Film

Den Menschen brechen statt zu helfen

Der Film „Der verlorene Sohn“ deckt die fragwürdigen Methoden von Konversionstherapien auf. Warum tun Eltern ihren Kindern das an?

Foto: Focus Features / Universal Pictures International Germany GmbH

Allein diese Begriffe! Konversionstherapie, Reparationstherapie. Welch Euphemismus. Als ginge es hier um einen Glaubenswechsel oder um die Reparatur von etwas Kaputtgegangenem. In Wirklichkeit handelt es sich um nichts anderes als Gehirnwäsche, um schwulen, lesbischen, bisexuellen, kurz: sexuell anders orientieren Jugendlichen ein heteronormatives Verhalten aufzuzwingen.

Mit repressiven Methoden, die meist nichts anderes bewirken, als die Persönlichkeit zu brechen. Und wir reden hier nicht vom Mittelalter oder den prüden, repressiven 50er-Jahren. Noch heute, im 21. Jahrhundert, glaubt man, Homosexualität „heilen“ zu können. Immer noch zwingen Eltern ihre Kinder dafür in derartige Therapien. Und zigtausend Jugendliche müssen sich, weil sie noch minderjährig sind und sich nicht wehren können, diesem Martyrium unterziehen.

Ein Film, der sprachlos und wütend macht

Einen solchen Fall schilderte 2016 der Journalist Garrard Conley in seinem Erfahrungsbuch: „Boy Erased: A Memoir“, das nun verfilmt wurde und auf Deutsch den biblischen Titel „Der verlorene Sohn“ trägt. Der Film handelt von dem 19-jährigen Jared Eamons im amerikanischen Bible Belt. Der Vater ist ein strenger Baptistenpriester, die Mutter eine Frau, die immer tut, was der Mann sagt.

Erste zarte Annäherungen: Jared (Lucas Hedges) und ein Mitstudent Foto: picture alliance Universal

Der Sohn ist selbst geschockt über seine Homosexualität, noch dazu, weil seine einzige sexuelle Erfahrung eine Vergewaltigung war. Der Vater zwingt seinen Jungen zu der Therapie, nachdem er sich „Rat“ von Gemeindemitgliedern eingeholt hat. Jared aber will seine Eltern nicht enttäuschen, schämt sich auch für seine Andersartigkeit. Und geht freiwillig in das, noch so ein euphemistisches Wort, „Erneuerungsprogramm.

Es ist schockierend, wie man hier seine eigene Persönlichkeit gleich an der Tür abgeben muss. Kein Handy. Kein Notizbuch. Muss alles abgegeben werden. Kein Kontakt zu den Mitpatienten. Auch mit den Eltern darf man nicht über die Therapie reden. Damit die gar nicht erst erfahren, welch harsche, teils sadistische Methoden da angewandt werden. Die Betroffenen müssen lernen, eine „männliche“ Haltung anzunehmen. Müssen ihre „Sünden“ beichten. Und wenn sie nicht spuren, werden sie kollektiv geschlagen oder sogar in die Badewanne getunkt. Teils im Beisein der eigenen Familien. Und keiner schreitet ein. Hier wird keinem geholfen, hier werden Menschen gebrochen und Seelen ausgelöscht („erased“).

Joel Edgerton , als Schauspieler gern auf zwielichtige Typen festgelegt („Der große Gatsby“, „Exodus“) hat in „Der verlorene Sohn“ zum zweiten Mal Regie geführt, hat auch das Drehbuch verfasst und spielt die Rolle des selbst ernannten Therapeuten. Auch sonst sind die Rollen, um dem Film größtmögliche Aufmerksamkeit zu garantieren, hochkarätig besetzt. Russell Crowe spielt den Priester, der die Liebe predigt, seinen Sohn aber nicht unter seinem Dach haben will, wenn er schwul ist. Nicole Kidman gibt die Mutter quasi mit angebissenen Lippen, denen man ansieht, dass sie schon zu vielem Ja und Amen gesagt hat, womit sie nicht einverstanden war.

Getragen wird der Film aber einmal mehr von Lucas Hedges, der sich mit seiner Wandlungsfähigkeit und seinem nuancierten Spiel trotz seiner erst 22 Jahre mit Filmen wie „Manchester by the Sea“ (für den er eine Oscar-Nominierung erhielt), „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und zuletzt dem Drogendrama „Ben is back“ bereits ganz nach vorn gespielt hat, wenn es um die Darstellung zerrissener, orientierungsloser Jugendlicher geht.

Mit ihm geht der Zuschauer in diese Therapie, mit ihm durchlebt er all die Erniedrigungen. Mit ihm wird er immer geschockter, wenn andere Patienten alles mitmachen, um das durchstehen zu können, einige aber auch zerbrechen und lieber den Freitod wählen.

Auch wenn führende Gesundheitsorganisationen in den USA derartige Konversionstherapien ablehnen, weil sie emotionale und psychische Schäden verursachen können, sind sie noch immer in 36 US-Bundesstaaten erlaubt. Und selbst in den Staaten, in denen sie verboten sind, bezieht sich das nur auf psychiatrische Berater, nicht aber auf religiöse oder spirituelle Einrichtungen, die diese Methoden munter weiter praktizieren. Oft ohne dafür irgendeine Lizenz vorweisen zu können.

„Der verlorene Sohn“ ist ein Film, der wütend und sprachlos macht. Und oft schwer zu ertragen ist. Auch wenn Edgerton sich mit drastischen Szenen zurückhält. Ein Film mit ganz ähnlichem Thema, Desiree Akhavans „The Miseducation of Cameron Post“, in dem Chloë Grace Moretz eine solche Umerziehung aus weiblicher Sicht erlebt, geht da bedeutend weiter. Und erzählt mehr von den Betroffenen selbst, während „Der verlorene Sohn“ auch das elterliche Umfeld mit einbezieht.

Da „Der verlorene Sohn“ am Donnerstag startet, so kurz nach der Berlinale, stellt sich unweigerlich die Frage, wieso er eigentlich nicht dort zu sehen war, wo er doch bestens in die politische, gesellschaftskritische Linie des Festivals gepasst hätte. „Cameron Post“ hat noch nicht mal einen deutschen Starttermin, wird aber auf dem Filmfest in München zu sehen sein. Bleibt zu hoffen, dass auch er einen Verleih findet, auch wenn er nicht mit so zugkräftigen Stars aufwarten kann. „Cameron Post“ zielt mehr auf die Jugendlichen, „Der verlorene Sohn“ auch auf Eltern, die sich fragen müssen, ob sie wirklich das Richtige für ihre Kinder wollen. Die Filme ergänzen sich perfekt. Wichtig und nötig sind sie beide.