Man kennt diese Neonlampen von all den Orten, an denen man nur auf der Durchreise ist, aus Amtsstuben und Wartezimmern. Sie hängen über der Bühne und verlängern sich bis in den Zuschauerraum hinein. Man ist Teil des Geschehens, und sicher wird eine der Röhren bald zu flackern beginnen.
Zu sehen ist das beschädigte Ambiente einer Notunterkunft des Sozialamts: Längst verschwundene Bilder haben Schattenrisse auf den angeschmutzten Wänden hinterlassen, die karge Küchenzeile erinnert an das heruntergerockte Spülensemble aus Studentenzeiten, ein tendenziell ekelhaftes Trockentuch inklusive.
„Love“ heißt das hyperrealistische Stück des britischen Dramatikers Alexander Zeldin, das im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne gastiert – und angesichts dieses Bühnenbildes ist der Titel eine Überraschung. Wo soll sich denn hier die Liebe verstecken, wo mehr gedämmert wird als gelebt?
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Eine Frau aus dem Sudan schleicht aus ihrem Zimmer in die Küche und erschrickt, als ein übergewichtiger Mann mit nacktem Oberkörper aus seinem Zimmer ins Gemeinschaftsklo stolpert. Der arbeitslose Colin ist schon vor einigen Monaten hier gestrandet, pflegt seine Mutter und findet weder eine Neuanstellung noch eine neue Wohnung. Ähnliches gilt für seinen Nachbarn Dean, der mit seinen beiden Kindern und seiner schwangeren Frau eine kleine Kammer behaust. Er ist erst kurze Zeit hier und muss sich mit den Behörden herumschlagen, die ihm für fünf Stunden Wartezeit die Gnade von fünf Minuten Gespräch gewähren.
Die Liebe in den Winkeln des Alltäglichen
All diesen Figuren sieht man im Wortsinn beim Leben zu. Die Tochter probt ein Lied fürs Krippenspiel, ihr Bruder ist davon genervt. Jemand wartet darauf, dass das Teewasser kocht. Die Familie setzt sich an den Tisch und isst billiges Zeug aus dem Supermarkt. Ein syrischer Mann auf der Durchreise stellt begeistert fest, dass er mit der Sudanesin Arabisch sprechen kann. Ein Jugendlicher schaut Videos auf dem Tablet.
Wird sich für irgendjemanden etwas ändern an dieser festgefrorenen Lage? Aus dieser Frage bezieht der Abend seine Spannung.
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Alexander Zeldin kann alle Spielarten der Liebe in seinen Alltagsszenen auffunkeln lassen – die Zärtlichkeit zum Beispiel, als Colin seiner Mutter mit Geschirrspülmittel die Haare wäscht, aber auch die Eifersucht, das Leiden aneinander oder Gefühle des Ausgeschlossenseins.
Dass das alles so pathosfrei abläuft und so unmittelbar berührt, kann man ein kleines Theaterwunder nennen, das am Ende zurecht stehende Ovationen erhält. „Love“ ist Teil einer Trilogie mit dem Titel „The Inequalities“, in der Zeldin die Prekären und Abgehängten der Gegenwart in den Blick nimmt. Den ersten Teil mit dem Titel „Beyond Caring“ wird der Regisseur in diesem Frühjahr mit Schauspielerinnen und Schauspielern der Schaubühne neu inszenieren. Man darf sich darauf freuen.
Das Festival, das in diesem Jahr in seiner 20. Ausgabe und noch bis zum 10. Oktober stattfindet, hat zahlreiche weitere Höhepunkte der Gegenwartsdramatik im Programm, darunter mit „Outside“ eine Produktion des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov, der immer noch nicht aus Russland ausreisen darf. Der französische Schriftsteller Édouard Louis, dessen Roman „Im Herzen der Gewalt“ bereits in der Inszenierung von Intendant Thomas Ostermeier an der Schaubühne zu sehen war, wird sein autobiographisches Essay „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ als Solo-Performance auf die Bühne bringen. Der neue Schwerpunkt „Artist in Focus“ widmet sich der spanischen Dramatikerin und
Regisseurin Angelica Liddell.
Alle Informationen zum Festival unter schaubuehne.de



