Welch ein Tempo. Welch ein Drive. Wenn große Theaterproduktionen auf Tournee gehen, sieht man, mit Verlaub, nicht immer die besten Aufführungen. Manchmal scheinen die Stücke einfach abgespielt und ausgelutscht, manchmal haben die Darsteller auch nicht echt Lust oder lassen gleich die Zweitbesetzung ran.
Das gilt leider auch für so manches Broadway-Gastspiel. Nicht alles, was an New Yorks berühmter Musicalmeile rockt, kommt mit der gleichen Energie über den großen Teich. Den Gegenbeweis tritt nun aber das Original-Broadway-Musical „Chicago“ an, das bis 13. Juli zu Gast im Berliner Admiralspalast ist.
Der Cast singt, tanzt und spielt, als habe das Stück gerade erst Premiere gehabt. Und Dirigent Bryan Schimmel treibt seine Musiker und damit auch die Darsteller mit einem Tempo an, als müssten sie alle gleich nach dem Vorhang auf den letzten Flieger zurück nach Amerika. Selbst wer das Stück schon kennt, wird überrascht sein, wie schnell und flott das hier alles vonstatten geht.
Die Musiker sitzen direkt auf der Bühne
Dabei ist „Chicago“ ja eigentlich eines dieser Musicals, bei denen es kaum Überraschungen gibt. Die Inszenierung ist immer die gleiche. Es gibt kein Bühnenbild. Dafür sitzen die Musiker nicht im Graben, sondern direkt auf der Bühne, auf einer zentralen, eingerahmten Treppe. Die Handlung spielt sich auf dem kleinen Raum davor ab.
Wer gerade nicht dran ist, der geht auch nicht ab, sondern sitzt seitlich von der Band. Auch bei den Kostümen gibt es keine großen Roben oder Verwandlungen: Die Damen und Herren Akteure spielen in aufreizenden Trikots, die viel Fleisch zeigen und noch mehr erahnen lassen.
Das Stück beginnt als Vaudeville-Show, wenn Velma Kelly (Samantha Peo) „All that Jazz“ röhrt. Und es bleibt auch eine Vaudeville-Show, wenn die Handlung dann beinhart in ein Frauengefängnis wechselt. Velma ist nämlich nicht wie üblich mit ihrer Schwester aufgetreten, sie hat sie vielmehr gemeuchelt. Nun wartet sie auf ihren Prozess.
Es geht dem Star-Anwalt nur um die große Show
Ein windiger Star-Anwalt, Billy Flynn (Craig Urbani), will sich für sie einsetzen. Schuld oder nicht Schuld, das ist ihm ziemlich schnurz. Ihm geht es nur um die Dollars, die er daran verdient. Deshalb verdreht er die Wahrheit, wie es ihm gerade passt, und setzt vor allem auf Schlagzeilen in den Medien, um den Fall, nun ja, eben hochzujazzen.
Da macht es durchaus Sinn, wenn die Darsteller einfach in ihrem anfänglichen Bühnen-Outfit bleiben: Auch hier geht es nur um große Show, um Inszenierung, darum, ins rechte Licht gerückt zu werden.
Dumm nur, als dann die Tänzerin Roxie Hart (Carmen Pretorius) ihren Geliebten erschießt, die Medien sich sensationslüstern auf sie als den nächsten Aufreger stürzen und auch der Anwalt den neuen Fall wichtiger nimmt. Da ist denn auch gleich Stress zwischen den beiden ungleichen Mörderinnen angesagt. Zickenkrieg hinter Gittern.
Wobei ein Hit den nächsten jagt. „Chicago“ ist eins der seltenen Musicals, das mit wenig Zwischendialogen auskommt, sondern fast alles über seine Songs erzählt. Jede der Figuren bekommt dabei große Nummern, besagtes „All that Jazz“ für Velma, „Roxie rocks Chicago“ für Roxie, „Razzle Dazzle“ für den windigen Anwalt oder auch der „Zellenblock-Tango“ für die restlichen Mörderinnen.
Entlarvender Spiegel für die verlogene Gesellschaft
Ein bitterböses Musical, das - basierend auf echten, skandalösen Prozessen aus den großen Zeiten des Jazz, den 20er-Jahren – der verlogenen, sensationslüsternen Gesellschaft einen gleißend entlarvenden Spiegel vorhält. Und die vermeintlich blinde Rechtsprechung nicht nur als grelle Nummernrevue durchspielt, sondern auch als solche durchschaut.
In Berlin ist „Chicago“ durchaus ein guter Bekannter. Die gleichnamige Hollywood-Verfilmung hat schon 2003 die Berlinale eröffnet, mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere. Wobei leider nur die mittlere der drei Stars auch wirklich singen konnte.
Und vor vier Jahren erst gab es eine Inszenierung am Theater des Westens, die ebenfalls daran krankte, dass die Darsteller von Velma Kelly und Billy Flynn nicht wirklich überzeugen konnten.
In der Broadway-Produktion dagegen spielen alle auf gleichem, nämlich höchstem Niveau. Es gibt auch kein Gefälle zwischen den Solisten und den Ensembledarstellern. Eine einzige, große Spiellust. In die auch das Orchester und vor allem der Dirigent immer wieder miteinbezogen wird. Und das alles, wie gesagt, im Tempo erfrischend noch ein wenig angezogen.
Wer des Englischen nicht ganz mächtig ist, steckt allerdings in einer Zwickmühle. Es gibt nämlich keine Übertitel wie in der Oper. Sondern Seitentitel, die links und rechts neben der Bühne eingeblendet werden. Wer die Dialoge und Songtexte mitlesen will, dem entgehen die vielen Feinheiten der rasant choreographierten Inszenierung. Andererseits sollte man genau auf die Feinheiten achten. Denn das 1975 uraufgeführte Musical von John Kander und Fred Ebb ist heute aktueller denn je.
Fake News und alternative Wahrheiten
Viele der Textzeilen klingen so, als wären sie im Nachhinein dazu geschrieben worden. Wie im großen Finale, wo die kühl berechnenden Damen davon singen, dass viele Menschen den Glauben an Amerika und das, wofür es einmal stand, verloren hätten, sie aber lebende Beweise dafür seien, wie großartig das Land sei. Ständig geht es um das, was man heute Fake News oder alternative Wahrheiten nennen würde.
Da muss man nicht von ungefähr an Donald Trump denken. Und Flynns große Nummer „Razzle Dazzle“ mit seinem Grundtenor, man müsse nur um alles ein großes Brimborium machen und eiskalt sein Ding durchziehen, sie scheint geradezu die Lehrformel des derzeit amtierenden Präsidenten. Auch in dieser Hinsicht sieht man „Chicago“ jetzt in Berlin noch einmal völlig neu.
Admiralspalast, Friedrichstr. 101/102, Mitte. Termine: 5. - 7. sowie 9.- 13. Juli, 19.30 Uhr, Sa und So. auch 14.30 Uhr.


