Volksbühne

Edgar Selge spielt "Unterwerfung" souverän trotz Bronchitis

Ein leicht angeschlagener Edgar Selge überzeugt an der Volksbühne durch einen schauspielerischen Kraftakt.

Im Laufe der zweiten Hälfte schmiert Selge sich weiße Créme zuerst auf die Füße und dann ins Gesicht. Zusammen mit roter Farbe entsteht so ein grobes Clownsgesicht, das dem Stück gut entspricht; bei beiden ist unklar, ob man lachen oder sich fürchten soll.

Im Laufe der zweiten Hälfte schmiert Selge sich weiße Créme zuerst auf die Füße und dann ins Gesicht. Zusammen mit roter Farbe entsteht so ein grobes Clownsgesicht, das dem Stück gut entspricht; bei beiden ist unklar, ob man lachen oder sich fürchten soll.

Foto: Klaus Lefebvre / Klaus Lefebrvre

Der Theaterabend beginnt mit einer unheilvollen Ankündigung. Im Vorfeld wird auf der Bühne darauf hingewiesen, dass Edgar Selge, der alleinige Darsteller in Karin Beiers Inszenierung von „Unterwerfung“, zurzeit an einer ausklingenden Bronchitis leidet. Zum Glück für die Besucher wird man von dieser Bronchitis am Dienstagabend in der Volksbühne jedoch kaum etwas merken.

„Unterwerfung“, das ist jener skandalbeladene Roman von Michel Houellebecq, in dem der Autor ein Frankreich der nahen Zukunft herbeifantasiert, in welchem der fundamentalistische Islam zur stärksten politischen Kraft avanciert ist. In dieser Welt bewegt sich der Hochschullehrer François. Dieser ist Alkoholiker, Macho und vor allem durch und durch unpolitisch. Edgar Selge verkörpert den Protagonisten mit viel Hingabe und gekonnter Ironie und fällt während seines gut zweieinhalb Stunden währenden Monologs immer wieder ganz gewollt aus der Rolle und wird zum unbeteiligten, erklärenden Erzähler.

Das Gastspiel aus dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zeichnet sich neben dem schauspielerischen Kraftakt Selges vor allem durch das Bühnenbild von Olaf Altmann aus. Dieses besteht aus einer schwarzen Wand, in deren Mitte sich ein beweglicher Kreis befindet. Innerhalb dieses Kreises gibt es eine Aussparung in Form eines christlichen Kreuzes, die sich während des Stücks dreht und so mal quersteht und mal zum Petruskreuz wird. Selge verbringt einen großen Teil des Abends in diesem Kreuz, klettert dort herum oder kauert sich zusammen. Das Nichts, der leere Raum wird so zum bedeutendsten Teil der Kulisse.

Gesellschaft zwischen Dystopie und Utopie

Ob die Gesellschaft, die sich aus den Unruhen herausgeschält hat, eine utopische oder eine dystopische ist, lassen sowohl Roman als auch Theaterstück unbeantwortet. Die Unterdrückung der Frau ist ebenso Teil der neuen Ordnung wie der drastische Rückgang der Arbeitslosigkeit. Die Ereignisse werden dabei von Selge, ihrer Dramatik zum Trotz, mit viel Humor erzählt. Da den meisten Ideologien nachgesagt wird, dass sie vor allem die Lächerlichkeit fürchten, scheint die witzige Art Selges durchaus ihre Berechtigung zu haben. Und so sieht es wohl auch das Publikum, dessen zahlreiche Lacher mal herzhaft kathartisch, mal irritiert zurückhaltend sind.

Eines der Themen, um das François‘ Gedanken unablässig kreisen, ist die Sexualität. Er ist sich sicher, über seinen körperlichen Höhepunkt hinaus zu sein. Und während auf der Bühne äußerst detailgetreu von Fellatio und Analsex die Rede ist, reagieren einige Zuschauer mit Gelächter, während andere eher still und nachdenklich auf das Ende der Ausführungen warten.

Im Laufe der zweiten Hälfte schmiert Selge sich weiße Créme zuerst auf die Füße und dann ins Gesicht. Zusammen mit roter Farbe entsteht so ein grobes Clownsgesicht, das dem Stück gut entspricht; bei beiden ist unklar, ob man lachen oder sich fürchten soll.

François wird vor allem durch die Sinnleere des eigenen Lebens immer anfälliger für die Verlockungen der neuen Gesellschaft, polygame Beziehungen reizen ihn ebenso wie die Gehälter der neuen muslimischen Universität. Zum Schluss spielt er im Konjunktiv seinen Übertritt zum Islam durch. Und mit dieser Ungewissheit endet das Stück. Selge bekommt donnernden Applaus, der Großteil der Zuschauer erhebt sich aus den Sitzen. Das Urteil ist eindeutig, in Berlin wie in Hamburg ist man begeistert von Beiers Inszenierung und der respekteinflößenden Darbietung Selges.

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