Literatur

Wie gut ist Michel Houellebecqs neuer Roman "Serotonin"?

Wenn die Welt zerbricht und die Tabletten versagen: Michel Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“ fächert die Themen unserer Zeit auf.

Provokateur im Literaturbetrieb: Michel Houellebecq fängt in seinem neuen Roman die gesellschaftliche Stimmung der Zeit ein.

Provokateur im Literaturbetrieb: Michel Houellebecq fängt in seinem neuen Roman die gesellschaftliche Stimmung der Zeit ein.

Foto: picture alliance

Seit 1994 seine „Ausweitung der Kampfzone“ erschien, liefert Michel Houellebecq zuverlässig neue Varianten des immer gleichen Sujets. In seinen Romanen steht ein einsamer Mann im Mittelpunkt, der häufig depressiv ist und von Verachtungsschüben gegen alles und jeden geschüttelt wird: gegen die Zumutungen des Spätkapitalismus, gegen die zivilisatorisch errungenen Regeln des menschlichen Miteinanders, gegen die politische Klasse, gegen die Frauen. Wobei das mit letzteren so eine Sache ist, weil er sich von ihnen, zumindest wenn sie jung sind, sexuell angezogen fühlt und sich so in der misslichen Lage wiederfindet, etwas zu verabscheuen, was er eigentlich begehrt.

Ein Schriftsteller mit Nachrichtenwert

Je nach politischer und kulturhistorischer Großwetterlage hat es Houellebecq immer meisterhaft verstanden, diese Konstellation mit Partikeln aktueller Debatten zu würzen: In der „Kampfzone“ war das die Einsamkeit des großstädtischen Angestellten; in den „Elementarteilchen“ (1998), von der Kritik vielfach als „Jahrhundertroman“ gepriesen, waren es die fragwürdigen Fortschritte auf dem Gebiet der Molekularbiologie; in „Karte und Gebiet“ (2010) die grotesken Verwerfungen des Kunstmarktes und in „Unterwerfung“ (2015) schließlich die Ängste vor einer fortschreitenden Islamisierung des Abendlandes. Wo immer Houellebecq auftauchte, konnte er sich der Aufmerksamkeit des Feuilletons sicher sein: Seine ausgebeulten Parkas, die inexistente Frisur und seine interessante Rauchtechnik wollten selbst Nichtleser als symbolisches Kapital höherer Weisheit entziffern; der Zynismus seiner Helden erschien angenehm provokant und außerdem ging es in seinen Texten dauernd und sehr explizit um Sex.

Der neue Roman „Serotonin“ macht da keine Ausnahme, eher wirkt er wie ein Konzentrat all dessen, was wir aus früheren Büchern bereits kennen. Im Zentrum steht der 46-jährige Florent-Claude Labrouste, ein Agraringenieur, der seine Tage mit einer Tasse Kaffee, vielen Zigaretten und einer Tablette Serotonin beginnt. Serotoinin gehört, teilt er uns mit, „zu einer neuen Generation von Antidepressiva“, „bei der es darum geht, mittels Exozytose die Freisetzung des in der Magenschleimhaut gebildeten Serotonins zu befördern.“ Es erlaube den Patienten, „mit einer neuen Leichtigkeit an den entscheidenden Riten innerhalb einer hoch entwickelten Gesellschaft teilzuhaben“ (Körperpflege, ein auf gute Nachbarschaftsverhältnisse beschränktes Sozialleben, simple Behördengänge).“ Es gibt aber auch Nebenwirkungen: „Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz. Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Dieser Florent-Claude Labrouste also, der seinen Eltern nur die Wahl seines als scheußlich empfundenen Vornamens vorzuwerfen hat, schmeißt alles hin, was ihn mit dieser Gesellschaft einmal verbunden hat. Er trennt sich von seiner aus Japan stammenden Frau, die er für eine „Schlampe“ hält und die sich, wie er beim Durchstöbern ihres Computers feststellt, nebenher längst bei Gangbangs und auch mal mit Hunden sexuellen Zeitvertreib sucht. Er beschließt auch, nicht mehr auf seiner Arbeitsstelle aufzutauchen und in ein eigenschaftsloses Hotel zu ziehen, wo man es mit dem Rauchverbot nicht ganz so ernst nimmt. Er besucht seinen alten Freund Aymeric, der, von seiner Frau längst verlassen, in der nebligen Normandie auf einem baufälligen Schloss lebt und Viehzucht betreibt.

An seinem Beispiel erkennt Florent-Claude die desaströsen Auswirkungen der EU-Milchquote auf die französische Landwirtschaft, die er jahrelang selbst politisch umzusetzen half. Nachdem Aymeric in einem der raren Höhepunkte der Romanhandlung zu Tode gekommen ist, beschließt Florent-Claude selbst aus dem Leben zu scheiden – will das aber nicht tun, ohne vorher noch einmal seiner lange verflossenen großen Liebe Camille nachzustellen, die inzwischen einen Sohn hat, ihn aber offenbar allein erzieht. Florent-Claude spielt mit dem Gedanken, das Kind zu erschießen, um mit Camille allein sein zu können. Während all dies geschieht, nimmt er unzählige, oft exquisite Mahlzeiten ein und vernichtet literweise alle erdenklichen alkoholischen Getränke. Er ergeht sich nicht nur in anatomisch hochpräzisen Schilderung weiblicher Geschlechtsteile, sondern teilt mit uns nebenher auch spezialisiertes Fachwissen aus den Bereichen Waffenkunde, Ornithologie, Subventionspolitik und vielen anderen mehr.

Wer Houellebecq seit seinen Anfängen als Schriftsteller beobachtet, wird daran wenig Überraschendes oder sogar Verstörendes finden. Und wer an „Serotonin“ die erprobten Maßstäbe der Literaturkritik anlegt, dürfte ihm kaum ein gutes Zeugnis ausstellen. Eine ausgefeilte Dramaturgie? Mitnichten, eher ein assoziatives Dahinströmen ohne große Rücksichtnahme auf irgendwelche Spannungsbögen. Psychologische Komplexität der Figuren? Fehlanzeige. Eine ausgefeilte, stilistisch ambitionierte Sprache? Eher scheint es so, als wolle der Autor gerade die um jeden Preis vermeiden.

Das Themenkarussell dreht sich immer schneller

Und doch ist „Serotonin“ ein sehr unterhaltsamer und schnell zu lesender Roman. Unterhaltsam ist er wegen seiner Komik: Der Bewusstseinsstrom des Helden ist in gleichem Maße zynisch wie romantisch, es ist ebenso nihilistisch wie wertkonservativ. Diese Persönlichkeitsanteile erzeugen untereinander schon genug Reibung, doch in Florent-Claudes Blick auf die Welt lassen sie eine Fallhöhe entstehen, die man als Leser oft nur mit Gelächter überwinden kann.

Und schnell ist dieser Roman, weil er in fast atemlosem Wechsel die Themen unserer Gegenwart auffächert, von denen wir immerzu im Netz lesen: die Vermarktung der Körper, der Aufstand der Provinz, der Hass auf die Europäische Union, die Fliehkräfte der digitalen Revolution: Steht alles drin, so wie es auch Tag für Tag in unseren Timelines steht. Es ist ein Roman für Leser, denen nur noch wenig Zeit für Aufmerksamkeit geblieben ist. Wer will, kann auch darin einen Kommentar über unsere Gegenwart erkennen.

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