Der Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, erschienen 1996, ist in der deutschen Übersetzung 1545 Seiten dick – und da wirkt es natürlich zuerst einmal wie ein Wahnsinn, das auf die Bühne bringen zu wollen, all diese ausufernden Erzählschleifen, diese Kaskaden aus medizinischen Fachbegriffen, dieser brachiale Humor, wie soll das gehen, und wie lang soll das bitte dauern?
Es dauert in der Inszenierung von Thorsten Lensing ungefähr vier Stunden, und nur wenige Minuten davon vergehen nicht wie im Flug. Das liegt vor allem an den großartigen Schauspielern, die der für hochkarätige Besetzungen bekannte Regisseur in den Sophiensælen versammelt: Da ist zunächst Ursina Lardi, die im weißen Dress und auf Plateausohlen Hal Incandenza verkörpert, diesen gern große Töne spuckenden, aber gleichzeitig verzweifelt verunsicherten Teenager, der im Roman eine Art Wiedergänger seines Autors ist. Da ist Devid Striesow, den wir als Hals älteren Bruder Orin erleben, ebenso erfolgreicher Footballstar wie sexsüchtiger Schürzenjäger. Da ist der wundervolle André Jung in der Rolle des körperlich entstellten Mario, dem man sofort einen warmen Kakao hinstellen will. Und da ist Jasna Fritzi Bauer, die leider den größten Teil des Abends einen Gesichtsschleier tragen muss, wenn sie nicht gerade in der Rolle eines Hundes in einem Müllsack feststeckt.
Lensing bleibt seiner Philosophie treu, die ihm bereits 2014, in ähnlicher Besetzung übrigens, für sein Stück „Karamasow“ den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost einbrachte: Die Bühne ist bewusst karg gehalten, nur eine große Metallwand fungiert als Raumtrenner. Und die Schauspieler sehen sich mit immer neuen Situationen konfrontiert, die sie durchzustehen haben. Dabei gibt es Momente großer Zartheit – etwa das Gespräch der Brüder im Bett, zwischen Nähe und Abgrenzung pendelnd. Genauso wie es Momente unfassbarer Komik gibt. Sebastian Blomberg dabei zuzusehen, wie er einen Vogel spielt, der im Flug einen Herzinfarkt erleidet und in einen Whirlpool stürzt, gehört schon jetzt zu den lustigsten Momenten, die man in diesem Jahr auf einer Berliner Bühne erleben kann. Erst in der letzten halben Stunde beginnt sich die Zeit diskret zu dehnen – aber wer wollte das diesem witzigen und wagemutigen Stück verübeln?
Sophiensæle, Sophienstr. 18, Mitte.
Nächste Aufführung: 24.2., 19 Uhr.
Felix Müller

