Sie sitzen nachts auf dem Balkon. Ganz oben, ganz beengt. Und sie tratschen. Über sich und die Welt. Und prosten sich zu. Abend für Abend. Die eine ist gelernte Schneiderin, kämpft sich aber als Altenpflegerin durch. Sie bewältigt ihren Job mit Hingabe. Fühlt sich nur ab und an ein bisschen allein. Die andere ist arbeitslos, muss sich ganz allein um ihren in die Pubertät kommenden Sohn kümmern. Und ist ein bisschen überfordert. Aber sie haben ja sich. Zwei Seelen, die einander beistehen. Es ist ein bisschen wie der Berliner Gassenhauer „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“. Mit einem Balkon als pars pro toto für die Stadt. Und dem Himmel über Berlin.
An jedem ersten Dienstag im Monat zeigt die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast in der Reihe „Hauptrolle Berlin“ einen genuinen Berlin-Film. Andreas Dresens wunderbar leichte Tragikomödie „Sommer vorm Balkon“ darf dabei nicht fehlen. Und ist am 1. November dann auch noch das veritable Gegenstück zum vorhersehbaren Schmuddelwetter.
Der beste aller Berlin-Film-Autoren
Der Film aus dem Jahr 2005 ist lange Zeit eine locker erzählte und deutlich improvisierte Zustandsbeschreibung, die den Berliner Alltag ganz einfacher Leute im Prenzlauer Berg begleitet. Bis dann mit großem Auftritt ein LKW-Fahrer in die Handlung braust. Die eine der beiden verguckt sich in ihn. Und der nistet sich auch gleich unaufgefordert bei ihr ein. Was das Verhältnis der beiden Freundinnen empfindlich auf die Probe stellt.
Diese Geschichte zweier ungleicher Frauen, sie ist eigentlich eine Geschichte zweier ungleicher Männer: die von Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Kohlhaase, Jahrgang 1931, war schon damals eine Defa-Legende, Drehbuchautor von Regisseuren wie Gerhard Klein und Konrad Wolf. Keiner hat wohl so viele, schöne Berlin-Filme geschrieben wie er.

Klassiker wie „Berlin, Ecke Schönhauser“, „Berlin um die Ecke“ und natürlich „Solo Sunny“, wo 25 Jahre vor dem „Balkon“ schon einmal eine junge arbeitslose Frau allein, aber trotzig ihren Weg durch Berlin und durchs Leben ging. Unter anderem über die S-Bahnbrücke an der Schönhauser Allee, in der nun auch der Sohn der Alleinerziehenden läuft. Ein ganz großes Filmzitat.
Dresen, Jahrgang 1963, war dagegen ein Defa-Küken. Ist mit Kohlhaase-Filmen aufgewachsen und mit ihnen kinematographisch sozialisiert worden, bevor er, gerade als die Mauer fiel, zu drehen begann. Mit Filmen wie „Nachtgestalten“ oder „Halbe Treppe“ ist auch er ein Film-Anwalt der kleinen Leute, die gegen die Widrigkeiten des Alltags und der Verhältnisse ankämpfen, was er mit großer Wärme erzählt.
Die Berliner Schnauze als Lebensart
Man kann sich das richtig ausmalen, wie die erste Zusammenarbeit dieser beiden Männer ausgesehen haben mag. Dass sie auf genau so einem Balkon gesessen haben müssen, mit einem Rotwein auf dem Tisch, um diese scheinbar federleichten Dialoge niederzuschreiben. Wie der eine einen Satz gesagt hat wie: „So ist das Leben.“ Und der andere anfügt: „Aber wirklich.“ Solche Sätze fallen jedenfalls bei ihren beiden Frauenfiguren, die noch mal einem ganz anderen Jahrgang angehören als ihre Erschaffer.
In Wirklichkeit sind die beiden Männer durch den Prenzlauer Berg spaziert, auf Suche nach Motiven für ihren Film. Am Ende, wie das Leben so spielt, haben sie alles am selben Ort gefunden, am Helmholtzplatz. Der Balkon wird dabei zur Keim-, zur Urzelle für einen ganzen Kiez. Und die viel gerühmte und auch gefürchtete Berliner Schnauze nicht nur zur Redens-, sondern zur Lebensart. Kohlhaase ist ein Meister von Dialoge, die scheinbar ganz leicht daher gesagt sind. „Großstadtsprache“, verriet er damals, zum Filmstart, dieser Zeitung, sei „etwas ziemlich Stabiles“. Berlinerisch sei darüber hinaus „nicht nur eine Art zu sprechen, sondern eine Art zu denken: sich mit Sprache durchzusetzen, in Sprache versenken, durch Sprache abgrenzen.“

Andreas Dresen hat die Hauptrollen mit Nadja Uhl, Inka Friedrich und Andreas Schmidt hochinteressant besetzt. Weil man bei Komödien bis dahin nicht an Nadja Uhl gedacht hatte und Andreas Schmidt so ziemlich das genaue Gegenteil von dem Macho-Macker ist, den er da spielt. Wie so oft, hat Dresen viele Szenen improvisieren lassen, was dem Ganzen etwas Quasi-Dokumentarisches gibt. Und kleine Rollen hat er mit vielen Laien besetzt, lauter Icke-Dette-Berliner, die noch die eine oder andere Pointen mitlieferten, auf die selbst das Duo Dresen/Kohlhaase nicht gekommen wäre.
Und dann lässt Dresen noch, als letztes Sahnehauberl, lauter Schlagerschnulzen laufen, die die Handlung immer ein wenig ironisch kommentieren. „Guten Morgen, Sonnenschein“ von Nana Mouskouri wird man danach nie wieder unschuldig hören, das Lied wird zum Inbegriff des Neubeginns. Es kann ein guter Morgen sein für Nadja Uhls Nike, weil ihre neue Flamme in der Nacht alle Register gezogen hat. Es kann aber auch ein schlechter sein, wenn er sich beim Frühstück als ziemliche Dumpfbacke erweist. Es kann ein guter Morgen sein, wenn Inka Friedrichs Katrin hoffnungsfroh zu einem Bewerbungsgespräch geht. Es kann aber auch ein schlechter sein, wenn sie mit einem fürchterlichem Kater in den Discoklamotten von gestern aufwacht.
Gedreht in einem Kiez, den es nicht mehr gibt
Eine Momentaufnahme von Berlin. Von einem gewachsenen Kiez, der allerdings schon damals bedroht war. Wer heute in einem der vielen Cafés um den Helmholtzplatz herum sitzt und sich danach den Film ansieht, kann nicht glauben, dass das dieselbe Berliner Ecke sein soll. Im Film bröckelt noch der Putz von der Fassade, dann aber wurde das Haus Duncker-, Ecke Raumerstraße saniert. Am Ende des Films steht es schon im Gerüst. Die Dreharbeiten haben davon profitiert: Die Sanierung wurde extra verzögert. Gedreht wurde in einem leeren Haus. Danach aber zogen ganz andere Mieter ein. Auch die Helden des Films hätten sich die Mieten nicht mehr leisten können. Inzwischen ist der ganze Kiez völlig gentrifiziert. In dieser Hinsicht ist „Sommer vorm Balkon“, sonst noch gar nicht so alt und eigentlich zeitlos, doch schon ganz schön historisch.


