Immer wieder sonntags staksten im Sommer 1929 fünf Herren mit schwerer Ausrüstung zum Wannsee. Das muss wie die Vorbereitung auf ein riesiges Picknick ausgesehen haben, war es aber mitnichten: Die fünf, denen allen bald eine große Hollywoodkarriere bevorstehen sollte, die zu diesem Zeitpunkt aber noch gänzlich unbekannt waren, drehten einen sehr ungewöhnlichen Film. Mit schmalstem Budget. Und konnten nicht ahnen, welchen Erfolg sie damit landen sollten. „Menschen am Sonntag“ ist längst ein Klassiker des Stummfilms. Und ein absolutes Zeitdokument.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost einmal im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigen, darf dieses Juwel nicht fehlen. Die Zeit um 1929 ist spätestens seit der TV-Serie „Babylon Berlin“ wieder sehr angesagt. Hier nun kann man das Lebensgefühl jener Tage noch einmal an einem zeitgenössischen Meilenstein studieren, mustergültig restauriert und seit jüngstem auch digitalisiert.

Ein Meilenstein, der aus reiner Geldnot entstand

Als „Menschen am Sonntag“ am 4. Februar 1930 im Ufa-Theater am Kurfürstendamm (der späteren Filmbühne Wien) Premiere feierte, wurde der Film zum Berlin-Ereignis, lief wochenlang immer ausverkauft und begeisterte Kritik wie Publikum. Damals revolutionär: die fünf Filmnovizen – Robert Siodmak, Fred Zinnemann, Billy Wilder, Edgar G. Ulmen und Eugen Schüfftan – begleiteten den „kleinen Mann“, Menschen wie du und ich, bei ihrem Alltag und dem Ausbruch aus dem Arbeitstrott. Und die Kamera ging einfach auf die Straße! Mit Laiendarstellern. Ohne festes Drehbuch. Das Exposé war gemeinsam im Romanischen Café ausgetüftelt worden, die Szenen wurden spontan ausgedacht und improvisiert. Da wurde glatt der Neorealismus um zwei, die Nouvelle Vague um drei Jahrzehnte vorweggenommen.

Die vier Laiendarsteller beim Picknick im Wald...  Foto:
Die vier Laiendarsteller beim Picknick im Wald... Foto: © Atlas Film | Atlas Film

Doch nicht prophetische Weitsicht trieb die Dilettanten zu ihrem kühnen Wurf. Sondern schlicht Geldmangel. Ganze 5000 Mark, die Robert Siodmak einem Onkel abgeschwatzt hatte, standen zur Verfügung. Davon, so notierte Billy Wilder, der sich damals noch Billie schrieb, „hätten wir Berufsschauspieler gar nicht bezahlen können.“ Und auch dass der Film an einem Sonntag spielte, hatte einen schlichten Grund: „Wir mussten alle die Woche hindurch arbeiten und hatten nur sonntags Zeit zum Filmen.“ Deshalb auch der Drehort am Wannsee. Wenn man einen Film über Berliner am Sonntag drehen wollte, musste man dahin, wo es sie hinzog, also raus aus der Stadt. Zu „Wochenend und Sonnenschein“, wie es im beliebten Schlager der Comedian Harmonists heißt. Die Freilichtkulisse war auch ein notwendiges Übel. Für ein Atelier oder Scheinwerfer reichte das Geld vom Onkel schlicht nicht.

Berliner Bilder waren damals in den großen Stadtzeitungen eine fest etablierte Textform, ein Genre des Feuilletons. Franz Hessel etwa entdeckte die „Lektüre der Straße“, Joseph Roth den „Kontinent Berlin“. Auch Billie Wilder und Siodmaks Bruder Kurt (der als Drehbuchautor auch in Hollywood reüssieren sollte) schrieben solche Miniaturen. So entstand für den Film eine vage Idee, die Kurt Siodmak in seiner Autobiographie „Unter Wolfsmenschen“ lakonisch umriss: „Ein junger Mann trifft ein hübsches Mädchen in einer U-Bahn und verabredet sich mit ihr für den kommenden Sonntag. Sie bringt ihre Freundin mit, er seinen besten Freund. Das zweite Mädchen ist hübscher als das erste, und zwischen den jungen Leuten baut sich Spannung auf, weil Junge 1 mit Mädchen 2 Liebe macht.“

... und beim Plantschen im Wannsee
... und beim Plantschen im Wannsee © Atlas Film | Atlas Film

Als Akteure überredete man lauter Laien: Brigitte Borchert, ein Ladenmädel, das am Tauentzien Schallplatten verkaufte, den Taxifahrer Erwin Splettstößer, den Weinreisenden Wolfgang von Waltershausen. Nur Christl Ehlers hatte als Komparsin schon Erfahrungen mit dem Film. Und alle spielten sich mehr oder weniger selbst. Noch im Jahr 2000 erinnerte sich die damals 90-jährige -Borchert, wie sie sich auf die Szenen vorbereiteten und die Herren Filmemacher sich daneben immer wieder in die Haare gerieten.

Nicht weniger hitzig verliefen die Dreharbeiten im Hochsommer. Billy Wilder hielt das in einem Essay fest: „Im Fiebertempo arbeiteten wir drauf los. Haben uns von einem Bäcker in Nikolassee einen wackligen Karren ausgeliehen und schleifen darauf die Apparate durch den Standstrand. Stehen 14 Stunden an der Kamera und packen alle ordentlich an. Halten uns selbst die Blenden, knien den ganzen Tag im See, und wenn uns der Hitzschlag droht, dann stecken wir eben die Köpfe ins Wasser.“

Beim Kinostart war der Film eigentlich zu spät dran

Natürlich hätten die Hasardeure, um im Bild zu bleiben, baden gehen können. Nicht selten stand ihnen das Wasser bis zum Hals. Rochus Gliese, anfangs als einziger Filmerfahrener an Bord, wurde nach acht Tagen rausgeworfen, dann rebellierten die Laien. Weshalb Robert Siodmak buchstäblich ins Wasser gehen wollte: „Aber mein Verstand sagte mir, dass ich eigentlich schon am Boden des Sees sei, und tiefer konnte es ja nicht gehen.“

Als der Film ins Kino kam, waren Stummfilme schon in der Minderheit. Der Tonfilm war der letzte Schrei. „Menschen am Sonntag“ schien zu spät gekommen. Und doch wurde er zum Ereignis. Gerade weil er so erfrischend anders war. Weil die Filmemacher alle eigene Stärken beweisen wollten, ist der Film so reich und lebendig. Weil er so sprunghaft gedreht wurde, zeigt er die flüchtigen Momente des Lebens. Und vermengte gespielte Szenen mit dokumentarischem Material. Zeugnisse bis heute: Bilder von der noch unzerstörten Gedächtniskirche, dem Verkehr, der noch durchs Brandenburger Tor brauste, oder der Siegessäule, die noch vor dem Reichstag stand.

Auch ein Tretboot kommt zum Einsatz
Auch ein Tretboot kommt zum Einsatz © Bildquelle: Stiftung Deutsche Kinemathek | Bildquelle: Stiftung Deutsche Kinemathek

Eine Sensation war auch die Kameraführung von Eugen Schüfftan, der damals noch als Effekte-Trickser bekannt war, sich hier als Kameramann durchsetzte und als solcher einen Oscar bekommen sollte. Schüfftan schwenkte beim Liebesakt im Wald etwa vom Pärchen weg auf die Baumwipfel, aber dann auch auf den im Wald hinterlassenen Müll. Mit dieser nüchternen Bildersprache jenseits von allem gängigen Kino-Kitsch war „Menschen am Sonntag“ eine Film-Reportage im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ Ende der 20er-Jahre. Und zugleich ein Gegenentwurf zu Walter Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“, der die Stadt als monströse Metropole der Hektik zeigte.

Wie immer in der „Hauptrolle Berlin“ wird ein Gast über den Film sprechen. Die Beteiligten weilen freilich alle nicht mehr unter uns. Dafür erzählt Martin Koerber von der Deutschen Kinemathek von der schwierigen Restaurierung des Films, bei der mühevoll Kopien aus diversen Ländern verglichen und ergänzt werden mussten, und von der jüngsten Digitalisierung: ein Projekt, um altes Filmerbe, das zu verrotten droht, auf Dauer zu erhalten.