Ende der 1970er-Jahre im Havelland, in einem fiktiven Dorf namens Beutenberge: Drei nicht mehr ganz junge Freunde, der Ihmsche, Krücke und Blutblase, hängen miteinander ab, Tag für Tag, im Haus von Muttsch. Viel ist für ihr wohliges Beisammensein nicht nötig, und das Wenige gibt’s im Konsum: „Bier und Wurzelpeter, Zigaretten, Brot und Jagdwurst oder Schweinespeck oder Gulaschsuppe in Büchsen“. Dazu hören sie Schallplatten aus dem Westen und rätseln über die Songtexte von Led Zeppelin und Uriah Heep. Eine Art Idyll.

Doch im Boden unter dem Idyll vibriert es. Verlockend und gefährlich. Bald schwirrt es auch durch die Luft. Überhaupt, dieses „Es“. In „Öl und Bienen“, so heißt der neue Roman von Torsten Schulz, sind die Quellen von Glück und Ungemach buchstäblich schwer zu greifen, sie scheinen flüssig, flüchtig. Und verlangen danach, in Zusammenhänge und auf den Punkt gebracht zu werden. Ins Trinkwasser, mutmaßt der eine, habe der Staat Substanzen beigemischt, um das Volk ruhigzustellen. „Deshalb trinken wir immer Bier“, fügt der andere hinzu.

Ein Hauch von Auserwähltheit umgibt denjenigen, der eine ganz andere Substanz wahrnimmt. Es ist das Erdöl, tief unten in der Erde. Ihmsches Großvater Adalbert Wutzner fand es einst, indem er auf und ab hüpfte, und wurde kurz reich. Das Erdöl hätte fast den Zweiten Weltkrieg verhindern können, doch die Quelle versiegte. Auch Sohn Egon wurde das Erdöl zum Fanal des Scheiterns, und Ende der 1970er ist es dessen Sohn Lothar Ihm, genannt der Ihmsche, der das Vibrieren im Boden spürt. Der will aber mit dem schwarzen Gold nichts zu tun haben. Nur: Ständig ist da etwas, das heraus will, das sich finden lassen will, sich dann aber wieder willkürlich zurückzuziehen droht. Und ja, das erinnert auch an die Tücken der Partnersuche und an Freudsche Begriffe, die die Freunde aufschnappen: Sublimierung, Übertragung.

Ein guter Draht zum Bienenschwarm in der Hauswand

Viel wird mit Wörtern hantiert in Torsten Schulz’ bisher spielerischstem und zugleich (nicht nur im alkoholischen Sinn) dichtestem Roman. Doch Schulz verengt den gelinden Dauersuff nicht zur sozialen Chiffre. Eher halten die Freunde einen friedlichen, sanft durchgeknallten Zustand des fast bedürfnislosen Zeithabens aufrecht, in dem wahre Gemeinschaft gelebt wird. Ein novellistisches Erzählen findet darin seinen Raum, ein geerdetes Erfinden, das sich schwerelos ins Surreale und Naturmystische hebt und weitet.

Da hat sich zum Beispiel ein Bienenschwarm in der Hauswand eingenistet, Muttsch scheint einen guten Draht zu den Tierchen zu haben. Dramatisches setzen die Bienen in Gang. Oder warum taucht plötzlich eine Motorrad fahrende Riesenfrau in Lederkluft auf, aus deren Haar „gelbgrünlicher Blütenstaub“ fliegt und die ebenfalls mit den Bienen gut auskommt? Warum ein Dutzend heiratswilliger Frauen in das verschlafene Nest einfällt, bedarf ebenfalls der Klärung. Derweil nimmt die Landschaft selbst Züge einer Riesin an, wenn sich der Ihmsche, auf dem besten Weg zur Drohne, zwischen zwei Birken wie auf einen gigantischen Schoß legt.

Torsten Schulz;: Öl und Bienen. Klett-Cotta, 224 S., 22 Euro.
Torsten Schulz;: Öl und Bienen. Klett-Cotta, 224 S., 22 Euro. © Klett-Cotta

Wie tief und ob man überhaupt bohren sollte, ist in der Natur und im Erzählen immer auch eine Frage des Respekts vor der schöpferischen Natur. Auch wenn der Ihmsche rätselt: „Was hat denn Erdöl mit Natur zu tun?“. Statt die Beschränktheit seines Personals lächerlich zu machen, setzt Schulz seine Figuren untergründig in Verbindung mit den großen Namen der deutschen Romantik, deren humoristischer Pol ja oftmals vergessen wird: Da purzeln Jean Pauls „Wutz“ und „Der Komet“ ebenso herum wie Friedrich Schlegels erotische „Lucinde“ (so heißt die Muttsch eigentlich), Untertitel „Bekenntnisse eines Ungeschickten“. Schließlich steigt ätherischer „Blütenstaub“ des bergbaukundigen Novalis zwischen den Zeilen auf.

Dabei ist „Öl und Bienen“ von fast unheimlicher Welthaltigkeit. Zu Beginn des Romans, in der Rahmenhandlung, befinden wir uns in der Gegenwart, kurz vor Beginn der Pandemie und noch vor Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, als die Frage nach dem Erdöl neue Dringlichkeit bekommen wird. Der gealterte Blutblase, der eigentlich den prachtvollen Chronisten-Namen Edwin Kronokiewitschky trägt, erzählt jeden Sonntagabend im Dorfwirtshaus vor einer Handvoll Zuhörern die Geschichte vom Erdöl in Beutenberge. Nicht ohne wirkungsvolle Kunstpausen einzulegen, in denen er an Bier und Wurzelpeter nippt.

„Krieg und Erdöl stehen natürlich in enger Verbindung, in dialektischer, präzise gesagt“, heißt es im Buch einmal. Die realen Ereignisse haben Schulz’ Text eine fast prophetische Wendung gegeben. Doch es ist nicht nötig, diesen verengten Assoziationsraum über den Roman zu stülpen. Die großen Weltereignisse werden hier vom scheinbar Bedeutungslosen, Alltäglichen sowieso fast enzymatisch aufgelöst. Das ist von einer zeitlosen Coolness, die kein Thesen-Gepolter braucht.

Ein Roman ohne ein verwandtes Ich des Autors

Der 1959 in Berlin geborene Schriftsteller hat sich mit seinen Erzählbänden („Revolution und Filzläuse“) und seiner autobiografisch inspirierten Berliner Roman-Trilogie „Boxhagener Platz“, „Nilowsky“ und „Skandinavisches Viertel“ den Ruf eines humoristischen Erzählers ostdeutscher Mentalitäten erarbeitet, der ohne verklärende Nostalgie auskommt. In seinem neuen Buch, sagte Schulz bei einer Lesung im Brecht-Haus, gebe es erstmals kein Alter Ego von ihm. Nach Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben war es jetzt offenbar an der Zeit, abzuheben. So frei, so leichtfüßig wie in „Öl und Bienen“ hat Schulz die überzeitlichen Seltsamkeiten des Menschlichen noch nie zum Schwingen gebracht.

Hören Sie in unseren Podcast "Berlins schönste Seiten" rein: