Neu im Kino

Traum und Alptraum zugleich: Tarantinos neunter Film

„Once Upon a Time… in Hollywood“ ist Quentin Tarantinos persönlicher Liebesbrief an die Traumfabrik. Aber er gelingt nur streckenweise.

Quentin Tarantino (M.) mit seinen Stars Pitt und DiCaprio bei der Deutschlandpremiere des Films in Berlin.

Quentin Tarantino (M.) mit seinen Stars Pitt und DiCaprio bei der Deutschlandpremiere des Films in Berlin.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Man kann sich genau vorstellen, wie Quentin Tarantino sich heimlich in ein Kino in die Vorstellung einer seiner Filme schleicht. Wie er erst mal inspiziert, wie viele Leute da im Saal sitzen. Wie er sich dann erwartungsfroh mitten reinsetzt. Wie er voller Spannung darauf wartet, ob ein Gag, an dem er lange gefeilt hat, beim Publikum ankommt. Und wie er dann befreit mitlacht, wenn die Pointe so zündet, wie er das erhofft hat. Die kleinen Freuden eines Regisseurs.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Man kann sich das so gut vorstellen, weil Tarantino in seinem jüngsten Film „Once Upon a Time… in Hollywood“ selbst genau so eine Szene eingebaut hat, in der nicht er, aber das Filmsternchen Sharon Stone eine Vorführung einer ihrer Filme besucht. Es ist nicht nur eine schöne, sondern sogar eine Schlüsselszene.

Erstmals dreht Tarantino im eigenen Gewerbe

Tarantino ist ein wahrer Film-Nerd. Das war er schon, als er noch in einer Videothek gearbeitet hat und die großen Klassiker, vor allem aber das Trash-Kino konsumiert hat. In all seinen Filmen hat er immer wieder seine Lieblingsfilme zitiert, die Italowestern und die Blaxpoitation-Filme. Hat auch deren Filmmusiken weidlich ausgeschlachtet. Aber noch nie hat er das Kino selbst, und die Liebe zu ihm, ganz offen zum Thema gemacht wie nun in seinem neunten Film.

Den er denn als Filmmärchen anpreist: „Once Upon a Time… in Hollywood“. Es war einmal in der Traumfabrik. Was natürlich auch wieder ein Zitat ist: So betitelte Sergio Leone seine Amerika-Epen „Spiel mir das Lied vom Tod“ (im Original: „Es war einmal im Wilden Westen“) und „Es war einmal in Amerika“.

Die Traumfabrik aus drei Perspektiven

Es ist ein liebevoll-ironischer Blick hinter die Kulissen von Hollywood im Umbruchsjahr 1969, mit dem Tarantino, selbst ein Kind der 60-er, seine ersten Erfahrungen mit Film und Fernsehen verarbeitet. Erlebt wird das aus drei Perspektiven: Von einem, der Angst hat, seine Karriere sei schon zu Ende. Von einem, der hier definitiv keinen Fuß mehr in die Tür bekommt. Und einer, die auf dem besten Weg zum Super-Star ist.

Der Mann, der sich schon am Ende wähnt, ist der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Er wurde mit einer Westernserie zum Star, hat die aber für gewagte Spielfilme aufgegeben (unter anderem, hier zitiert sich Tarantino auch gleich selbst, mit einem „Inglourious Basterds“-artigen Kriegsfilm) und muss sich jetzt mit Gastauftritten in anderen Serien begnügen. Wo er immer der Böse ist und am Ende sterben muss.

Die Stütze an seiner Seite ist Stunt-Man Cliff Booth (Brad Pitt). Der war zu Daltons großen Zeiten dessen Double für gefährliche Szenen. Damit ist es nun vorbei. Aber weil Dalton ein kleines Alkohol- und ein größeres Selbstwert-Problem hat und bei einem Autounfall seinen Führerschein verloren hat, ist das Double auch dessen Chauffeur. Sein Hausmeister. Und auch ein bisschen der Seelenklempner. Nur ohne dafür das Gehalt eines Therapeuten einzustreichen.

Tolle Szenen - aber nur für die Männer

Auf die Idee, Brad Pitt als Double für Leonardo DiCaprio zu besetzen, muss man erst mal kommen. Aber es ist sehr hübsch, wenn Booth den Star in dessen hochglanzpolierter Limousine in sein Protzanwesen in den Hollywood-Hügeln chauffiert und dort in seine Klapperkiste steigt, um in die eigene Bleibe zu fahren. Ein verstaubter Wohnwagen, der auch noch hinter einem Autokino steht. Besser kann man nicht verorten, wie jemand den Traum von einer Filmkarriere ausgeträumt hat.

Und doch ist Booth derjenige, der seine Lage viel klarer einschätzt, während Dalton ständig wegen seiner Versagens- und Existenzängste jammert. Und beide gucken schließlich neidisch auf Daltons neue Nachbarn: den (meist abwesenden) Roman Polanski, der gerade mit „Rosemary’s Baby“ zu Hollywoods heißestem Regisseur aufgestiegen ist, und dessen Frau, Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), der man die ganz große Karriere voraussagt.

Mehr zum Thema: Der Star und sein Double: DiCaprio und Pitt in Berlin

Tarantino hat das Hollywood von 1969 wiederauferstehen lassen – als Filmkulisse. Immer wieder fährt Brad Pitt in endlosen Szenen durch die Straßen von L.A. Und Tarantino hat die Straßenzüge nicht etwa am Computer bearbeiten lassen, er hat sie wirklich in liebevoller Detailarbeit in die 60er-Jahre zurückverwandelt.

Die 60-er erstehen wieder in altem Glanz auf

Dazu erklingen aus dem Radio stets die Hits jener Tage. Und die Stars des Films tragen die coolen Klamotten der 60-er. Eine einzige Verbeugung und Liebeserklärung an diese Dekade also. Hier hat sich Tarantino selbst übertroffen. Er hat bei alledem nur eines ein bisschen vergessen: dem Ganzen auch noch eine Handlung zu versehen.

Stellen wir uns also vor, wie Tarantino wie Tate sich in eine Vorführung des Films hineinstiehlt. Er wird freudig lächeln über die Szenen zwischen Pitt und DiCaprio, die wirklich hervorragend gelungen sind. Er hat ihnen auch schöne einzelne Momente gegeben. Wenn DiCaprios Dalton als abgewrackter Star immer wieder rotzt und heult und sich selbst anschreit oder am Set einer drittklassigen Serie von einem naseweisen Schauspieler-Mädchen erklärt bekommt, was richtiges Schauspiel ist.

Oder wenn Pitts Booth einen asiatischen Kung-Fu-Star (Mike Mooh), hinter dem man unschwer Bruce Lee erkennen kann, als Maulhelden enttarnt und zum echten Kampf herausfordert. Was seinen Ruf am Set freilich weiter ruiniert – weil er den Star der Produktion verkloppt.

Tarantino zementiert hier einmal mehr, dass er ein Meister der Dialoge ist. Aber so schön diese liebe-voll genauen Beobachtungen und Miniaturen sind, über zweieinhalb Stunden (im Original war der Film sogar mal dreieinhalb Stunden lang) wartet der Zuschauer doch irgendwann, dass sich mal so etwas wie eine Handlung entwickelt. Die aber bleibt aus. Und so wird das Lachen im Saal zunehmend bedeckter.

Die Frauen bleiben nur Klischees

Man wartet auch, dass Robbies Tate endlich eine große Dialog-Szene erhält. Und sieht sich auch da getäuscht. Auch die Mädchen der Manson-Sekte, die gleich anfangs ins Bild kommen, sind vor allem verführerische junge Mädels, die je nachdem lüstern oder aggressiv gucken, aber eigentlich nur Klischees bleiben.

Das ist so eine Erkenntnis, die einem in dem langen Film immer klarer wird: „Once Upon a Time… in Hollywood“ ist reines Männerkino. Für seine Frauenfiguren hat Tarantino bei weitem nicht so viel Liebe und Gespür übrig wie für Pitt & DiCaprio, die hier glänzen und brillieren.

Und schließlich muss sich der Zuschauer auch fragen, wieso Tarantino seine Liebeserklärung an Hollywood ausgerechnet auf 1969 datiert. Der Filmkenner weiß, dass Sharon Tate in jenem Jahr mit ein paar Freunden in ihrem Haus von der Sekte um Charlie Manson bestialisch ermordet wurde. Der Film muss also tarantino-üblich unweigerlich in einer Gewaltorgie enden. Die dann auch so etwas wie das Ende des unschuldigen Hollywood markiert. Weil die Manson-Sekte ja wirklich postulierte, sie werde jene massakrieren, die ihnen in Hollywood das Morden gezeigt hätten.

An einer Kritik an der Traumfabrik ist Tarantino nicht gelegen. Dafür ist er viel zu sehr Fan – und deren eigenes Produkt. Er spielt indes mit den Erwartungen, die man mit der Tat an Tate verbindet. Auch da aber könnte sich der kultisch verehrte Regisseur einmal gründlich verspekuliert haben. Ein Großteil der Zuschauer wird heute gar nicht mehr wissen, wer Tate war und was mit ihr geschah. Ein überraschender Kniff dieses Hollywood-Märchens wird so vielleicht gar nicht verstanden. Tarantino könnte da im Saal recht einsam schmunzeln.

Drama USA 2019 156 min., von Quentin Tarantino, mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Bruce Dern.