Es ist vielleicht etwas verstiegen, einem Schriftsteller als Treffpunkt für ein Gespräch über sein neues Buch ein Café vorzuschlagen, das „Meta“ heißt. Noch dazu einem Autor, der sich in seinen Romanen so gar nicht in den feinen Reflexionsebenen des Vorderhaus-Bürgertums verliert, sondern lieber hinabsteigt in die Kohlenkeller der Erinnerung.

Doch das sind schon viel zu verschraubte Gedanken, denn Torsten Schulz ist es völlig egal, wo wir uns treffen. „Boxhagener Platz“ hieß sein Debüt von 2004, sechs Jahre später verfilmt von Matti Geschonneck. Damals wunderten sich manche, dass der titelgebende Ort eigentlich gar nicht vorkommt. Und auch jetzt, im „Skandinavischen Viertel“ (Klett-Cotta, 265 Seiten, 20 Euro), kriegt man als Leser nicht gerade eine Sightseeingtour vorgeführt. Da muss man schon selbst ins Skandinavische Viertel gehen.

Alles ist autobiografisch und doch ein fiktionales Spiel

Hier am Falkplatz unweit des Mauerparks, mittags um zwölf, ist es noch ruhig, die ersten englischsprachigen Touristengruppen kommen erst um eins. Der Tee ist noch nicht serviert, da erzählt Torsten Schulz schon, wie sehr er Berlin vermisse. Seit anderthalb Jahren lebt er mit seiner Frau, der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, in Caputh, diesem „Raumschiff“, wie er es nennt. 58 Jahre ist er alt, aber als hätten die Kindheits- und Jugendgeschichten, die er schrieb, auf ihn abgefärbt, sieht er in seinem Wollpulli immer noch aus wie ein ziemlich großer, blauäugiger Junge, nur eben mit weißem Schopf.

„Skandinavisches Viertel“ spielt hier, in der Gegend rund um Falk- und Arnimplatz und Kopenhagener Straße. Im Roman wirken die Straßennamen meist aufgezählt, ja fast abgehakt, wenn die Figuren wieder mal dort entlanglaufen. Als wären die Namen bloße Hüllen, beliebig mit Bedeutung auffüllbar. Der Autor geht noch weiter und lässt seinen Helden Matthias einige Straßen auch noch umbenennen. Der Fake-Stadtplan ist im Buchumschlag abgedruckt.

Das wirkt etwas seltsam, kommt das vom Umzug nach Caputh? Anders gefragt: Was ist denn wichtiger fürs Schreiben, das Da-Sein oder das Weg-Sein? „Das ist eigentlich egal“, sagt Schulz, „ich muss ja nichts überprüfen“. Aha, sondern? „Ich übergebe mich der Erinnerung. Ob jetzt in der Seelower Straße 65 eine Kita oder ein Lebensmittelladen untergebracht ist, ist mir egal. Ich will Gestaltung.“ Schon jetzt stellt er sich mit diebischer Freude vor, wie „obsessive Dokumentar-Menschen“ losziehen und die Kneipen suchen, die er erwähnt. Er hat was gegen Authentizitäts-Fetischisten wie Karl Ove Knausgård, dessen Bücher er langweilig findet.

Sich über jene Leser zu erheben, die gerne an literarischen Orten auf Spurensuche gehen, kommt für Torsten Schulz trotzdem nicht infrage. Er selbst habe als junger Mensch so begeistert „Die Blechtrommel“ von Günter Grass gelesen, dass er nach Danzig fuhr, um sich das alles mal in echt anzusehen. „Da standen dann die Kirchen ganz woanders, als im Roman beschrieben.“ Nach anfänglicher Irritation fand er das toll.

Es gibt in „Skandinavisches Viertel“ dunkle Familiengeheimnisse, ansonsten wird halt gelebt. Fast noch mehr aber wird gestorben. Dass wie schon in den Vorgängerwerken ein Großteil der Handlung um Todesfälle und Beerdigungen kreist, führt der Schriftsteller auf seine Oma zurück. „Die war der Oma Otti in ,Boxhagener Platz‘ recht ähnlich, die hat mich gelegentlich auf den Friedhof mitgenommen.“ So ruppig es im proletarischen Bauarbeitermilieu seiner Familie zugegangen sei, so sehr seien die Beerdigungen doch oft kathartisch gewesen.

Also: Natürlich basiere seine „Berlin-Trilogie“, wie er seine drei Romane nennt, auf wahren Hintergründen. Das alles sei aber „ein fiktionales Spiel“. Für „Boxhagener Platz“ holte er sich die eigene Kindheit im Osten der Stadt zurück ins Gedächtnis, für „Nilowsky“ die Pubertät. Jetzt also geht es um einen Erwachsenen der Gegenwart, der in den 70ern im Skandinavischen Viertel aufwuchs und Jahre später zurückkehrt: als Makler. Mit der Obsession, nur solchen Leuten eine Wohnung zu verkaufen, die normal genug sind, um der Gentrifizierung ein wenig in die Parade zu fahren.

Ist auch dieses Makler-Ich ein Spiel mit sich selbst? „Ja, ich habe mir immer vorgestellt, was ich denn tun könnte, wenn ich nicht das berufliche Leben führen würde, das ich führe“, sagt Schulz, der an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ Dramaturgie lehrt. Immerhin verdienten Makler ganz gut, „sogar ohne Ausbildung“. Bei Wohnungsbesichtigungen sei er oft auf Makler gestoßen, die ihm erzählt hätten, sie seien zu DDR-Zeiten Philosophen gewesen oder Lehrer für Marxismus-Leninismus. „Die sind dann mit ihrer Klugheit und Eloquenz in diesen Beruf gegangen.“ Es klingt bewundernd.

Immer wieder bekomme er Zuschriften, sagt Torsten Schulz, in denen Leser erklärten, sie seien Verwandte seiner Figuren. „Natürlich habe ich gelegentlich Namen verwendet, die ich aus meiner Kindheit kannte.“ In „Boxhagener Platz“ zum Beispiel machte er einen zum Nazi, aber aus Versehen. Der Name war ihm entfallen, er dachte, er hätte ihn sich ausgedacht. Der Sohn des realen Namensträgers meldete sich daraufhin gekränkt bei ihm. Das tat Schulz sehr leid, er hat sich entschuldigt.

„Wer weiß, was jetzt alles kommt“, sagt Torsten Schulz und wirkt dabei abgeklärt und neugierig zugleich. Auf die Nachrichten aus der Wirklichkeit ist er offenbar schon gespannt. Das Teeglas ist leer, die lauten Touristengruppen schwirren herein. Heute sei sein Berlin-Tag, sagt Torsten Schulz, und er zieht los in die Mittagssonne, hinaus mit großen Schritten.