Deutscher Filmpreis

Luise Heyer – die Frau für die Härtefälle

Die Berliner Schauspielerin Luise Heyer geht immer aufs Ganze. Jetzt ist sie beim Deutschen Filmpreis gleich zwei Mal nominiert.

Luise Heyer hat vier Jahre lang einen Film nach dem anderen gedreht. Jetzt macht sie erst mal Pause.

Luise Heyer hat vier Jahre lang einen Film nach dem anderen gedreht. Jetzt macht sie erst mal Pause.

Foto: Sergej Glanze

Dem ganz großen Publikum mag sie vielleicht noch nicht so bekannt sein. Aber das ändert sich gerade sehr. Mit „Der Junge muss an die frische Luft“, der Verfilmung von Hape Kerkelings Kindheitserinnerungen, hat Luise Heyer ihren ersten richtig großen Film gedreht. Und als Kerkelings Mutter, die in immer tiefere Depressionen verfällt, hat sie Millionen gerührt.

Jetzt ist sie auch gleich doppelt für den Deutschen Filmpreis nominiert. Als beste Nebendarstellerin für „Der Junge“, aber dann auch noch als beste Hauptdarstellerin in „Das schönste Paar“, einem verstörenden Drama über ein Ehepaar, das im Urlaub überfallen und sexuell genötigt wird und lernen muss, darüber hinwegzukommen.

Entweder sie gewinnt. Oder sie muss keine Rede halten

Zwei Mal nominiert: Freut man sich da doppelt? Oder halbiert sich die Freude, weil man fürchtet, die stimmberechtigten Mitglieder der Deutschen Filmakademie könnten sie teils für die eine, teils für die andere Kategorie küren – und am Ende reicht es bei keiner?

Zwei Mal nominiert und zwei Mal gewonnen: Das hat überhaupt erst eine geschafft, Laura Tonke vor drei Jahren. Aber darauf angesprochen, lacht Luise Heyer herzlich. Für sie sei das eine „Win-win-Situation“: „Wenn ich gewinne, habe ich einen Preis. Wenn ich nicht gewinne, muss ich keine Rede halten.“

Die größte Sorge ist sowieso, dass sie auf dem roten Teppich wie eine Kugel aussehen könnte. Luise Heyer ist nämlich hochschwanger. Für den Fotografen posiert sie auf einem Stuhl so, das das nicht zu sehen ist. Aber sonst kann sie das nicht verbergen. Wir dürfen raten, im wievielten Monat sie ist. Selber sagen mag sie es nicht. Nur so viel: Die Geburt wird erst nach der Preisverleihung am 3. Mai erwartet.

Ein neuer Rummel, mit dem sie zurecht kommen muss

Luise Heyer ist ein wenig scheu. Der Rummel um ihre Person ist neu für sie. Dabei ist die 34-Jährige doch schon lange im Beruf. Dass sie bis kürzlich noch als Nachwuchstalent gehandelt wurde, findet sie selbst ein bisschen lustig. Immerhin hat sie schon in zahlreichen, wenn auch kleineren Filmen mitgespielt.

Und hat nach ihrer Schauspielausbildung in Rostock am Schauspiel Dortmund alle möglichen Rollen gespielt und wurde dort auch zur besten Schauspielerin der Spielzeit 2012 gekürt.

Jetzt ist die gebürtige Berlinerin zwei Mal nominiert. „Und plötzlich gibt es so eine große Aufmerksamkeit“, meint sie ein wenig verlegen, „die ich total schätze, mit der ich aber auch zurechtkommen muss.“

Hintergrund: Das sind die Nominierungen zum Deutschen Filmpreis

Die zierliche junge Schauspielerin, man mag es gar nicht glauben, wenn sie einem so schüchtern gegenüber sitzt, ist im Kino die Frau für die Härtefälle. Im Berlin-Drama „Jack“ (2014) etwa, das von zwei vernachlässigten Kindern in Berlin handelte, spielte sie deren Mutter, die noch viel zu jung war, um Verantwortung zu übernehmen. Und sie hat das so erschütternd überzeugend gespielt, dass man doch Verständnis haben musste für diese im Grunde grausame Mutter.

„Härte“ könnte über jedem ihrer Filme stehen

In Rosa von Praunheims Filmbiografie „Härte“ (2015) über den Berliner Zuhälter Andreas Marquardt verkörperte sie dessen Frau, die sich von ihm sogar auf den Strich schicken lässt.

„Härte“, das könnte als Titel über jedem ihrer Filme stehen. Auch die Kerkeling-Mutter, die ihr Kind nachts fernschauen lässt und sich im Nebenzimmer umbringt, war eine aufreibende und kräftezehrende Rolle. Und in „Das schönste Paar“, wo der Filmtitel nur ironisch zu verstehen ist, geht sie mit Maximilian Brückner durch ein ganzes Höllental der Verzweiflung.

Wieso kommt man bei solchen Rollen immer wieder auf Luise Heyer? „Ich weiß es auch nicht“, sagt die Schauspielerin und lacht ihr schönes Lachen, das sie im Film nur selten zeigen darf. Das Witzigste, was sie mal gespielt hat, war die Filmkomödie „Einmal bitte alles“. Aber auch das hätten viele Zuschauer nicht ausgehalten, weil der Film ihre eigene Generation so treffend gespiegelt hat.

„Ich scheine diese Rollen einfach gut zu machen“, spielt sie ihre beeindruckenden Leistungen etwas herab. Komödien hätten aber auch viel mit Timing und Pointensetzen zu tun. „Das konnte ich im Theater schon nicht so gut. Ich würde das gern besser können, aber da bin ich irgendwie nicht so begabt.“ Schon lacht sie wieder ihr Lachen. Und hat sich mit dieser hübschen Pointe gleich selbst widerlegt.

Vier Jahre ohne Pause gearbeitet

Kaum zu glauben: Luise Heyer spielt nicht nur all diese Hammerrollen, sie hat in den letzten vier Jahren hat sie nicht einmal Pause gemacht. Sie wollte immer, weil ihre Rollen immer so aufreibend waren. „Aber es kamen immer so verlockende Angebote.“ „Das schönste Paar“ und „Der Junge muss an die frische Luft“ hat sie sogar direkt hintereinander gedreht, ohne mal Luft zu holen.

Sie dachte eigentlich, sie könnte das „Paar“ einfach so ablegen, aber beim Dreh des „Jungen“ merkte sie, dass das doch stärker hängen geblieben ist. Nach dem „Jungen“ hat sie deshalb wirklich eine Pause eingelegt. Und das sei sehr gut und wichtig für sie, wie sie gesteht.

„Ich bin morgens aufgewacht, habe Kaffee gemacht und mich darüber gewundert, wie leicht ich mich fühlte, weil ich nur mit mir in meinen Gedanken war und nicht noch mit all den Figuren, die sonst in mir arbeiteten.“ Das sei sehr befreiend: „Die Seele ist ja mein Instrument, um zu spielen. Und die muss zwischendurch mal gereinigt werden.“

Eine Rede ist schlimmer als jede Monsterrolle

Jetzt bereitet sie sich vor allem auf die neue Rolle des Mutterseins vor. Aber bevor es soweit ist, muss sie sich noch um diese andere Sache kümmern: den Filmpreis. Muss die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass sie ein, wenn nicht zwei Mal, auf die Bühne muss. Vor all den Kollegen, die sie in dem Fall gewählt haben.

Was sagt man da? Auf jeden Fall möchte sie sie nicht da oben stehen und nicht wissen, was sie sagen soll. Aber noch hat sie nichts vorbereitet: „Es arbeitet noch in mir.“ Das ist nicht ohne Ironie: Luise Heyer bewältigt die härtesten Rollen ohne jede Berührungsangst. Aber wenn es um mögliche Lorbeeren für ihre Arbeit geht, wird sie plötzlich nervös.