Kritik

„West Side Story“: Nur die Stimmen stimmen

An der Staatsoper gastiert die Original-Broadway-Inszenierung, der Mutter aller Musicals. Sie krankt ausgerechnet am Hauptdarsteller.

Die „West Side Story“ gastiert in der Staatsoper.

Die „West Side Story“ gastiert in der Staatsoper.

Foto: Jeff Busby

Eigentlich sind ja Theaterferien. Aber in diesem Sommer ist in Berlin geradezu Hochsaison für Musicals. Im Theater des Westens läuft das Take-That-Musical „The Band“, die Neuköllner Oper zeigt Peter Lunds neues Musical „Drachenherz“. Kommenden Freitag wird im Tipi am Kanzleramt schon traditionell die Erfolgsinszenierung von „Cabaret“ als Sommerfüller wiederaufgenommen. Und nun machen sich auch noch gleich zwei Original-Broadway-Produktionen Konkurrenz in Berlin. Am Donnerstag erst hatte „Chicago“ im Admiralspalast Premiere, am Sonnabend folgte nun „West Side Story“ an der Staatsoper Unter den Linden, als erstes Sommer-Gastspiel seit der Wiedereröffnung.

„West Side Story“: Songs, die jeder kennt

Für viele ist „West Side Story“ die Mutter aller Musicals, der Inbegriff des Genres schlechthin. Die Songs von Leonard Bernstein kennt jeder, bei „Maria“ oder „Somewhere“ fängt auch sofort der eine oder die andere an mitzusummen. Und die Handlung ist ja sowieso Allgemeingut, wurde hier doch genial Shakespeares „Romeo und Julia“ auf die Straßen von New York verlegt, der Hass zweier Fürstenfamilien auf den Straßenkampf rivalisierender Jugendbands verlegt, wobei auch gleich noch viel über Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass erzählt wird. Ein Thema, das heute fast noch aktueller ist als bei seiner Entstehung. Nur die Einwanderer-Hymne „I Want To Be In America“ wird heute vielleicht nicht mehr ganz so inbrünstig angestimmt.

Das Stück aber, das 1957 von Jerome Robbins inszeniert und choreographiert wurde und seither immer wieder in seinem Geiste frischgehalten wird, es ist doch etwas in die Jahre gekommen. Gerade die Choreographien der Kämpfe zwischen den Gangs wirken allzu künstlich, ja ballettös und eigentlich eher, als ob die Jets und die Sharks, also die Weißen und die Puerto-Ricaner, nur miteinander spielen, statt dass sie sich wirklich bis aufs Blut bekriegen würden. Vor allem aber krankt diese Romeo-und-Julia-Geschichte an ihrer Julia und insbesondere an Romeo.

Liebespaar ist schauspielerisch eine Magerversion

Ganz offensichtlich wurde der Cast ganz nach den Stimmen besetzt. Zugegeben, man hat nicht wenige Tonys an den hohen Schlusstönen von „Maria“ scheitern hören. Und auch sonst ist die Produktion rein vom Klang her brillant. Aber schon der Anführer der Jets, Riff (Noah Mullins), ist zwar stimmlich stark, aber sonst eher ein Jungspund und Spargel, auf keinen Fall ein Anführertyp, der seine Jungs aufstacheln könnte. Und das Liebespaar ist schauspielerisch eine ausgesprochene Magerversion. Wir geben zu, wir heulen immer wieder, wenn wir die oscar-gekrönte Verfilmung von 1961 sehen (bei der Jerome Robbins auch beteiligt war).

Die aktuelle Broadway-Maria von Sophie Salvesani lässt einen dagegen ziemlich ungerührt. Und ob Todd Jacobsson als Tony sich gerade unsterblich verliebt oder den Bruder seiner Geliebten erstochen hat, er befolgt brav alle Regieanweisungen, aber er spielt, er lebt es nicht. Er gefällt sich einfach darin, auf der Bühne zu stehen. Bei so viel Eigenliebe ist kein Platz mehr für Maria. Nutznießerin des Abends ist Chloé Zuel. Die Figur der Anita, die sie spielt, ist immer eine dankbare Rolle mit viel Eigenapplaus. In dieser Konstellation aber ist Zuel die einzige, die stimmlich wie darstellerisch überzeugt und wirklich „brennt“. Dafür kann sie auch hörbar den meisten Applaus vom Premierenpublikum einheimsen.

„West Side Story“ von Barrie Kosky hat die Berliner verwöhnt

Aber zugegeben, die Berliner sind reichlich verwöhnt. Barrie Kosky hat vor nicht ganz sechs Jahren eine triumphale „West Side Story“ nicht unweit von der Staatsoper, an der Komischen Oper, inszeniert. Hat das sowieso immer frugale Bühnenbild selbst von seinen Feuerleiter-Gerüsten entschlackt und dafür mit viel Rhythmus, Street Dance und Körperlichkeit radikal neu interpretiert. Die Aufführungen waren stets ausverkauft, die Tickets nach kürzester Zeit weg. Und die Inszenierung so erfolgreich, dass sie auch ins Ausland verkauft wurde. Selbst nach Los Angeles. Die Jets und die Sharks, die jetzt Unter den Linden auftreten, könnten also durchaus schon etwas gehört haben von dieser triumphalen Berliner Version. Und gegen die fällt die nur immer novellierte, aber nicht grundsätzlich neu konzipierte Broadway-Show, die nun schon gut 62 Jahre auf dem Buckel hat, deutlich ab.

Wer Koskys „West Side Story“ gesehen hat (erst kürzlich gab es ja noch mal eine Wiederaufnahme), der wird von diesem New-York-Gastspiel enttäuscht sein. Es ist aber keineswegs eine traurige Erkenntnis, dass Berlin sich hinter dem Broadway, der legendären New Yorker Musicalmeile, nicht zu verstecken braucht. Und spannend wird es nun, ob Steven Spielberg den alten Hit noch mal neu erfinden will. Der Kultregisseur dreht gerade an einer Neuversion. Mit Newcomern statt großer Namen. Politisch korrekt wird auch nicht, wie 1961 mit Natalie Wood, ein weißer Star zur Puerto-Ricanerin getrimmt. Ein Tony, der nur singen, aber nicht spielen kann, ist schon auf der Bühne ein Makel. Im Film geht es gar nicht.

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Nächste Termine: 10. bis 14. Juli, 20 Uhr, Sa/So auch 15 Uhr.