Neu im Kino

Szenchen einer Ehe

In „Und wer nimmt den Hund“ führen die Topostars Martina Gedeck und Ulrich Tukur einen Rosenkrieg. Allerdings einen eher zahmen.

Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur) wollen im Frieden voneinander scheiden.

Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur) wollen im Frieden voneinander scheiden.

Foto: Majestic

Liebesgeschichten beginnen meist zu zweit und enden nicht selten zu dritt. Mit der Schwiegermutter. Mit der neuen, oft deutlich jüngeren Freundin des Mannes. Oder mit der Paartherapeutin. Erste beide sind auch kulturgeschichtlich schon hinlänglich beschrieben, besungen und beklagt worden.

Letztere dagegen ist erst in der jüngsten Zeit als dramatische Person entdeckt worden. Etwa in John Jay Osborns vergangenen Herbst auf Deutsch erschienenen Roman „Liebe ist die beste Therapie“ oder in dem vor einem Jahr gestarteten Film „Die Wunderübung“, in dem Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz ihre Beziehung vor einer dritten Person ausfochten.

Eine Ehe, die sich selbst verdaut

Jetzt sitzen da Martina Gedeck und Ulrich Tukur, zwei Schwergewichte des deutschen Films. Und fahren schwere Geschütze auf. Doris Lehnert (Gedeck) etwa fährt gleich anfangs den Wagen von Georg Lehnert (Tukur) zwar nicht an die Wand, aber doch ans Garagentor. Und das wieder und wieder und mit voller Absicht. Der nämlich hat sich in eine jüngere Kollegin verliebt, Zoologin wie er.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Und er hat sie auch genau da kennen gelernt, wo er einst Doris das erste Mal sah: vor einem Aquarium. Einem, in dem Quallen hausen, die, wie der Zoologe sofort doziert, sich selber verdauen können. Was für eine Metapher für diese Ehe, die sich nach immerhin einem Vierteljahrhundert, kaum sind die Kinder ausgezogen, irgendwie auch selbst verschluckt.

Erst der zweite gemeinsame Film

Gedeck und Tukur haben, obwohl sie zur ersten Liga der hiesigen Schauspielzunft zählen, erst einen gemeinsamen Film gedreht. Das war vor drei Jahren „Gleißendes Glück“, in dem Tukur einen glückspredigenden Professor spielte, der sexsüchtig war, und Gedeck eine Frau, die einer gewalttätigen Ehe entfliehen wollte. Am Ende dieses abgründigen, aufwühlenden Dramas fanden sich die beiden zu einem vagen Happy End.

Mehr zum Thema: Ein Interview mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur

Rainer Kaufmanns „Und wer nimmt den Hund“ ist nun ihr zweiter gemeinsamer Film. Und irgendwie sieht er sich wie eine einzige Spiegelung, eine Gegenthese an. Kein Anfang diesmal, sondern das Ende einer Liebe. Kein Drama, sondern eine Komödie. In der diesmal die Frau die abgründigere ist. Und der Mann der Ehe entfliehen will.

Die Komödie kommt allerdings recht konventionell daher. Brav sitzen die beiden vor der Therapeutin (Angelika Bruhns) und erzählen ihr die Geschichte ihrer Ehe, die sich dem Zuschauer dann in Rückblenden darstellt. Nur selten wird dieses Muster durchbrochen, wenn die beiden auch mal direkt in die Kamera sprechen, als ob sie sich an den Zuschauer selbst wenden würden.

Der Film ist eine Nummer zu klein für seine Stars

Das hat hübsche Momente, wenn die beiden sich ständig in die Haare kriegen. Martina Gedeck und Ulrich Tukur haben ganz offensichtlich eine gute Chemie miteinander, auch wenn sie ein Paar spielen sollen, bei dem die Chemie nicht mehr stimmt. Den Stars ist ihre Spielfreude förmlich anzusehen. Und doch scheint Kaufmanns Film irgendwie eine Nummer zu klein für diese beiden Asse.

Man kann das Ende einer Ehe als großes Drama erzählen, wie, ewiges Vorbild, Ingmar Bergman in „Szenen einer Ehe“. Man kann sie als Komödie erzählen wie der TV-Film „Scheiden tut weh“, der vor allem davon lebte, dass hier mit Andrea Sawatzki und Christian Berkel ein reales Paar ein Filmpaar spielte. Oder man spielt es als Groteske wie Kathleen Turner und Michael Douglas in Danny DeVitos grandiosem „Rosenkrieg“.

Rainer Kaufmann, eigentlich auch ein Spitzenregisseur, der Martina Gedeck mit „Stadtgespräch“ einst zum Landesgespräch machte, konnte sich aber offensichtlich nie recht entscheiden, in welche Richtung seine Komödie gehen soll.

Zu vorhersehbar für die große Leinwand

Mal entladen sich bei dem Filmpaar bergmännisch lang unterdrückte Frustrationen, mal gibt es fast anarchische Momente, wenn etwa Martina Gedeck das Auto der Rivalin anzündet, die an den „Rosenkrieg“ erinnern. Dann aber dümpelt das Ganze doch wieder im vorhersehbaren Unterhaltungsformat vor sich hin.

„Und wer nimmt den Hund?“ kann nie verleugnen, dass der Film eigentlich fürs Fernsehen produziert wurde und wohl nur wegen der Spitzenbesetzung doch noch den Weg auf die große Leinwand gefunden hat Auch wenn die beiden Stars hier oft unterfordert und weit hinter ihren Möglichkeiten bleiben.

Der Titel führt übrigens in die Irre. Wer den Hund kriegt, kümmert weder die Dame noch den Herrn. Dafür sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auch da verschenkt der Film viel von seinem Potenzial.

Tragikomödie D 2019 93 min., von Rainer Kaufmann, mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Angelika Heinze