Theater

Irrwitziges Spiel mit den Ebenen: „Drei Schwestern“ im Gorki

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Hinten läuft der Film von 1984, vorne spielen junge Männer das nach - Körperhaltungen und Kamerabewegungen inklusive.

Hinten läuft der Film von 1984, vorne spielen junge Männer das nach - Körperhaltungen und Kamerabewegungen inklusive.

Foto: Ute Langkafel / Maifoto

Das Gorki gratuliert sich selbst zum 70-Jährigen. Und spielt einen Klassiker des Hauses nach. Ein großer Spaß mit doppeltem Boden.

Wir halten nichts von der Debatte, ob man wegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine nun keinen Tschaikowsky mehr in Konzerthallen spielen sollte. Aber ausgerechnet Tschechows „Drei Schwestern“ auf die Bühne stellen? Ein Stück, in dem drei Frauen in der Provinz versauern und ständig „Nach Moskau, nach Moskau“ schluchzen? Moskau hat als Sehnsuchtsort (und Sehnsuchtswort) erst mal ausgedient.

Aber diese Inszenierung zielt auch auf ganz anderes: Das Gorki feiert damit das 70-Jährige des eigenen Hauses. Und stellt in seinem Studio R einen eigenen Klassiker nach: Thomas Langhoffs Tschechow-Inszenierung von 1979. Darin wurde der Stillstand, die Agonie in der DDR aufgegriffen, und jeder, der das Stück damals sah, hat das so verstanden. 1984 wurde die Inszenierung fürs DDR-Fernsehen verfilmt. Und genau darauf bezieht sich Christian Weise in seiner Inszenierung, die in Wirklichkeit ein Reenactment, eine Nachstellung ist.

Nicht drei Schwestern, sondern eigentlich sechs

Eine alte Videokassette wird eingelegt und der Film ist im Hintergrund auf einer durch viele TV-Geräte durchbrochenen Leinwand zu sehen. Dabei spielt Falk Effenberger live auf der Hammondorgel, und im Vordergrund spielen sechs Schauspieler, alle männlich, alle mit Migrationshintergrund, das Stück nach, zu dem sie eigentlich keinen Bezug haben. Den sie sich aber schaffen. In grünen Ganzkörperstrampelanzügen schlüpfen sie in die Rollen aller 14 Darsteller des Originals. Und stellen jedes TV-Bild nach. Eigentlich sind das also nicht drei Schwestern, sondern sechs: Ein doppeltes Spiel auf zwei Ebenen.

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Während Film gern Theater adaptiert, wird das Gefilmte hier quasi zurückerobert. Dabei ist alles buchstäblich eine Frage der Einstellung: Wenn sich im Film die Kamera bewegt, dann rollen und gleiten die Schauspieler vorne synchron zur Seite. Schieben dabei auch Rollcontainer mit, die Tische und Stühle markieren. Manchmal stellen die Schauspieler auch nur die Stühle nach, die verrückt werden. Verrückte Idee! Die berühmt-berüchtigten Anekdoten, dass Eleven an der Schauspielschule auch mal einen Tisch spielen sollen, werden hier ironisch mitverarbeitet.

Das ist hochkomisch. Aber in dem Moment, wo es langweilig werden könnte, erscheinen die Schauspieler plötzlich mit Brokathosen und blauen Beatles-Pilzköpfen. Jetzt stellen sie nicht mehr ganze Szenen nach, da werden nur noch Schlüsselszenen angerissen und per Loop mehrfach wiederholt, woraus die Schauspieler dann rap-artige Gesangseinlagen machen.

Auch einige der Schauspielerinnen von einst sind bei der Premiere dabei

Einmal bleibt auch das Bild hängen, wie man das früher vom eigenen Videorekorder kannte. Dann muss die Videokassette neu eingelegt werden und das Spiel geht weiter. Und zwischen den Akten wird auch Archivmaterial nachgestellt: einmal Langhoff selbst, einmal seine Schauspielerinnen Monika Lennart, Ursula Werner und Ruth Reinecke, die über ihre frühere Inszenierung sprechen.

Diese „Drei Schwestern“ sind ein großer Spaß. Und eine große Hommage an die hauseigene Geschichte. Am Ende der Premiere applaudiert das Team auch selbst, und zwar den Darstellerinnen von einst. Ursula Werner fehlt zwar, sie feiert an dem Abend Geburtstag. Monika Lennartz und Ruth Reinecke aber sind zugegen. Ob sie diese Nachstellung ihres Klassikers goutierten, wollten sie uns auf der Premierenfeier allerdings nicht verraten.

Gorki Studio R, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte. Kartentel.: 20221115. Nächste Termine: 28.-30.10., 10., 14. U. 15.11., 20.30 Uhr.