Urlaub zu Hause

Stralau: Geschichten eines Berliner Fischerdorfs

Auf der Halbinsel Stralau ist von Hektik nichts zu spüren. Rund um die Rummelsburger Bucht kann man in die Geschichte eintauchen.

Lädt zum Spazieren am Wasser ein: die lange Promenade an der Rummelsburger Bucht in Friedrichshain. 

Lädt zum Spazieren am Wasser ein: die lange Promenade an der Rummelsburger Bucht in Friedrichshain. 

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Unweit des Treptower Parks, in dem es an schönen Sommertagen durchaus trubelig werden kann, liegt die ruhige Landzunge Stralau. Stralow, wie der Ort auf slawisch heißt, bedeutet Pfeilort – und der Name passt. Spitz ragt die Halbinsel in die Spree hinein. Hier fühlt sich Berlin beinahe wie eine Küstenstadt an: Boote liegen vertäut am Ufer, schaukeln bei leichtem Wind sanft auf dem Wasser. Nur Fischbuden fehlen, die die Ostsee-Szenerie vervollständigen würden.

Beginnt man den Rundgang über die Halbinsel Stralau auf dem südlichen Uferweg, ist man vor Sonnenstrahlen gut geschützt, hohe Bäume säumen die Fußwege. Rechter Hand liegt das unbefes­tigte Ufer, Äste und Zweige reichen bis in das Wasser hinein, kleine Holzstege sind beinahe zugewachsen. Den besten Blick auf die Spree haben jedoch die Bewohner der in den blauen Himmel hineinragenden Neubauten. Weiß und grau dominiert bei der Fassadengestaltung, Glasfronten und die zahlreichen Balkone erwecken gar den Eindruck einer Ferienhaussiedlung. Wer mit Kindern unterwegs ist, muss sich jedoch auf enttäuschte Gesichter einrichten: Viele Spielplätze sind privat und hinter Zäunen versteckt.

Philosoph Karl Marx schrieb in Stralau an seiner Doktorarbeit

Schon nach kurzem Fußweg begegnet der Spaziergänger in Stralau einem bekannten Gesicht auf rotem Sandstein. Der Philosoph Karl Marx verbrachte 1837 einen Sommer in Stralau und schrieb hier an seiner Doktorarbeit. Das Denkmal des Vordenkers der Arbeiterbewegung erinnert auch an den Streik der Glasarbeiter 1901: Das Stralauer Glaswerk produzierte nämlich von 1889 bis 1997 Flaschen auf der Halbinsel.

Doch nicht nur Fabriken hatten ihren Sitz auf Stralau. Bekannt war die Landzunge früher vor allem für ihre Werften wie die Spree-Havel-Dampfschifffahrtsgesellschaft „Stern“ oder die „Hansa Werft“, die seit über 100 Jahren im Bootsbau tätig ist. Zudem wurde hier 1891 Deutschlands erster Segelclub und 1866 der erste Anglerverein gegründet.

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Von industrieller Lokalgeschichte ist es auf Stralau nur einen Schritt bis ins Mittelalter. Die 1464 geweihte Dorfkirche ist das älteste Bauwerk im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Zwar wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg massiv beschädigt und anschließend erneuert, doch die Kirchenfenster sind weiterhin eine Besonderheit: Die bunten Gläser sind die einzigen erhaltenen Reste spätgotischer Glasmalerei in Berlin.

Geist des ehemaligen Fischerdorfs ist spürbar

Gleich dahinter liegt der Stralauer Friedhof, der schönste Ort der Halbinsel. Nirgends sonst in Stralau ist der Geist des ehemaligen Fischerdorfs spürbarer als hier. Besucher gibt es wenige, und so hat man den kleinen Friedhof meist ganz für sich. Die Grabsteine reichen bis an das Wasser heran, hinter der letzten ­Reihe sind nur noch wenige Zentimeter Erde. Einige Gräber sind halbkreisförmig angeordnet, und so lässt es sich auf der davorstehenden Bank schön verweilen, die Gedanken schweifen lassend, während der Wind sacht vom Wasser ans Ufer hinüberweht.

Neben den Gräbern bekannter Stralauer Familien, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, wird hier auch an die unvermeidbar traurigen Kapitel eines Lebens am Fluss erinnert: Die vielen in der Spree und in der Rummelsburger Bucht Ertrunkenen haben ihre letzte Ruhestätte nahe der Dorfkirche gefunden.

Wenige Meter weiter ist schon die Spitze der Halbinsel erreicht. Wer sich bis jetzt noch nicht ausgeruht hat, macht das am besten hier. Direkt am Wasser steht zwischen dichten Bäumen eine Bank. Hier sitzt man nicht nur mit Blick auf vorbeifahrende Kajaks, Tret- und Paddelboote, sondern auch auf die dicht bewachsene Insel der Jugend. Von Treptower Seite aus ist die Insel über eine Brücke begehbar, von Stralau aus bleibt die Illusion einer unzugänglichen Insel-Wildnis bestehen.

Zwei kleinere Inseln stehen unter Naturschutz

Tatsächlich unzugänglich sind hingegen zwei kleinere Inseln: Die Liebesinsel und der Kratzbruch liegen östlich vor Stralau und stehen seit 1999 unter Naturschutz, damit Fischotter, Biber, aber auch Wasservögel sich hierhin zurückziehen können. Auch unter dem Namen „Diebesinsel“ bekannt, wurde auf der Liebesinsel früher vermutlich Diebesgut und Schmugglerware versteckt. Ihren Namen erhielt die Insel jedoch tatsächlich von den Liebespaaren, die sich hier trafen und manchmal sogar zusammen das Leben nahmen.

Im Gegensatz zum südlichen Teil Stralaus sind nun auf dem nördlichen Uferweg weniger moderne Hausboote als alternative, mitunter aus Holz gefertigte Schiffskonstrukte vertäut – wir haben den Rummelsburger See erreicht, auf dem schon seit Jahren Aussteiger auf Booten leben. Bis vor Kurzem lebten einige sogar in einer eigenen Siedlung, „Neu-Lummerland“, zusammen.

Luxuswohnungen im ehemaligen Palmkernölspeicher

Direkt am Wasser steht im Norden Stralaus ein monumentales Gebäude; der ehemalige Palmkernölspeicher. Heute sind darin Luxuswohnungen untergebracht, früher wurde in dem denkmalgeschützten Bauwerk Pflanzenöl hergestellt. Wer nach dem Halbinsel-Rundgang noch weiter spazieren möchte, umrundet einfach weiter den Rummelsburger See und überquert die unsichtbare Grenze zwischen den Bezirken.

Auch auf Lichtenberger Seite finden sich geschichtsträchtige Gebäude: Auf Höhe der Hauptstraße 7 stehen noch heute die ehemaligen Knabenhäuser des Friedrichs-Waisenhauses. Entstanden zwischen 1854 und 1859, lebten in Rummelsburg noch bis 1953 elternlose Kinder. Anschließend zogen Grenztruppen der DDR in das Gebäude, nach dem Mauerfall nutzte es zeitweilig der Bundesgrenzschutz, bis auch hier Anfang der 2000er-Jahre Wohnungen entstanden.

Düsteres Kapitel der Rummelsburger Geschichte

Gegen Ende des Spaziergangs erreichen wir nun ein düsteres Kapitel Rummelsburger Geschichte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts als Arbeitslager genutzt, wurden hier während des Nationalsozialismus’ auch Homosexuelle und vermeintlich psychisch Kranke festgehalten. Das DDR-Regime ließ im Gefängnis Rummelsburg bis 1990 ebenfalls Häftlinge unterbringen. Heute wird das Gelände anderweitig genutzt. Vornehmlich Wohnungen, aber auch kleinere Unternehmen sind in den Gebäuden untergebracht. Im Alten Lazarett findet so etwa regelmäßig ein Sprachcafé statt.

Einige Meter weiter endet unser Spaziergang. Hinter dem Gewerbehof, auf dem auch die „Ostbloc“ Boulderhalle steht, führt der Weg nicht mehr weiter. Dahinter erstreckt sich das Gelände des Heizkraftwerks Klingenberg, dessen graue Schlote schon von Weitem sichtbar sind. Gut fünfeinhalb Kilometer später liegen mehrere Jahrhunderte Berliner Geschichte hinter uns: Von industriellen Fabriken und Schiffswerften über einen mittelalterlichen Kirchhof bis hin zu ehemaligen DDR-Einrichtungen wurden verschiedenste Welten durchwandert, um sich nun vor einem Piratenschiff wiederzufinden.

„Gode Wind Hauptstadtkogge“ liegt in Rummelsburg vor Anker

Die „Gode Wind Hauptstadtkogge“ liegt mit ihren knapp 50 Tonnen seit 2014 in Rummelsburg vor Anker. Zuvor als Requisitenschiff im Historienfilm „Störtebecker“ verwendet, wird hier heute Fisch serviert. Coronabedingt ist das schwimmende Restaurant momentan allerdings für den Tagesbetrieb geschlossen. Für private Feiern kann die „Gode Wind“ jedoch wieder reserviert werden. Hochzeitsfotos auf einem Piratenschiff – in Rummelsburg problemlos möglich.

Anfahrt, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten

Anfahrt

Mit Bus und Bahn Denkbar einfach fährt man mit den S-Bahnlinien S8, S9, S41/42, S45, S46, S47 oder S85 zum S-Bahnhof Treptower Park. Alternativ kann auch die S-Bahnstation Ostkreuz angefahren werden. Hier halten zudem Regionalbahnen sowie Busse der Linien 194 und 347.

Mit dem Auto Die B96a führt direkt am Treptower Park vorbei, bei der Ausfahrt am Treptower Park/B96a abbiegen. Wer über die B1/B5 fährt, verlässt diese auf Höhe der Gürtelstraße, die später Neue Bahnhofstraße heißt. An der zweiten Kreuzung links in die Boxhagener Straße einbiegen, dann nach den S-Bahn-Gleisen rechts in die Kynaststraße. Dieser bis zum Ende folgen und links in Alt-Stralau einbiegen. Wer auf der Halbinsel nicht nach Parkplätzen suchen möchte, kann kostenlos auf dem Parkplatz im Treptower Park beim Rosengarten parken oder fährt in die Tiefgarage des Parkcenters Treptow, Am Treptower Park 14, 12435 Berlin. Parkplätze kosten hier 1 Euro für drei Stunden, geöffnet ist täglich außer sonntags von 8 bis 22 Uhr.

Essen und Trinken

„Hafenküche“ Am Ende des Spaziergangs, tief in Rummelsburg, liegt das Restaurant „Hafenküche“. Hier werden täglich Gerichte für den kleinen Hunger aufgetischt, mittags wird zudem ein täglich wechselndes Lunchgericht angeboten. Die Preise sind günstig, gekocht wird deutsch und mediterran. Der Biergarten ist bei gutem Wetter geöffnet. Zur Alten Flussbadeanstalt 5, 10317 Berlin, www.hafenkueche.de, Tel. 030-442 1999 26, geöffnet täglich von 12 bis 22 Uhr, Mittagsangebote wochentags von 12 bis 14.30 Uhr.

„Rummels Bucht“ An sonnigen Tagen lädt der Biergarten „Rummels Bucht“ mit Strandkörben am Wasser zum Verweilen ein. Beliebt ist das Berliner Original vor allem wegen seiner großen Pizzen. Hauptstraße 1, 10317 Berlin, www.rummels-welt.de,info@rummels-welt.de, geöffnet dienstags bis donnerstags 16 bis 1 Uhr, freitags 16 bis 3 Uhr, sonnabends 14 bis 3 Uhr, sonntags 12 bis 1 Uhr.

„Backnixe“ Das gastronomische Angebot in Stralau selbst ist begrenzt. Wer dennoch hier etwas essen will, besucht eine der Bäckereien, wie die Backnixe. Für ein belegtes Brötchen oder Kaffee und Kuchen lässt es sich gut einkehren. Am Speicher 5, 10245 Berlin, Tel. 030-235 38 723, geöffnet wochentags von 7 bis 18 Uhr, am Wochenende von 7 bis 16 Uhr.

In der Nähe

Bootsfahrt Wer sich Stralau und die Rummelsburger Bucht lieber auf dem Wasser erschließen will, kann sich Tret- oder Paddelboote ausleihen. Das geht zum Beispiel bei dem Anbieter „Ahoi Ostkreuz“ am Paul und Paula Ufer, neben dem Biergarten „Rummels Bucht“. Der Verleih ist täglich von 10 Uhr bis Sonnenuntergang geöffnet, die Leihgebühr für Kajaks beträgt 12 Euro, für Tretboote 15 Euro pro Stunde. www.ahoi-ostkreuz.de, Tel 0179 8888372. „Rent-a-Boat“ im Treptower Park verleiht wegen der Corona-Pandemie aktuell keine Boote.

Bouldern Im „Ostbloc“ kann auf über 1 000 Quadratmetern geklettert werden. Beim Bouldern klettert man ungesichert bis auf Absprunghöhe. Dadurch kann man auch alleine und ohne erfahrene Partner klettern, weiche Matten sorgen für ein gefahrloses Fallen. Eine Tageskarte kostet 9 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Frühaufsteher (wochentags bis 14 Uhr) zahlen nur 6 Euro. Leihschuhe werden für 3 Euro angeboten. Hauptstraße 13, 10317 Berlin, www.ostbloc.de, Tel. 030-554 994 22, geöffnet wochentags von 10 bis 23 Uhr, am Wochenende von 9 bis 23 Uhr.