Deutsches Theater

Armin Petras scheitert überaus gelungen

Regisseur Armin Petras inszeniert am Deutschen Theater sechs Geschichten aus Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“.

Božidar Kocevski, Alexander Khuon, Anja Schneider, Peter Kurth und Katrin Wichmann (v.l.) in „Die stillen Trabanten“.

Božidar Kocevski, Alexander Khuon, Anja Schneider, Peter Kurth und Katrin Wichmann (v.l.) in „Die stillen Trabanten“.

Foto: Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress / Geisler-Fotopress

Berlin. Die ersten Minuten sind leise. Pantomimisch mangels Bühnenbild. „Babylon Berlin“-Star Peter Kurth kocht in einer unsichtbaren Küche Tee, gibt dazu pfeifende Geräusche von sich. Ist der Security-Mann vom Asylbewerberheim und Wasserkessel gleichermaßen. Dabei spricht er mit seinem ebenfalls unsichtbaren Hund, Nummer drei genannt. Er glaubt, eine junge Frau hinterm Zaun wiedergesehen zu haben, in die er vor 20 Jahren verliebt war. Eine Rückblende zeigt, wie das damals war zwischen dem jungen Wachschützer und der 19-jährigen Marika. Die Geschichte heißt „Glasscherben im Objekt 95“ und endet mit einem Cliffhanger. Wie die meisten an diesem Abend. Dabei sind sie auserzählt.

Regisseur Armin Petras wagt sich im Deutschen Theater an Clemens Meyers Erzählband „Die stillen Trabanten“ heran. Und scheitert mit seiner gleichnamigen, unter anderem mit Alexander Khuon prominent besetzten Inszenierung in den Kammerspielen zumindest teilweise, aber überaus gelungen daran. Ganz so, als habe er es gewollt. Der Ton erinnert kaum noch an Meyer, diesen preisgekrönten Gegenwartschronisten, der die Gescheiterten und Verlierer vom Rand der Gesellschaft für flüchtige Momente in den Mittelpunkt rückt. Seine sechs melancholischen, leisen Erzählungen sind eigentlich eine komplett humorfreie Zone. Auf der Bühne indes geht es laut und wild zu. Mit verbal und visuell krachenden Pointen. Dazu rotieren fünf Stellwände als Abstraktum monotoner Trabantenstädte gefühlt permanent herum. Wenn sich nicht gleich die ganze Bühne dreht.

Die Geschichten kommen Schlag auf Schlag

Irgendetwas ist sinnfrei immer in Bewegung. Dabei würde man manches Mal gern kurz innehalten. Das Gesehene in aller Stille sacken lassen. Doch die Erzählungen kommen Schlag auf Schlag. Wie die vom Lokführer, der einen lachenden Selbstmörder überfährt, weil er nicht mehr früh genug bremsen kann. Oder die, in der ein Mann von einer alten Frau angesprochen wird, die ihn für ihren vermissten Enkel hält. Er spielt probeweise mit.

Ein Pluspunkt des Abends ist sicherlich das Episodenhafte. Wenn man mit einer Geschichte nichts anfangen kann, mag man vielleicht die nächste. An „Späte Ankunft“, mit absolut großartiger Lakonik von Anja Schneider und Katrin Wichmann gespielt, kommt keiner vorbei. Eine kurze Kneipenfreundschaft zweier älterer Frauen. Christa ist Reinigungskraft bei der Bahn, Birgitt Friseurin. Beide geschieden. Zwischen Zigarettenqualm, Sekt und Bier nähern sie sich erst zögerlich, dann beinahe stürmisch einander an. Bis eine Ahnung von Liebe in der Luft liegt. Doch jenseits von Nacht und Alkoholrausch scheitert die Beziehung. Wie letztlich alle hier.

Musikalisch und gesanglich vorzüglich live unterstützt werden die Erzählungen von Multi-Instrumentalist Miles Perkin. Sein Soundtrack begleitet nicht nur, er mischt sich auch ein oder kommentiert das Geschehen pointiert.

In den Geschichten verschwimmen die Grenzen von Realität, Fernsehen, Gedanken und Fantasie immer wieder. Die verschiedenen Ebenen machen es streckenweise nicht einfach, den Erzählungen zu folgen. Wie in „Der kleine Tod“, der vor spaßigen Einfällen nur so strotzt. Etwa wenn vier vom sechsköpfigen Ensemble vor der Glotze hocken und zappen, während Božidar Kocevski der Mann im Fernsehen ist und alle paar Sekunden seine Rolle(n) wechselt. Hinreißend, wie er erst die gesamte Personage einer spanischen Telenovela verkörpert und dann so ziemlich alles mimt, was man auf der Mattscheibe sehen kann. Vom Rennfahrer über den Doku-Soap-Selbstdarsteller bis zum unvermeidlichen TV-Kommissar. Selten so gelacht. Aber die Story, die sich um Arbeitslosigkeit dreht, erschließt sich nicht, weil sie mit den Bildern keine schlüssigen Inhalte transportiert. Sie endet mit einer wüsten Performance, die im dichten Bühnennebel versinkt. Ein Spektakel, das man als solches durchaus genießen kann, wenn man die Frage nach dem Zweck außen vor lässt.

Die Figuren können einen allesamt nicht berühren

Ohnehin wollen die grell überzeichneten, aber unscharf bleibenden Figuren mit ihrem derben, teils knallchargigen Witz nicht zu den Geschichten passen. Sie scheinen sogar von ihnen weg zu streben, als hätten sie auf der Bühne ein Eigenleben jenseits der literarischen Vorlage. Ein Kontrast, der nicht unbedingt funktioniert. Berühren können die Figuren und ihre Begegnungen allesamt nicht. Aber man ahnt die Trostlosigkeit, die hinter all der Überdrehtheit und dem Geschrei mitschwingt. Egal wie laut die Figuren sind, sie wirken verloren. In ihrem Alltagstrott, ihrer Einsamkeit und der Suche nach Nähe. Sie alle sind einfache Leute. Trabanten fernab des urbanen, hippen Epizentrums der Stadt. Menschen, die man sonst übersieht. Hier sind sie für einen kurzen Augenblick so nachhaltig sichtbar, dass man sie von nun an auch im wirklichen Leben in aller Deutlichkeit erkennen wird.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstr. 13a, Mitte, Tel. 28 44 12 25, 14., 24. & 29.11., 3. & 22.12. um 20 Uhr, 29.12. um 18 Uhr