Schaubühne

Thomas Ostermeiers „ödipus“ an der Schaubühne

| Lesedauer: 3 Minuten
Christian Tschirner, Caroline Peters und Renato Schuch (v.l.).

Christian Tschirner, Caroline Peters und Renato Schuch (v.l.).

Foto: Gianmarco Bresadola

Kann man Sophokles in die Gegenwart holen? Die Inszenierung nach einer Version von Maja Zade lässt Zweifel aufkommen

Regelmäßig hat das Athens Epidaurus Festival mit seinem weltberühmten Amphitheater in den letzten Jahren bei Thomas Ostermeier angefragt, ob er dort nicht einen griechischen Klassiker inszenieren wolle. Und ebenso regelmäßig hat der Regisseur und Schaubühnen-Intendant abgelehnt – „weil ich nicht an das Konzept des Schicksals glaube“, wie er im Gespräch mit dem Kulturhistoriker Joseph Pearson sagte. Der griechische Götterhimmel und die tragischen Verstrickungen der Sterblichen, der Chor und die Hybris scheinen tatsächlich wenig kompatibel mit der Arbeit eines Künstlers, der sich in den letzten Jahren vor allem den sozialen Verwerfungen der Gegenwart verschrieb und Fragen nach Klassenunterschieden, Diskriminierung und Ausgrenzung thematisierte – mit zeitgenössischen Stoffen wie „Rückkehr nach Reims“ oder „Im Herzen der Gewalt“ ebenso wie mit Klassikern von Ödön von Horvárth und Arthur Schnitzler.

Was aber, wenn man den griechischen Götterhimmel einfach leerräumt? Wenn man zum Beispiel den „König Ödipus“ des Sophokles in die Gegenwart holte? Dann bliebe folgendes Handlungsgerüst übrig: Ödipus wird als Kind von seinen Eltern ausgesetzt und wächst bei Pflegeeltern auf, ohne etwas über seine wahre Herkunft zu wissen, er tötet seinen Vater und schwängert seine Mutter und bringt Verderben nicht nur über seine Familie, sondern über alle Menschen.

In diesem Rahmen bewegt sich die Fassung von Dramatikerin und Dramaturgin Maja Zade, die vor einigen Wochen dann tatsächlich auch in Epidaurus ihre Uraufführung feierte. Sie hat auf den ersten Blick vor allem den Vorteil, das unübersichtliche Figurengewimmel der Vorlage in die schlanken Strukturen eines well-made plays überführen zu können. Und drängt sich die in Theben wütende Pest nicht als allegorisches Material geradezu auf?

Eine Ferienvilla in Griechenland

Jan Pappelbaums vielversprechendes Bühnenbild inszeniert eine Ferienvilla in Griechenland als Neonleuchtkasten mit einer schicken Küchenzeile. Hier bereitet Christina (Caroline Peters) ihre Smoothies zu, auf der Leinwand im Hintergrund kann man dabei zusehen, wie sich Obst in Brei verwandelt. Nebenher streitet sie mit ihrem Bruder Robert (Christian Tschirner) über ihren wesentlich jüngeren Freund Michael (Renato Schuch), von dem sie ein Kind erwartet. Michael hat eine Untersuchung über einen Unfall mit Chemikalien in die Wege geleitet, den es kürzlich im Familienunternehmen gegeben hat – Robert hält davon nicht viel und will ihn zur Rede stellen. Das tut er dann auch, es kommt zu einem sehenswerten Duell der profitorientierten Logik Roberts und der verantwortungsethisch begründeten Position Michaels – der Generationenkonflikt der Gegenwart grüßt freundlich vom Rand.

Aber je länger der Abend voranschreitet, desto weniger gelingt ihm diese unaufdringliche Aktualisierung des antiken Urstoffes. Das Handlungsgerüst zwingt ihn in eine vorabendserienhafte Enthüllungsdramaturgie, in der die Protagonisten mit Weh und Ach vorhersehbare Erkenntnisse durchleiden müssen. Das wäre angesichts des geläufigen Stoffes noch zu verkraften, wenn es in der Form gelänge. Aber dieser erzählerische Motor steuert auch eine großartige Schauspielerin wie Caroline Peters zielsicher in die Kolportage einer Telenovela. Was bleibt von Ödipus ohne seinen Götterhimmel? Hier: zu wenig.