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Willst du Hasch, geh zu Isabelle Huppert

Endlich ist Isabelle Huppert mal wieder in einer Komödie zu erleben. Und entkräftet die Kopftuch-Debatte – mit krimineller Energie.

Alles Tarnung: Patience (Isabelle Huppert) trifft ihre Dealer im Supermarkt. Und versteckt ihre Ware hinter Keksregalen.

Alles Tarnung: Patience (Isabelle Huppert) trifft ihre Dealer im Supermarkt. Und versteckt ihre Ware hinter Keksregalen.

Foto: Neue Visionen

Die Pariser Drogenfahndung staunt nicht schlecht. Gerade will sie einen ganz großen Coup gegen einen berüchtigten Familienclan aus dem Maghreb landen. Da erscheint wie aus dem Nichts eine rätselhafte Dame, offenbar ebenfalls aus Nordafrika, mit Djellaba, dem nordafrikanischen Überwurfmantel, dem Kopftuch, einem doppelt gekreuzten Hijab, Designer-Accessoires und dicker Sonnenbrille. Die vertickt ihrerseits Drogen. Und führt die Polizei an der Nase herum. Was die Drogenfahnder nicht wissen können: Die Täterin sitzt mitten unter ihnen.

Eine Paraderolle für Isabelle Huppert. Sonst kennt man den französischen Star ja eher aus verstörenden Dramen, in denen sie gern irrational reagiert und immer die Gefühllose, die Unberührbare, die Eiskönigin gibt. Nur selten aber ist sie in einer Komödie zu erleben. Obwohl sie auch Witz und Timing beherrscht, wie sie etwa in „I Heart Huckabees“ (2004) und vor allem in „8 Frauen“ (2002) bewies. Eine Gabe, die sie nun auch in „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ endlich mal wieder ausspielen darf.

„Eine Frau mit berauschenden Talenten“: der Trailer zum Film

Als Patience Portefeux hat sie ein eher spärliches Auskommen: als Arabisch-Dolmetscherin bei der Polizei. Den Posten hat sie nur ihrem Freund, dem Leiter des Dezernats (Hippolyte Girardot), zu verdanken. Für wenig Geld muss sie dabei unzählige angezapfte Telefonate des Drogenclans abhören, eine oft langweilige Tätigkeit, bei der sie zuhause schon auch mal bügelt. Sie muss aber auch bei Verhören und Razzien übersetzen, wo sie mitbekommt, wie brutal die Polizisten die Männer mit Migrationshintergrund behandeln.

Erst Mitleid, dann kriminelle Energie

Früher hat Patience auf größerem Fuß gelegt. Ihr verstorbener Vater, ein aschkenasischer Jude aus Algerien, war ein Meister auf dem Gebiet unkonventioneller Finanzbeschaffung. Ihr algerischer Gatte ebenso. Aber auch der ist lange tot. Geblieben ist das Bedürfnis nach Luxus. Auch ihre Töchter sind nicht eben anspruchslos. Und die Privatklinik ihrer dementen Mutter kostet ein Vermögen.

Erst unterläuft Patience die Ermittlungen aus Mitleid. Auch aus weiblicher Solidarität. Weil sie durch die angezapften Telefonate erfährt, dass der Drogenkurier, der bei dem Coup mit einem ganzen Laster voller Drogen in die Falle gehen soll, ausgerechnet der Sohn von Khadidja (Farida Ouchani) ist, der Pflegerin, die sich im Heim so liebevoll um Patiences Mutter kümmert.

Also warnt sie Khadiddja, so dass der Sohn seine Fuhre gerade noch entsorgen kann. Khadidja muss aber nun einen einen Anwalt bezahlen, sonst wird der Sohn abgeschoben, und Patience die horrenden Heimrechnungen. Da erwacht in ihr eine kriminelle Energie, die wohl schon in ihren Genen gesteckt hat.

Es ist eine Lust zu sehen, wie Isabelle Huppert als anfangs graues Mäuslein langsam über sich hinauswächst. Wie die Frau mit sprechendem Namen (Patience heißt Geduld, Portefeux Geldbörsen) sich einen ausgemusterten Drogenhund anlegt, um die versteckte Ware zu finden. Wie die zierliche Frau all die schweren Packen mit Drogen ganz allein in ihren Keller wuchtet.

Man muss den Film im Original sehen

Und wie sie sich schließlich das typische Outfit reicher islamischer Damen aus Nordafrika überstreift und das vermeintlich diskriminierende Kopftuch ganz zu ihrem Vorteil nutzt. Dabei vertickt sie ihre Ware genau an die dümmlichen Dealer, die sie monatelang abhören musste. Man muss den Film deshalb unbedingt im Original mit Untertiteln sehen. Denn la Huppert hat eigens Arabisch gelernt. Und der Witz besteht zu großen Teilen daraus, wie sehr sie als Dame aus dem Maghreb durchgeht.

Mehr zum Thema: Isabelle Huppert über ihren Film - und wie wenig sie sich auf Rollen vorbereitet

Es ist eine Komödie des zweiten Blicks. Denn nicht nur Patience spielt hier ein Rollenspiel. Auch die chinesische Haus­verwalterin Madame Fo (Jade Nadja Nguyen) führt ein Doppelleben. Und mit der Pflegerin aus dem Maghreb bilden sie eine multiethnische feministische Phalanx gegen das testosterongeschwängerte Milieu sowohl bei der Polizei als auch bei den Kriminellen.

Madame drückt alle an die Wand

Regisseur Jean-Paul Salomé („Female Agents“) hat ein Faible für starke Frauen in Extremsituationen. Sein jüngster Film mit dem zwar doppeldeutigen, aber etwas komplizierten deutschen Titel („La doronne“ heißt er im Original schlicht, was „die Alte“ heißt, aber auch „Mutter“) ist indes allzu sehr auf seinen Star zugeschnitten. Das ist wohl der Preis, wenn man mit der Ausnahmeschauspielerin arbeitet. S

So brillant sie agiert - und spielt, dass sie spielt, drückt sie doch alle anderen an die Wand. Auch der Thrill, dass die Hochstaplerin plötzlich von allen gejagt wird, zerbröselt bei Huppert. Madame, das kennen wir aus all ihren Filmen, weiß immer einen Ausweg.

Komödie Frankreich 2020, 106 min., von Jean-Paul Salomé, mit Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Jade Nadja Nguyen.