanstalt NBC (r.) steht am 24. Juli 1962 vor der Mauer in der Heinrich-Heine-Straße in Berlin. © picture alliance / dpa | dpa

Mehrfach scheiterten Versuche vor allem an der (heutigen) Linie 8 zwischen Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz, an versteckten Warnanlagen oder aufmerksamen Grenzern im Untergrund. Andererseits gelang gerade dort in den ersten Mauerjahren Bauarbeitern mehrfach die Flucht, auch dem Wachpersonal. Eines Tages war die gesamte Besatzung des Geisterbahnhofs Heinrich-Heine-Straße verschwunden. Meist gingen in so einem Fall Grenzer anschließend hinüber zu den West-Kollegen im Tunnel und ließen sich bestätigen: Jawoll, die sind rüber. Die Tschechin Klára Kotábová hat in einer historischen Studie über die Geisterbahnhöfe eine Bilanz der dortigen Fluchtbewegungen erarbeitet.

Die größte Fluchtaktion fand überhaupt nicht statt

Eine halbe Schulklasse aus Ost-Berlin fand 1964 über Wochen Zug um Zug einen Trick, auf anfahrende Züge des Moskau-Paris-Express kurz nach dessen Abfahrt aus dem Bahnhof Friedrichstraße nach Westen aus einem Versteck im Eisengestänge der Brücke aufzuspringen. Der Entdecker dieses Weges, ein Mitschüler, hatte ihn aus West-Berlin brieflich mitgeteilt. Andere Tore in die Freiheit waren nach dem Ersterfolg verschlossen. Weniger Glück im selben Bahnhof hatte jener Mann, der eine S-Bahn-Fahrerin mit vorgehaltenem Luftgewehr zwingen wollte, auf dem Ost-Gleis weiter in den Westen durchzubrechen. Was er nicht bedachte: Das Ost-Gleis endete kurz hinter der Friedrichstraße an einem Prellbock.

Die allergrößte Fluchtaktion, die 127 Ostdeutschen mit einem S-Bahn-Zug die Freiheit schenkte, fand leider gar nicht statt. Lange Zeit war sie sowieso unbekannt geblieben. Bis ein West-Berliner Journalist 2019 in Stasi-Akten darauf stieß. Ein Stellwerksmeister sollte demnach 1983 dafür die Weichen gestellt haben. Der Journalist spürte den Mann auf. Er kam ganz groß raus, wurde vom Bundespräsidenten empfangen. Dann bekam er es mit der Angst, denn das Ganze stimmte gar nicht. Aber auch das wiederum stimmt nicht. Alles nur ein Roman, von Maxim Leo: Plötzlich ein Held.