Premiere

Thorsten Lensings grandioser Abend "Verrückt nach Trost"

| Lesedauer: 3 Minuten
Katrin Pauly
Zu zweit allein: Charlotte (Ursina Lardi) und Felix (Devid Striesow)

Zu zweit allein: Charlotte (Ursina Lardi) und Felix (Devid Striesow)

Foto: Armin Smailovic

In der Behauptung liegt die Befreiung: Das neue Stück von Thorsten Lensing bietet großartiges und spielfreudiges Theater.

Jeder Oktopus, der zukünftig eventuell noch seinen Weg auf eine Theaterbühne findet, wird sich fortan an Ursina Lardi und ihrer Darstellung dieses Weichtieres messen lassen müssen. An ihren tentakelhaft ausgestreckten Gliedmaßen, an der Wortgewandtheit im Gespräch mit einem melancholischen Taucher und an ihrem Ärger darüber, dass manche Amöben ewig leben, ihr als Oktopus aber nur rund vier Jahre beschert sind. Wir begegnen in Gestalt von André Jung außerdem einem Orang-Utan, der mit einer Kiste Stroh und einer Cremetube eine kleine Sauerei anrichtet, durch die sich Sebastian Blomberg als sehr gemächlich tapsende Schildkröte später einen Weg bahnt. Außerdem treten auf: Ein Clownfisch, ein Seestern und ein Kugelfisch.

Vom Strand bis ins Pflegeheim

Um Menschen geht es in Thorsten Lensings wunderbar verspieltem und höchst beglückendem Theaterabend namens "Verrückt nach Trost", der aktuell in den Sophiensälen zu sehen ist, auch. Sehr sogar. Ums Menschsein allgemein und konkret um Charlotte (ebenfalls Ursina Lardi) und ihren Bruder Felix (Devid Striesow), die uns zunächst als Kinder begegnen. Am Strand, wo sie nachspielen, wie ihre inzwischen toten Eltern einst waren. In "Verrückt nach Trost" erzählt Thorsten Lensing in loser Szenenfolge, wie ihr Leben weitergeht, mit welchen Strategien sie ihrer Verlorenheit begegnen. Wir erleben Felix als Erwachsenen, der weder am Körper noch im Herzen etwas fühlt. Charlotte begleiten wir bis ins Altersheim, wo sie mit ihrem sehr empathischen Pflegeroboter ihren 88sten Geburtstag feiert.

Dazwischen liegen dreieinhalb Stunden spielfreudiges Theater, das sich sowohl Zeit für slapstickhafte Einlagen nimmt, wie die verrenkenden Bemühungen von Sebastian Blomberg, sich aus seinem Neoprenanzug zu befreien, als auch seelengründelnde Abschweifungen nicht scheut, wenn etwa Devid Striesow Erscheinungsformen des Wetters durchdekliniert, als seien sie pure Lebens-Poesie.

Lensing wagt sich erstmals an Inszenierung eines eigenen Stücks

Es ist das erste Mal, das Regisseur Thorsten Lensing, der jenseits gängiger Theaterstrukturen arbeitet und nur alle paar Jahre eine Produktion herausbringt, einen eigenen Text inszeniert. Der schlingert bisweilen ein wenig, tendiert manchmal auch ins Pointenhafte, aber das schmälert das Vergnügen, das dieser Abend bereitet, nicht. Weil das vierköpfige Ausnahme-Ensemble wirklich alles als Sprungbrett fürs Spiel nutzt.

Denn auch darum geht es: Das Spiel der Kinder hielt die Erinnerung an die Eltern wach so wie auch die allgemeine menschliche Verwandlung, das "So-tun-als-ob" Leben lebendig werden lassen kann. Wer wüsste das besser als Theatermenschen, darin sind sie gut und diese hier an diesem Abend sogar absolut grandios. Es ist pures, kluges Spiel, das hier zu sehen ist, lustig, surreal, berührend. In der Behauptung liegt die Befreiung. Und man hat weder Grund noch Interesse, diese Behauptungen in irgendeinem Moment infrage zu stellen. Schon gar nicht die letzte, die Charlotte, von ihrem Hochhocker im Altersheim aus in die jetzt beleuchteten Publikumsreihen sendet: "Alle werden erlöst."

Sophiensäle, Sophienstr.18, Kartentel. 283 52 66 Nächste Termine: 02.10. und 07. bis 09.10., 19 Uhr.