Interview

Isabelle Huppert: „Es ist jedes Mal ein kleines Wunder“

Sie ist einer der größten Stars von Frankreich. Doch ihre Rollen bereitet Isabelle Huppert gar nicht so groß vor, wie sie uns verrät.

Isabelle Hupperts Spiel ist magisch. „Es passiert, wenn es passiert“, meint sie schlicht.

Isabelle Hupperts Spiel ist magisch. „Es passiert, wenn es passiert“, meint sie schlicht.

Foto: imago stock / imago/ZUMA Press

Sie ist die Frau fürs Extreme. Isabelle Huppert, seit 50 Jahren im Filmbusiness, spielt immer wieder große, rätselhafte Figuren, die Schicksalsschläge scheinbar mühelos wegstecken oder irrational reagieren. Ein Star für große Dramen. Komödien dreht die 67-Jährige dagegen eher selten. In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“, der am 5. Oktober Premiere im Cinema Paris feiert und am 8. Oktober ins Kino kommt, ist die Schauspielerin nun einmal ganz anders zu sehen: als unbedarfte Französin, die sich als Frau aus dem Maghreb verkleidet, um ins große Drogengeschäft einzusteigen. Um über ihren Film zu sprechen, kam die Französin bereits am 31. Juli nach Berlin, als sich wegen der Corona-Pandemie noch kein anderer internationaler Star zu reisen traute. Im Gespräch im Soho-House verblüffte Isabelle Huppert dann mit ihrem Geständnis, dass sie sich auf ihre Rollen gar nicht groß vorbereitet.

Frau Huppert, die meisten Filmstars lassen sich momentan nur telefonisch interviewen. Sie dagegen sind hierher gereist. Braucht es dafür Mut in diesen Tagen?

Isabelle Huppert: Mut? Nein, keineswegs. Ich musste nur fliegen. Und es ist doch schön, in Berlin zu sein. Meist bin ich ja im Winter hier zu Festivals, bei der Berlinale oder auch auf der Bühne, bei „Spielzeit Europa“. Im Sommer erlebe ich die Stadt wirklich selten. Leider muss ich morgen schon wieder weg. Aber ich habe wenigstens ein paar Stunden.

Wie sind Sie bislang durch die Corona-Zeit gekommen? In Frankreich sind die Infektionsraten ja weit drastischer als in Deutschland.

Ich denke, ich habe das nicht anders erlebt als alle, überall auf der Welt. Mit Angst. Auch mit Resignation. Ich selbst war in Paris und kam mit der Situation ganz gut zurecht. Auf gewisse Weise fand ich die Einschränkungen sehr erhellend. Einerseits musste die ganze Welt sich der Situation stellen, andererseits ist nicht jeder auf gleiche Weise damit umgegangen.

Auch Sie mussten eine Arbeit mitten drin unterbrechen.

Ja, ich stand gerade in Paris auf der Bühne, „Die Glasmenagerie“ im Théâtre de l’Odéon, unter der Regie von Ivo van Hove. Wir hatten gerade die ersten Vorführungen, als die Theater geschlossen wurden. Wir werden es aber im nächsten Frühjahr fortführen. Hoffentlich.

Venedig war das erste Filmfestival, das nach Corona wieder stattfand. Würden Sie schon wieder auf ein solches Großevent gehen, wenn Sie eingeladen würden?

Klar - mit Sicherheitsregeln. Ich sollte beim Edinburgh Festival auftreten, mit Bob Wilsons Maria-Stuart-Monolog, und war sehr enttäuscht, als das gecancelt wurde. Es ist wichtig für Festivals, dass sie stattfinden. Auch unter solchen Bedingungen.

In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ spielen Sie eine Frau, die vorgibt, Araberin zu sein. Sie mussten für die Rolle extra Arabisch lernen.

Naja, ein bisschen! Es ist nicht so, dass ich jetzt fließend Arabisch spreche. Für den Film „Luz“ musste ich auch etwas Chinesisch sprechen. Ich mag solche Herausforderungen. Denn ich will ja schon, dass das überzeugend klingt. Das muss auch bei arabisch sprechenden Zuschauern funktionieren.

Sie haben für „Die Klavierspielerin“ auch Klavier spielen gelernt. Reizen Sie, brauchen Sie solche Herausforderungen?

Ich habe schon ein bisschen Klavier gespielt, aber sicher nicht so gut, wie man glaubt, dass ich es in dem Film tue. Natürlich sind solche Dinge ein wunderbarer Weg, zu dem Charakter zu finden, den man spielt, sich ihm von außen zu nähern. Ich nenne das die „Outskirts“, die Randgebiete.

Sie gehen nicht von innen heran, über Psychologie und Figurenkonstruktion?

Nein, an sowas glaube ich nicht. Und auch die „Outskirts“ sind nur ein Werkzeug, um sich dem Charakter zu nähern. Ich glaube, einer Rolle nähert man sich am besten, indem man sie einfach spielt. Klar mache ich mir schon vorher Gedanken. Aber das wabert eher, wie in einem Traum. Richtig los geht es doch erst, wenn die Kamera läuft und jemand „Action“ ruft. Das ist ein sehr starker Moment. Manche Menschen wollen das nicht glauben. Und natürlich könnte man auch noch mehr und noch mehr proben. Aber es passiert, wenn‘s passiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich weiß nicht, es ist jedes Mal ein kleines Wunder.

Auch nach so vielen Jahren im Filmgeschäft?

So viele Jahre? Jetzt sind Sie aber böse.

Ich meinte das durchaus voller Verehrung.

Wollen wir mal nicht übertreiben! Sagen wir, seit einigen Jahren. Und ja, es ist immer noch ein Wunder.

Und wie war das für Sie als emanzipierte Frau aus dem Westen, ein Kopftuch, einen Hijab zu tragen?

Das ist auch nichts anderes, als wenn man in einem Kostümfilm ein Gewand aus einem anderen Jahrhundert trägt. Ehrlich gesagt war das ganz schön und schmeichelhaft, der Schal leuchtete, die Stoffe waren wunderbar. Auch das macht was mit dir, wenn du das trägst. Sowas ist für mich ein gutes Werkzeug. Und auch da musste ich lernen, wie man den richtig trägt und anlegt. Auch da wollte ich natürlich überzeugend wirken.

Haben Sie mal getestet, wie man damit im Alltag auf der Straße angeschaut wird?

Nein, ich habe das Kopftuch nur bei den Dreharbeiten getragen. Am Set hat mich deshalb keiner anders behandelt.

Sie sind herrlich in dieser Rolle. Warum spielen Sie eigentlich nicht viel häufiger in Komödien?

Ach, ich mach’ ja schon Komödien. Aber nicht so viele, da haben Sie schon recht. Ich glaube, das liegt daran, dass es mal ein Goldenes Zeitalter für Komödien gab. Aber das Kino hat sich über die Jahre verändert. Heute gibt es in der Regel mehr gute Dramen. Aber in solchen Kategorien denke ich gar nicht. Ich nehme mir nicht vor, ich mache jetzt ein Drama oder eine Komödie. Sondern nur, dass ich einen – hoffentlich - guten Film mache.

Sind Sie bei Filmemachern einfach als große Tragödin und Drama-Queen abgespeichert?

Nein, das glaube ich nicht. Ich sehe mich da in keiner Schublade. Es gibt halt einfach nicht so viele gute Komödien, die nicht nur unterhalten wollen. Aus Ihrem Land kam dieser Film von Maren Ade, wie hieß er noch?

„Toni Erdmann“.

Genau. Der war erfrischend anders. Eine Komödie, und doch viel mehr. Aber das gelingt nicht oft.

Es heißt ja immer, für Schauspielerinnen im Film wird es in einem gewissen Alter schwierig. Auf sie scheint das nie zugetroffen zu haben.

Ich hatte nie das Gefühl, dass es einen Mangel an Angeboten gäbe. Das mag aber daran liegen, dass ich auf so vielen Gebieten arbeite. Ich drehe viele Filme im Ausland. Naja, nicht viele, aber zumindest so viele wie in Frankreich. Ich stehe oft auf der Bühne. Das wechselt ständig, da gibt es viele Möglichkeiten. Ich weiß, das gilt nicht für alle. Viele Schauspielerinnen bekommen weniger Angebote. Und es gibt gewisse Filme, in denen Frauen nicht besonders gut repräsentiert sind. Aber das sind auch nicht unbedingt die interessantesten. Es gibt weniger Rollen für Frauen, aber die sind dafür subtiler, weniger stereotyp und gehen viel tiefer.,

Sie spielen immer wieder sehr extreme Figuren, die an Grenzen stoßen oder auch darüber hinaus gehen. Reizt Sie das? Sind Sie eine Frau fürs Extreme?

Ach, es sind nicht die Extremsituationen, die ich liebe. Aber ich liebe es, mit bestimmten Leuten wie Michael Haneke und Paul Verhoeven zu arbeiten. Und die loten eben immer gern Extreme aus. Das ist anders, das ist besonders. Da bin ich gern dabei. Wenn Regisseure eine Vision haben. Im Englischen sagt man: It comes with the territory. Es gehört einfach dazu.

Wenn Sie so einen Extremfilm gedreht haben, ist es schwer für Sie, die Rolle wieder abzugeben? Oder können Sie die so leicht ablegen, wie Sie sie spielen?

Auch daran glaube ich nicht. Ich weiß nicht mal, was das bedeuten soll, dass man süchtig nach einer Rolle ist. Man kann süchtig sein auf das Abenteuer, das ein Film darstellt, aber das ist etwas anderes. Manchmal kann so eine Erfahrung härter sein. Aber auch das hat man nach zwei Tagen vergessen und macht wieder was Neues. Wir Menschen sind doch groß im Vergessen. So kann man besser überleben.

Und welches Abenteuer lieben Sie mehr: den Film oder die Bühne?

Filme sind wie ein netter Ausflug. Theater ist mehr wie das Besteigen eines hohen Berges. Das ist anstrengender, aber die Aussicht ist es wert.