Sie sind zwei der größten Filmstars des Landes: Martina Gedeck und Ulrich Tukur. Und doch haben sie bislang erst einen Film zusammen gedreht: In dem Seelendrama „Gleißendes Glück“ spielte sie eine Frau, die aus einer gewalttätigen Ehe ausbricht, und er einen Sexsüchtigen. Am Ende kamen die beiden zusammen. Ein vorsichtiges Happy End. Nun sind die Schauspieler erneut in einem Film zu sehen, der diesmal vom Ende einer Liebe handelt: „Und wer nimmt den Hund?“, der am kommenden Donnerstag in die Kinos kommt, handelt von einer qualvollen Trennung, erzählt das aber als Komödie. Wir trafen die beiden Schauspieler.

Berliner Morgenpost: In ihrem neuen Film entschließt sich das Film-Paar Doris und Georg, ihre Trennung nach fast drei Jahrzehnten durch eine Paar-Therapie zu begleiten. Ist das jetzt der neue Trend? Halten Sie das für realistisch?

Ulrich Tukur: Es gibt haufenweise Eheberatungen, Coachings, Mediatoren, Familienaufstellungen. Heute wird doch fast alles therapeutisch begleitet.

Martina Gedeck: Mir leuchtet das ein. Du trennst dich, liebst diese Person natürlich trotzdem, die Liebe und die Verbindung sind ja viel tiefer, als man denkt. Das ist ein langer Prozess, in dem man sich von all diesen Vergangenheiten lösen muss.

Dann würden Sie sagen, Doris und Georg sind ein typisches Paar? Er verlässt sie für eine Jüngere?

Tukur: Er ist schon ein typischer Vertreter seines Geschlechts. Männer sind oft wie große Jungs. Sie laufen gerne jeder Verantwortung davon. Sie haben ein Problem mit dem Älterwerden. Dem weichen sie gerne aus, indem sie sich Gespielinnen zulegen, die ihre Töchter sein könnten. Männer sind kleine Peer Gynts: Träumer, Spinner, sie lügen, sind untreu und rasen lieber einmal um die Welt, als sich selbst ins Gesicht zu sehen, und erwarten am Ende, dass die Frau immer noch da ist und alles vergibt.

Gemeinsam beim Paar-Therapeuten: Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur) in „Und wer nimmt den Hund?“
Gemeinsam beim Paar-Therapeuten: Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur) in „Und wer nimmt den Hund?“© Majestic

Gedeck: Ich kenne allerdings viele Frauen aus dem Bekanntenkreis, die in diese Art Probleme kommen.

Tukur: Du meinst, die ihren Gatten wandern lassen und selbst Affären haben?

Gedeck: Die Frauen nehmen sich schon sehr, was sie wollen; wenn sie unglücklich und unbefriedigt sind, dann haben sie Lover, und nicht nur dann. Aber was an Ulis Rolle gut ist: Georg ist eine Figur, die nicht betrügt. Er beichtet bereits am nächsten Morgen.

Tukur: Doris ist hingegen wesentlich reflektierter und konsequenter als ihr Mann. Sie nimmt das Leben wieder in die Hand und löst sich aus ihrer Abhängigkeit. Männer benutzen Affären in der Regel als Fluchtmöglichkeit. Georg weiß gar nicht, wo ihm der Kopf steht. Er ist verliebt in seine junge Assistentin und hofft, dass mit ihr das langweilige Leben verschwindet und alles wieder neu und aufregend wird. Aber so kannst du dich nicht verjüngen.

Das Älterwerden zu verhindern, bricht ja gerne mal in eine gewisse Tragik um.

Tukur: Es ist sicher nicht leicht, älter zu werden, und in gewisser Hinsicht verstehe ich Georg sehr gut. Aber ich glaube, man sollte versuchen, das Unvermeidliche elegant zu verhandeln, und nicht gleich in die nächste Muckibude rennen oder sich junge Geliebte zulegen.

Ist das Prinzip Ehe in unseren schnelllebigen Zeiten veraltet?

Tukur: Großer Gott, nein!

Gedeck: Es ist immer noch eine Absicherung, wenn der Partner stirbt. Es geht um die Versorgung und den Schutz. Da kommt man so schnell nicht raus. „Bis dass der Tod euch scheidet“ – das wird sich über den Lauf der nächsten Jahrzehnte vielleicht verändern.

Tukur: Natürlich haben sich Ehen verändert. Meine Eltern sind noch in den Zwanzigerjahren geboren und haben die Armut und Not der Nachkriegsjahre erlebt. Mein Vater war Kriegsteilnehmer. Ihre Ehe war eine Mesalliance und steckte in einer permanenten Krise. Doch man ging damals nicht zum Psychologen oder Therapeuten, das war verpönt. Das war etwas für Verrückte, gewissermaßen ein Offenbarungseid. Das Bild der Familie ist im Wandel. Die Ehe, die ein Leben lang hält – sie scheint wie viele andere christliche Werte zu verschwinden.

Gedeck: Ich glaube, dass eine gute Beziehung auf Vertrauen basiert – und die Leute sich früher einfach anders geholfen haben. Da gab es Seelsorger, den Pfarrer. Die haben sehr viel ausgleichen können. In jeder Beziehung gibt es Krisen, und es geht darum, diese zusammen zu überwinden.

Wenn es denn geht.

Ihr erster gemeinsamer Film: Tukur und Gedeck 2016 in „Gleißendes Glück“.
Ihr erster gemeinsamer Film: Tukur und Gedeck 2016 in „Gleißendes Glück“.© Wild Bunch Germany

Tukur: Ich habe lange mit einer Frau zusammengelebt, die ganz zauberhaft war. Aber es war eine Jugendliebe und hatte nicht das Zeug, ein Leben lang zu halten. Als ich es beendete, dauerte es noch 20 Jahre, bis wir wirklich darüber hinweg waren. Wenn aber die Chemie stimmt und die Krisen überwunden sind, dann kann eine Beziehung ein Kunstwerk werden. Allerdings darf man seinem Partner nie überlegen sein. Denn dir gehört kein Mensch, er muss dir immer ein Geheimnis bleiben.

Gedeck: Es ist aber genauso wichtig, dem anderen den Raum zu geben, wenn er reüssiert, beruflich und im Leben. Dass man auch mal ein Kompliment macht und den anderen lobt. Gegenüber dem Partner großzügig zu sein und zu wissen, dass man das Recht hat, sich bei Krisen Hilfe zu holen.

Das deutsche Kino ist momentan im Umschwung und in der Krise. Streaming-Dienste werden attraktiver. Kann das Kino es schaffen?

Gedeck: Kino ist für mich grandios. Es wird dort anders erzählt, es hat eine andere Kraft – vollkommen anders als ein Fernseherlebnis. Auf der großen Leinwand kommt alles rüber – selbst Gedanken kann der Zuschauer sehen. Er sieht, was der Schauspieler ausdrücken wollte.

Tukur: Es hat einen speziellen Reiz, gemeinsam mit anderen im Dunkeln eines Lichtspielhauses zu sitzen – wie in einem Uterus.

Gedeck: Danke, dass du dieses Wort gefunden hast.

Tukur: Noch schöner aber ist Theater. Das spielt der überraschende Moment noch eine Rolle, die Unwägbarkeit, das Gefährliche. Ein Darsteller könnte von einem herabfallenden Scheinwerfer erschlagen werden oder seinen Text vergessen. Ich breche hier gerade für das Theater eine Lanze.

Wenn man böse redet, würde man sagen, das Theater wird durch Subventionen künstlich am Leben erhalten.

Tukur: Nein, das Theater wie auch die Oper werden überleben. In einer Nische. Vieles andere wird untergehen, aber diese urmenschliche, archaische Kunst wird bleiben.

Hat sich eigentlich in Zeiten der Post-#MeToo-Ära die Diskussion um Gagenvorstellungen verändert?

Gedeck: Bei den kleineren und mittleren Gagen ist es kein Thema. Aber bei den Hauptrollen, da muss man schon sehr auf seine Gagen bestehen. Es wird sowieso überall gespart, die Filmbudgets werden kleiner. Und wenn du verhandelst, dann kann es vielleicht auch sein, dass du nicht mehr besetzt wirst. Oder du gehst runter mit der Gage, aber das geht Männern wie Frauen so, glaube ich.

Tukur: Ich rede grundsätzlich nicht über Gagen.

Sie, Frau Gedeck, hatten 2012 mit „Die Wand“ auch international einen großen Erfolg.

Gedeck: Das war ein sehr besonderer Film mit eigener Erzählsprache, eigensinnig, nicht abgekupfert. Der österreichische Regisseur Julian Roman Pölsler ist sowieso jemand, der eine eigene Künstlerpersönlichkeit hat wie Wenders oder Schlöndorff. Oder auch Fassbinder damals. Die sind in den Sechzigern gegen die bestehende bürgerliche Welt losgezogen, waren anarchisch, wollten alles anders machen. Ich glaube, dass gute Filme entstehen können, aber dafür muss man sich als Regisseur außerhalb des Systems bewegen.

Tukur: Es fehlen aber heute die großen Themen – und wo sollen die existenziellen Stoffe denn herkommen? In den Sechzigern gab es die Wut auf die Elterngeneration, auf eine verdrängte Vergangenheit, aber heute…

Gedeck: …doch, doch, es gibt die Themen, die Zerstörung der Natur, die Einsamkeit, die Beziehungslosigkeit, und das kann sehr schmerzen.

Tukur: Ich denke, um gute Filme drehen zu können, brauchst du ein Lebensthema, und du musst liebevoll auf die Menschen schauen können, ohne ihren Abgrund zu ignorieren.

Wann ist eine Rolle für Sie interessant?

Gedeck: Ich schöpfe aus dem Abstand zur Figur. Wenn ich sie nicht erschließen kann, finde ich sie spannend. Ich muss mich auf die Rolle zubewegen. Bis sie eins wird mit mir – oder ich mit ihr, das ist dann das Fremde, was ich mag.

Was ist Ihnen wichtig?

Tukur: Ich habe so viel Glück gehabt im Leben. Als Musiker, Autor, Schauspieler im Theater und im Kino. Aber ich habe noch nie eine Komödie spielen dürfen. Und das hat jetzt endlich geklappt!

Gedeck: Das war auch für mich ein Wunsch, der sich erfüllt hat. Und ich wusste, dass es nicht oberflächlich wird. Das finde ich so toll, dass wir zusammenspielen. Und ich wusste, dass es stimmig wird.