Berliner Spaziergang

Milan Peschel: „Der Schmutz entspricht mir mehr“

Milan Peschel auf allen Kanälen: Am 9.12. gibt er seinen Einstand als TV-Kommissar, am 15.12. ist Theaterpremiere. Ein Spaziergang.

Er spaziert gerne und liebt die Ecken, wo Berlin noch nicht gentrifiziert und durchsaniert ist: der Schauspieler Milan Peschel.

Er spaziert gerne und liebt die Ecken, wo Berlin noch nicht gentrifiziert und durchsaniert ist: der Schauspieler Milan Peschel.

Foto: Reto Klar

Berlin. Dieser Spaziergang beginnt mit einer peinlichen Verspätung. Dass Stars einen gerne warten lassen, soll ja öfter vorkommen. Aber diesmal ist es der Reporter, der zu spät kommt. Dabei hat er eigentlich genug Puffer-Zeit eingeplant, aber dann hat die BVG einen Strich durch die Rechnung gemacht, mit einer S-Bahn-Linie, die gleich ganz ausfällt, und einer Weichenstörung, die einen zusätzlichen Stau nach sich zieht.

Entsprechend gehetzt trifft der Reporter am Treffpunkt ein, dem Kinderbuchladen Prior Mumpitz in der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg. Eine Viertelstunde lang musste Milan Peschel warten. Aber der wollte sowieso hier stöbern. Und hat die Zeit genutzt, um mit der Ladeninhaberin, die er kennt, einen Schwatz zu halten.

Absolution für Zuspätkommende

Als wir endlich ankommen und uns vielmals entschuldigen, wehrt er gnädig ab: „Ich finde Zuspätkommen überhaupt nicht schlimm. Ich komme selber oft zu spät.“ Das fände er manchmal schon aus Prinzip wichtig: „Weil immer alles so geschmiert laufen und effizient sein muss. Darauf habe ich keinen Bock.“ Auf diese Verweigerungshaltung wird er noch zurückkommen.

Damit der Journalist verschnaufen kann, will Milan Peschel erst mal einen Kaffee trinken. Das Café nebenan besticht durch Kindersitze statt Stühle, auf die man sich ziemlich zwängen muss. Der Journalist und der Fotograf ergattern Hocker, die aus einem Hort stammen müssen, der Schauspieler immerhin einen kleinen Stuhl, der wohl aus einer Grundschule kommt.

Uraufführung am Theater, Debüt als TV-Ermittler

Der Kaffee aber ist vorzüglich, und in den Schaum zaubert der Barista Herzen und florale Muster. Bei Peschel sogar ein Clownsgesicht. „Warum kriege gerade ich den Clown?“, fragt sich der 51-Jährige. Und findet es dann doch ganz hübsch.

An Peschel kommt man gerade kaum vorbei. Vor einer Woche erst lief ein grandioser „Tatort“, in dem er als ein Vater glänzte, der aus Verzweiflung zum Täter wird. Am morgigen Montag steht er dann auf der anderen Seite des Gesetzes: Im ZDF-Film „Danowski: Blutapfel“ ist er das erste Mal als Fernseh-Kommissar zu sehen.

Und dann steckt er gerade mitten in den Proben für René Polleschs neues Stück „(Life on earth can be sweet) Donna“, das am 15. Dezember im Deutschen Theater uraufgeführt wird. Diese Tage sind Peschel-Tage. Darüber wollen wir mit ihm reden.

Wir laufen dafür nicht in den angesagten Szene-Kiez Richtung Mitte, sondern Richtung Pankow. „Da, wo es ruhiger und ein wenig ostiger ist“, wie Peschel meint. Das sei zwar nicht so fotogen wie der Helmholtzplatz, aber auch nicht so touristisch. „Kennt man ja schon.“

Für den Fotografen posiert er an einem Tischtennisplatz vor einer mit Graffitis und Sprüchen besprühten Wand. Und meint dabei lakonisch: „Ja, der Schmutz entspricht mir auch mehr.“

Auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal

Dann spazieren wir die Dunckerstraße entlang und biegen in die Kuglerstraße. Ecken, in denen die Gentrifizierung noch nicht so angekommen ist, wo nicht alles „wegsaniert und durchdefiniert“ wurde, die immer schon ein bisschen unpopulär und vergessen waren.

Das gefällt Peschel, weil es hier noch Radioreparaturläden gibt und Bäckereien, in denen wirklich gebacken wird. „Normale Läden eben und nicht nur lauter vegane Coffeeshops.“ Er hat nichts gegen die, er kauft auch Veganes: „Aber diese Monokultur finde ich schlimm.“

Diese Anti-Haltung passt ganz gut zu seinem verschrobenen Anti-Kommissar. Lange hat er sich ja überlegt, ob er überhaupt einen TV-Ermittler spielen soll. In Zeiten, wo jeder Mime eine Krimireihe hat, ist es schon ein Alleinstellungsmerkmal, keine zu haben. Aber dann wurde ihm dieser Danowski angeboten, nach den Kriminalromanen von Till Raether.

Die Bücher kannte er nicht, er liest keine Krimis. Deshalb hat er erst mal „jungfräulich gezögert“, wie er sagt, fühlte sich aber doch „gebauchpinselt“. Angst, mit einer potenziellen Serienfigur in einer Schublade zu landen, hat er nicht. Schubladendenken ist nicht sein Ding, „das war mir schon immer egal“.

Sticheleien gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen

Er teilt aber die Kritik vieler, dass es zu viele Krimis im TV-Programm gibt. „Das Problem ist, dass man im deutschen Fernsehen ein Thema kaum noch anders erzählen kann. Die Sender sind so unmutig.“ Etwas wagen könne man nur noch im „Tatort“, der werde sowieso eingeschaltet. Sonst nicht.

„Das empfinde ich als großes Armutszeugnis. Von Bildungsauftrag merke ich da schon lange nichts mehr.“ Auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen hätten alle Angst, dass etwas nicht mehr funktioniert. Da ist wieder Peschels Abwehrhaltung: dass alles funktionieren muss.

Dass Peschel am Ende doch zugesagt hat, liegt daran, dass dieser Danowski so ganz anders ist als andere TV-Kommissare. Der hat Frau und Kinder und geht auch mal mitten in den Ermittlungen, um zum Abendessen bei der Familie zu sein. Er wohnt auch nicht in einem schicken Loft, wie so oft in der Fernsehwelt, sondern in einem engen Haus an einer stark befahrenen Straße.

„Man sucht ja immer nach Alleinstellungsmerkmalen. Und diese Figur ist anders als andere Kommissare, der hat keinen Bock auf Waffen, Kloppereien und Machosprüche, den ganzen üblichen Kram. „Das hat mich dann doch gereizt“.

Es sei ja schon außergewöhnlich, wenn man mal einen ganz gewöhnlichen Kommissar spiele. Ganz alltäglich ist dieser Danowski aber auch nicht. Er leidet unter starken Kopfschmerzen, fällt auch mal in Ohnmacht.

Wegen Quoten macht er sich nicht heiß

Ein Hirntumor vielleicht, wie in Peschels großem Kinoerfolg „Halt auf freier Strecke“, für den er 2012 eine Lola als bester Schauspieler gewann? Am Ende hat der Ermittler nur zu viel nachgedacht. Eine typisch Peschelsche Freak-Figur also.

Vier Danowski-Romane gibt es bislang. Und wenn die Quote stimmt, werden auch weitere Folgen gedreht. Aber auch von diesem Druck, dass es funktionieren muss, lässt sich Peschel nicht beirren. „Ich werde nicht am nächsten Morgen bangen, wie die Quote war. Ich mache mich deswegen nicht heiß.“

Und am Montag wird er den Film auch nicht im Fernsehen gucken können. Weil er da sicher noch mit Pollesch proben wird. Peschel freut sich wahnsinnig über diese erneute Zusammenarbeit. Das letzte Mal haben die beiden an der Volksbühne zusammengearbeitet. „Da kommen so ein bisschen Heimatgefühle auf.“

Die Volksbühne war lang sein künstlerisches Zuhause. Fast zwingend kommen wir da noch mal auf das leidige Thema Chris Dercon zurück, der 2017 die Volksbühne radikal umkrempeln sollte und nach gerade mal sieben Monaten kleinlaut wieder hingeworfen hat. Peschel findet es schade, welch große Tradition man an dem Haus zerschlagen hat.

Das Scheitern von Dercon gab ihm recht

„Andererseits war es auch toll zu sehen, was das für ein Politikum war, wie darum gestritten wurde. In Berlin ist noch nicht alles so neoliberal eingeschlafen. Es gibt noch Leute, die protestieren.“ Ein seltsamer Zufall will es, dass wir just an einer Laterne vorbeikommen, an der ein Aufkleber klebt: „Volksbühne: Muss bleiben.“ Da muss Peschel lachen.

„Das Scheitern von Dercon gab einem natürlich auch recht.“ Das sei ein wichtiges Zeichen an die Stadt, dass nicht jedes x-beliebige Konzept greift und ein Mann, der Kunst kuratiert, nicht unbedingt ein Theater leiten kann. Das findet Peschel „auch beruhigend“.

Mehr zum Thema: Milan Peschel über die Volksbühne

Mit der Volksbühne wurde ihm die Heimat genommen

Dass Pollesch ab 2021 die Volksbühne leiten wird, dass er Verantwortung für dieses Haus übernimmt, obwohl er das anfangs kategorisch abgelehnt hat – dafür ist Peschel dem alten Weggefährten dankbar.

Und er wird dann auch gern mal wieder auf diese Bühne zurückkommen. Noch einmal in ein festes Ensemble zu gehen, kann er sich zwar nicht vorstellen. Aber die Volksbühne, das sind seine Wurzeln. Deshalb war er, als Castorf gehen musste, auch so erschüttert: „weil mir die Heimat genommen wurde.“

Er gehörte damals zwar längst nicht mehr zum Ensemble. „Aber ich hatte da ganz starke Verbindungen, die gingen lange zurück, noch vor der Zeit von Castorf.“

Wir müssen an dieser Stelle einmal weit ausholen. Die Liebe zum Theater, gesteht Peschel, hat ihn im zarten Alter von neun Jahren erwischt. Im Ferienlager wurde er damals der Theatergruppe zugeteilt. Sie spielten „Die Geschichte vom Jungen, der sich nicht waschen wollte“. Er spielte den, der sich nicht waschen wollte. Danach hat er seine Mutter davon in Kenntnis gesetzt, dass er Schauspieler werden wolle.

Beim Theater hintenrum begonnen

In der Pubertät, dieser seltsamen Zeit, in der man sich zu zeigen schämt, ist er davon abgekommen. Etwas mit Kunst oder Kultur wollte er aber tun. Abitur hat er nicht gemacht, da hätte er sich als Offizier oder zum Lehrerstudium verpflichten müssen.

Deshalb hat er ein Handwerk erlernt und eine Tischlerlehre gemacht. „Eine der besten Entscheidungen meines Lebens“, so Peschel. Die Lehre hat er an der Volksbühne gemacht. Weil aber keine Plätze in der Werkstatt frei waren, wurde er zur Bühnentechnik versetzt. Und hat Theater erst mal von hinten kennengelernt.

Irgendwann hat er aber den Drang verspürt, auf die Bühne zu gehen. „Der Applaus hat mich auch gecatcht“. In der Volksbühne ließ man ihn 1989 auch mal mitspielen. Und schließlich hat er sich, spät, an der Schauspielschule beworben. „Kunst“, das ist sein Credo, „kommt nicht von Können, sondern von Müssen. Irgendwie sucht sich der Drang seinen Weg.“

Erschöpfung und Glückshormone auf der Bühne

Von 1997 bis 2008 gehörte Peschel dann zum Ensemble der Volksbühne und erlebte die spannenden Jahre, als sie unter Castorf – der übrigens auch aus dem Kiez kommt, durch wen wir gerade spazieren – zur Experimentierbühne der Republik wurde.

Lehrreiche, befruchtende Jahre. Auch mit den sechs-, siebenstündigen Castorf-Mammutabenden, nach denen man ausgepowert und völlig fertig war. Und doch so viel Adrenalin, so viel Glückshormone ausgeschüttet hat, dass man süchtig danach wurde.

Peschel hat dann auch angefangen, selber Stücke zu inszenieren. Und erste Filme zu drehen. Die Volksbühne war diesbezüglich immer kulant. Aber Peschel wollte nicht immer um Auszeiten fragen müssen. Wollte auch mal anderen Regisseuren, anderen Arbeitsweisen begegnen. Auch da hat er einen Drang verspürt.

Lob für seine malende Frau

Jetzt ist der Mann mit dem kauzigen Konterfei und der krächzenden Stimme auch bei Film und Fernsehen ein vielbeschäftigter Schauspieler, in Arthouse-Produktionen wie „Netto“ oder eben „Halt auf freier Strecke“, aber auch in Mainstreamfilmen von Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger. Und er steht weiter auf der Bühne, am Deutschen Theater oder an der Volksbühne, und inszeniert selber an Häusern quer durch die Republik.

Wie er davon erzählt, sind wir in einem großen Bogen über die Greifenhagener Straße Richtung Mitte zurückgelaufen, wo es dann doch wieder etwas hipper wird. An der Hausnummer 64 bleibt er stehen. Hier hat seine Frau, die Bühnenbildnerin und Malerin Magdalena Musial, im Erdgeschoss ein Atelier, in deren Schaufenster ihr neuestes Werk hängt. Peschel hat das noch nicht gesehen. Und ist jetzt sehr stolz. „Hat sie lange dran gearbeitet“.

Er klopft auch sachte, ob seine Frau im Laden ist. Da kommt sie, rein zufällig und doch punktgenau, als sei das ein Drehbucheinfall, um die Ecke gelaufen. Sie begrüßen und herzen sich. Und: „Magdi, ist schön dein Bild!“, lobt er sie vollmundig. Die wiegt aber lächelnd ab. „Lasst euch nicht stören“, meint sie nur. „Ich muss ja arbeiten.“

Sein Rausch, seine Droge – das ist das Spielen

Wir laufen die Raumerstraße weiter, nun doch am Helmholtzplatz vorbei, den wir aber buchstäblich links liegen lassen, bis wir vor Peschels Wohnung in der Senefelder Straße stehen. Die letzte Frage für die letzte Wegstrecke: Was ist wichtiger für ihn, das Theater oder der Film? Da muss Peschel nicht lang überlegen. „Theater ist die Heimat. Sozusagen der Mutterschoß.“ Dahin werde er immer wieder zurückkehren. „Also nicht in den Mutterschoß“, lacht er. Aber Theater sei einfach das Zuhause.

„Ich liebe das Unmittelbare dort, auch den Dreck, den Staub. Dass das alles nicht so komfortabel ist wie beim Film.“ Am Theater, diesem „einzigartigen Ort“, sei er immer sehr glücklich. „Das ist wie ein Rausch. Deshalb brauche ich auch keine Drogen.“

Dann hält er einen Moment inne, wägt ab. Und erklärt, auch den Film mag er nicht missen. „Vielleicht“, sinniert er, „ist das ja der eigentliche Rausch, die Droge: das Spielen. Ja, so ist es.“