Manchmal geht es sehr schnell, ein Kind zu zeugen. Und manchmal klappt es nie. Wie bei Sandra: Die Spermien ihres Mannes sind zu schwach, also beginnt der In-Vitro-Terror aus Vitaminen, Medikamenten, Hormonen. Ein erster Erfolg mündet in einer Fehlgeburt, danach ist die Gebärmutter vernarbt. Alles wird komplizierter, das Zeitfenster kleiner, der Druck höher. Drei weitere Versuche startet sie. Dann gibt sie entnervt auf: „Ich sollte jetzt eigentlich in der Kinderwunschklinik sein. Stattdessen stehe ich hier auf der Bühne.“

Sandra Ruffins unter Hochdruck ins Publikum geschleuderter Monolog einer Kinderwunsch-Horror-Odyssee gehört zu den Höhepunkten von „Mother Tongue“ (Muttersprache), dem neuen Abend von Lola Arias am Maxim Gorki Theater. In 100 Minuten erzählen sieben Experten und Expertinnen des Alltags von geteilter Elternschaft, queeren Familienentwürfen, Samenbanken und Adoption. Aber auch davon, wie es ist, als Frau überhaupt keinen Kinderwunsch zu verspüren.

„Eine Reproduktions-Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts“ nennt sich der Abend im Untertitel, und das erklärt auch Mariana Tiranttes Bühne, die in massiven Regalen neben Büchern auch naturwissenschaftliche Präparate und Objekte aneinanderreiht. Darüber flimmern Videos, Spieler in Großaufnahme, medizinische Modelle, Marien mit Kind.

Anekdoten und Schlagworte wie aus dem Lexikon

Die vielen Dinge in den Regalen allerdings werden kaum genutzt. „Mother Tongue“ erweist sich als Frontalunterricht. Als hakte Arias eine Lexikon-Checkliste ab, werden hier alle denkbaren Konstellationen und Probleme angerissen: Rassismus bei binationalen Paaren, die Verwirrung, die entsteht, wenn mehr als zwei Eltern mit im Spiel sind, oder die Folgen, wenn sich Pflegeeltern trennen. Dabei gibt es durchaus Momente, die wehtun. Etwa wenn Cochon de Cauchemar zu einem Rap tanzt, dessen Text Sandra Ruffin simultan ins Deutsche übersetzt in all seinem haarsträubenden Frauenhass.

Meist aber rauscht dieses Theater sehr eindeutig und widerstandslos an einem vorbei. Was auch daran liegt, dass es sich auf kein Thema wirklich einlässt, sondern nur in Schlagworten und Anekdoten umreißt, Thesen skizziert, ohne emotionale Echoräume zu schaffen. Probleme machen immer die anderen: seelenlose Beamte, Richterinnen, das System. Und es stimmt ja: Die Gesetzeslage hinkt oft den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Menschen leiden darunter.

Nur ist das Leben oft komplizierter als diese Analysen. Kontrollen bei Flugzeugreisen etwa, die herausfinden sollen, ob man berichtigt ist, mit einem Kind zu reisen, werden auf der Bühne als Demütigung erlebt. Dabei sind sie keine bloße Schikane, sondern sollen Minderjährige schützen. Aber für solche Grautöne nimmt sich der Abend kaum Zeit.

Vor Jahren hat Arias in München mit „Familienbande“ einen Abend über eine Patchwork-Familie gemacht: zwei lesbische Mütter, der Vater, ihre gemeinsamen Kinder. Der Abend sprühte vor Charme. In „Mother Tongue“ aber wirken die Menschen auf der Bühne oft verloren. Dass Lieder wie Madonnas „Like A Virgin” hier derart dramatisch implodieren, dürfte an zu wenig Proben liegen. Das Publikum jubelt dennoch stehend.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20221115. Termine: 18., 19.9.; 26.10.