30 Jahre Mauerfall

Der Mann, der mit dem Ballon aus der DDR floh und abstürzte

Flucht aus der DDR: Winfried Freudenberg stürzte vor 30 Jahren bei der Flucht mit einem selbstgebauten Ballon in Zehlendorf ab.

Polizisten sichern den Absturzort des Ballons, mit dem Winfried Freudenberg am 8. März 1989 aus der DDR flüchtete.

Polizisten sichern den Absturzort des Ballons, mit dem Winfried Freudenberg am 8. März 1989 aus der DDR flüchtete.

Foto: Foto: Peter Rondholz / ullstein bild

Winfried Freudenberg wäre als Wissenschaftler weit gekommen, da ist sich sein älterer Bruder sicher. „Er war Diplomingenieur, hatte schon mehrere Patente erfolgreich angemeldet, wollte ganz nach oben.“ Doch es kam anders.

Reinhold Freudenberg ist heute 66, sein jüngerer Bruder Winfried wäre 62, wenn er noch lebte. Schon als Schüler habe der Jüngere rausgewollt aus dem kleinen Dorf Lüttgenrode im einstigen Grenzgebiet im Harz, erzählt der Ältere. Das Dorf lag zu DDR-Zeiten direkt im Sperrgebiet zur Bundesrepublik. Während der Ältere wie seine Vorfahren in der Landwirtschaft blieb, zog Winfried Freundenberg fürs Studium der Informationstechnik erst nach Ilmenau, fand Arbeit in Ost-Berlin.

Und stürzte, weil er noch weiter wollte, am Morgen des 8. März 1989 in einem Garten in Zehlendorf in den Tod. „Aus großer Höhe“ von bis zu 3000 Metern muss er auf der Flucht in den Westen aus der Halterung seines gebauten Ballons gefallen sein, rekonstruiert die West-Berliner Polizei später.

Freudenbergs spektakuläre Ballonflucht ist heute vielfach dokumentiert und erforscht. Dass sein Schicksal dennoch nie zur Heldenstory verfilmt wurde wie andere DDR-Fluchtgeschichten, mag an der Tragik liegen, mit der sie endete. Vielleicht trug auch der Zeitpunkt dazu bei. Winfried Freudenberg gilt als letzter DDR-Bürger, der bei der Flucht ums Leben kam. Nur acht Monate und einen Tag später fiel die Mauer.

Der Ballon landet in einem Baum in Zehlendorf

Doch am 8. März 1989 ahnt das niemand. Wut und die Fassungslosigkeit klingen bis heute mit, wenn Reinhold Freudenberg von jenem Tag erzählt – er ist der ältere Bruder von Winfried. Am frühen Morgen um fünf Uhr ruft die die örtliche Volkspolizei die Familie das erste Mal an. „Sie stellten seltsame Fragen nach Winfried und mir“, erinnert sich Reinhold Freudenberg. Die Familie versteht nicht, worum es geht. „Wir hatten von Winfried seit dem Sommer nichts mehr gehört und uns das mit seiner vielen Arbeit erklärt. Er hat nie mit uns über Fluchtgedanken gesprochen“, sagt der Bruder. „Dass er absichtlich den Kontakt abgebrochen hatte, um uns nicht als Mitwisser zu gefährden, habe ich erst später verstanden.“

Es folgen weitere Fragen der Behörden. Erst am Abend des 8. März bekommt die Familie endlich traurige Gewissheit. „Ein Reporter der Berliner Morgenpost rief uns an“, erinnert sich Reinhold Freudenberg. Dieser bestätigt der Familie, was die Polizei in Berlin längst weiß: Es ist Winfried Freudenberg, der mit seinem selbst gebauten Ballon auf der Flucht in den Westen in einem Garten in Zehlendorf tödlich verunglückt ist. „Die DDR-Behörden dagegen haben uns nur ausgefragt und im Unklaren gelassen. Statt uns zu informieren, haben sie unser Telefon abgehört, um herauszufinden, was wir wussten.“

Am Ballon hängen Tüten aus der DDR

Der 8. März ist ein Mittwoch. Vorhergesagt sind für Berlin Regen und schwacher Wind aus Nordost. Morgens gegen halb acht rufen mehrere West-Berliner die Polizei an: Sie haben einen großen Ballon über der Potsdamer Chaussee in Zehlendorf gesehen, der in einem Baum gelandet ist. „Ich dachte zuerst, es ist ein Fallschirm von den Amerikanern“, berichtet ein Mann der Berliner Morgenpost. Die Polizisten finden an den Seilen des Ballons eine Lederjacke mit abgerissenen Knöpfen und mehrere Plastiktüten und Taschen mit Sand als Gewicht. Darin: Kleider und persönliche Dinge aus der DDR. Als Passanten später etwas weiter den DDR-Ausweis und ein Sparbuch Winfried Freudenbergs finden, ist sich die Polizei sicher: Es war eine Flucht. Nur wo ist der Flüchtling?

Die große Suche von damals ist vielen Zehlendorfern bis heute gut im Gedächtnis. Polizisten mit Hunden durchkämmen die Gegend. Ein Hubschrauber kreist über dem Süden Zehlendorfs, man nimmt zunächst an, dass der Ballon aus Richtung Teltow kam. Als auch Damenbekleidung und weitere Papiere entdeckt werden, wird die Suche auf eine zweite Person ausgedehnt – Freudenbergs Ehefrau Sabine. Die Polizei fragt vergeblich im Notaufnahmelager Marienfelde an, bittet die Anwohner um Hinweise.

Kein Knochen und kein Organ blieb heil

Am Nachmittag gegen 15 Uhr schaut ein Medizinprofessor aus seinem Arbeitszimmer in seinem Garten an der Limastraße nahe dem Waldsee in Zehlendorf. Zwischen Immergrün und Efeu, liegt ein junger Mann, bekleidet mit braunen Jeans und hellem Hemd. „Erst wollte die Polizei gar nicht glauben, dass er tot war“, erinnert sich die Tochter des Professors. „Aber der Körper war tief in die Erde eingeschlagen und so verrenkt, es gab keinen Zweifel.“ Die Obduktion ergibt später, dass kein Knochen und kein Organ heil geblieben waren, als der Elektroingenieur Winfried Freudenberg, 32 Jahre alt, in dem Garten aufgeschlagen war. Und noch etwas vermerken die Ermittler: Es gab keine Einschüsse.

Denn auch wenn die internationale Politik Anfang 1989 auf Perestroika und Tauwetter setzt – aus der DDR fliehen immer mehr Menschen. Vier Wochen zuvor ist an der Mauer in Treptow der 20-jährige Chris Gueffroy auf der Flucht erschossen worden. In Ost-Berlin ist gerade ein verzweifelter Familienvater mit seinem Lada auf den Hof der Bonner Vertretung gebrettert, hat dabei einen Volkspolizisten verletzt. Grund: Der Ausreiseantrag der Familie war abgelehnt worden. Nach dem neuen Reisegesetz der DDR war damit jede Chance auf legale Ausreise dahin.

Über die Flucht vom 8. März rätseln die Behörden im Westen am Morgen 9. März zunächst noch. Sabine Freudenberg haben sie nicht gefunden, nun erfahren sie: Sie lebt. Die Volkspolizei hat das Ehepaar in Blankenburg im Norden Berlins im letzten Moment des Starts entdeckt und die Frau festgenommen.

„Acht Monate später hätten wir alles gehabt“

Ein Jahr danach berichtet Sabine Freudenberg der Berliner Morgenpost in einem Interview von jener dramatischen Nacht. Inzwischen ist die Mauer gefallen. Sie ist voller Verzweiflung, dass sie die Flucht damals nicht abgebrochen haben. „Acht Monate später hätten wir alles gehabt, wofür wir unser ganzes Leben aufs Spiel gesetzt haben – freie Entscheidung über unsere Zukunft.“

Sabine Freudenberg, die heute anders heißt, ist Wissenschaftlerin, war damals erst 23 Jahre alt und Diplom-Chemikerin in einem Forschungsbetrieb der DDR. Im Oktober 1988 hat das Paar geheiratet und mit der Planung der Flucht begonnen. Schon im Sommer, rekonstruiert Winfried Freudenbergs Bruder später, hat dieser bei einem Verwandtenbesuch in West-Deutschland Kontakt zu möglichen Arbeitgebern und Studienkollegen gesucht, die jetzt im Westen leben. Ein Cousin erzählt, Winfried habe auch die Story seiner Flucht schon an West-Medien verkauft. So sicher war er, in den Westen zu gelangen.

Wochenlang kauft das Ehepaar in Berliner Geschäften immer wieder kleine Mengen Plastikfolie ein, die für Beete verwendet wird. Tags gehen sie arbeiten, nachts kleben sie in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg klammheimlich den Ballon zusammen, knüpfen ein Netz aus Bindfäden. Freunde halten sie mit Ausreden von Besuchen ab. Niemand darf etwas mitbekommen. Republikflucht wird in der DDR mit Gefängnis bestraft, Spitzel sind überall. In den Nächten kundschaften sie einen Stadtgas-Regler in einer Laubenkolonie in Blankenburg aus. Das Gas soll den Ballon tragen. 13 Meter lang und insgesamt 38 Kilo schwer ist die Konstruktion, mit der sie sich am späten Abend des 7. März 1989 auf den Weg nach Blankenburg machen. Eine halbe Stunde, nicht länger, soll die Ballonfahrt dauern. Im Gepäck haben sie ihre Papiere, dazu sehr viel Geld, denn sie haben auch ihren Lada verkauft. 40.000 Mark war ein solcher Wagen in der DDR wert.

Im Gepäck Pink Floyd, Dire Straits und Weihnachtslieder

Sie packen Briefe von Freunden im Westen ein, die von der Flucht wissen. Und ihre Heiratsurkunde. „Sie war besonders wichtig“, berichtet Sabine Freudenberg in dem Interview. „Wir hatten verabredet, wenn etwas schiefgeht, sollte einer versuchen, mit dem Ballon zu starten, um den anderen per Familienzusammenführung nachzuholen.“ Die West-Berliner Polizisten finden Gepäckstücke der Freudenbergs am folgenden Tag an verschiedenen Orten der Stadt, unter anderem auch am Flughafen Tegel. Darin liegen neben acht Fachbüchern, einem Radio, einer Kamera und Werkzeug auch Musikkassetten. Pink Floyd, Dire Straits und Weihnachtslieder – alles, so sieht es aus, haben die Wissenschaftler bedacht, sogar das Heimweh.

Nur mit dem Kellner haben sie nicht gerechnet, der die Leute im dem Ballon auf dem Heimweg nach der Arbeit nachts um halb zwei zufällig beobachtet und die Polizei ruft, weil er ahnt, dass dies eine verbotene „Republikflucht“ ist. Und mit dem Aufwind, der Winfried Freudenberg weiter und höher tragen wird, als er berechnet hat.

Wie die Flucht entdeckt wurde, steht im Bericht der Staatssicherheit vom 9. März 1989. Gegen 2.10 Uhr, heißt es da, „nahm die Besatzung eines Funkstreifenwagens den Aufstieg dieses Flugkörpers mit einer daran festgeschnallten Person wahr“. Sabine Freudenberg erinnert sich im Interview 1990 an den dramatischen Moment. Als die Polizei eintrifft, ist der Gasballon noch nicht voll. „Ich schrie verzweifelt: Los! Das reicht nur für einen von uns!“

Kurzschluss an der Stromleitung

Also stieg Winfried Freudenberg alleine auf – und wäre beinahe gleich wieder abgestürzt. Denn während die Polizisten versuchen, ihn aufzuhalten, berührt der Ballon eine nahegelegene Stromleitung. Es gibt einen Kurzschluss, was wohl die Schmauchspuren an den Tüten erklärt, die die West-Berliner Beamten später finden. Die Ost-Berliner lassen den Ballon ziehen. Im Bericht halten sie fest: „Eine Anwendung der Schusswaffe durch die Angehörigen der Deutschen Volkspolizei erfolgt nicht“.

Stundenlang, so rekonstruieren danach Polizei und Wetterexperten in West-Berlin, muss Winfried Freudenberg einmal über ganz West-Berlin geschwebt sein. Immer höher, bis auf möglicherweise 3000 Meter, wo die Luft eisige Temperaturen hat. Zuletzt sehen Passanten den Ballon gegen 7.30 Uhr über dem Teufelsberg. Ob er vor Kälte oder Entkräftung aus der Haltevorrichtung fiel, ob er bei dem Versuch abstürzte, Gas abzulassen um zu landen, bevor er wieder auf das Gebiet der DDR kam – niemand weiß es.

Sabine Freudenberg kann in der Nacht noch zu Fuß zurück nach Hause fliehen. Dort aber warten schon die Beamten. Sie haben in einer zurückgelassen Tasche ihre Adresse gefunden. Sabine Freudenberg wird, so der Stasi-Bericht, „als Mittäterin identifiziert und festgenommen“. Zwar bietet ihr später die Bundesrepublik an, sie freizukaufen. Doch sie willigt ein zu bleiben und wird im Gegenzug „nur“ zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Erst im Oktober 1990 wird sie amnestiert.

Stasi kontrolliert auch die Beerdigung

Was hat die das junge Wissenschaftlerpaar dazu gebracht, sein Leben durch diese riskante Ballonflucht zu riskieren? Der Beweggrund, sagt Sabine Freudenberg 1990, „war, dass man uns Reisen, Tagungen, Forschungsmöglichkeiten und Kontakte zu Menschen in westlichen Ländern vorenthielt. Dass wir unser Informationsbedürfnis nur mit hier vorhandenen Mitteln stillen durften und dabei immer an Grenzen stießen.“

Als Winfried Freudenberg im April 1989 in seinem Heimatdorf Lüttgenrode beigesetzt wird, demonstriert die DDR noch einmal, zu was sie fähig ist. Die Familie darf niemanden zur Beerdigung einladen, erinnert sich Reinhold Freudenberg. Das Dorf wird für Besucher abgesperrt. Die 300 Einwohner kommen natürlich trotzdem. Selbst den Trauerredner bestimmt die Stasi, und auf Freudenbergs Grab darf nur stehen: „Auf tragische Weise verunglückt“. Nicht mehr.

Vergessen ist Winfried Freudenberg nicht. In Zehlendorf erinnert seit 2012 nahe dem Waldsee eine große Gedenktafel an ihn. Sein Bruder Reinhold kam damals zur Einweihung. „Engagierte Anwohner haben sich sehr für diese Tafel eingesetzt“, sagt er dankbar, „auch die Familie, in deren Garten mein Bruder damals abstürzte“. Ein Gedenken an Winfried Freudenberg gibt es auch dieses Jahr: Am 8. März um 12 Uhr in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße (Mauergedenkstätte). Und im Mai erscheint seine Geschichte als Buch: Caroline Labusch: „Ich hatte gehofft, wir können fliegen“ (Random House).