Film

Bei diesem Film muss man vor wilden Hunden warnen: „Dogman“

Matteo Garrone schafft mit „Dogman“ eine bissige Fabel über die Abgehängten und Underdogs der Gesellschaft. Sie endet schlimmstmöglich.

Foto: Alamode Film/Greta De Lazzaris

Vorsicht, bissiger Hund! Gleich zu Beginn von „Dogman“ bellt ein wütender Kampfhund direkt in die Kamera, dem Kinopublikum quasi mitten ins Gesicht. Auch um ihn herum knurren, fletschen und heulen in Zwingern lauter Vierbeiner, denen man sich lieber nicht nähern möchte. Zwischen ihnen aber steht ein kleiner, schmächtiger Mann, der diesen Ungetümen die Krallen bürstet, das Fell mit einem langen Besen schrubbt und sie dabei liebevolle „Amore“ nennt.

So verdient sich Marcello (Marcello Fonte), der Besitzer eines kleinen Hundesalons, in einem nie genannten, ziemlich heruntergekommenen Städtchen im Süden Italiens sein karges Brot. Er haust reichlich bescheiden. Dealt gelegentlich auch mit Drogen, um seiner Tochter, die er nur tageweise sehen darf, zumindest von Zeit zu Zeit etwas bieten zu können. Ein trostloses Leben, das für den Salonbesitzer eigentlich auch nur ein einziger, großer Käfig ist, aus dem er nicht herauskommt. Aber er hat sich arrangiert.

Ein seltsamer Fall von David gegen Goliath

Wäre da nicht Simone (Edoardo Pesce). Vorsicht, bissiger Hund – das gilt auch für diesen groben, tumben Macho, ein aggressiver Ex-Mafioso, der prügelnd und randalierend seine Umgebung terrorisiert. Die Ladenbesitzer haben alle schon blutige Nasen von ihm bezogen und wünschen ihm den Tod, raunen sogar, ob man da nicht nachhelfen könnte. Auch Marcello wird von Simone immer wieder bedrängt und ausgenommen, sogar genötigt, bei Einbrüchen mitzumachen. Doch in der Kneipe sagt er nichts. Und als Simone einmal wirklich zu Fall gebracht wird, hilft er Simone sogar. Und dies gleich doppelt.

Ein seltsames Bild: David und Goliath, der Kleine neben dem Bullen, der ihm sogar seinen Namen im selben Tonfall ins Ohr säuselt wie den Tieren das „Amore“. Dabei ist doch abzusehen, dass der brutale Gangster ihm seine Hilfe nicht danken wird. Warum hält der kleine Mann in seinem schäbigen Arbeitsmantel trotzdem zu ihm? Weil er, das ist die zynische Pointe dieses Films, es tagein tagaus mit Bestien zu tun hat, weil er glaubt, auch diese menschliche Bulldogge im Zaum halten zu können.

Als Marcello dann aber eines Tages ins Gefängnis muss, weil Simone von seinem Laden aus beim benachbarten Juwelier einbricht, da ist es aus mit der Geduld. Da sinnt der kleine Mann von der traurigen Gestalt auf Vergeltung. Und lockt den Riesen in das einzige, was ihm geblieben ist, seinen alten Salon. Und rächt sich an ihm, während die Hunde aus ihren Käfigen mit traurigen Augen dabei zusehen.

Matteo Garrone feierte vor zehn Jahren mit dem Film „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ Erfolge, wo er große und kleine Mafiosi in all ihrer Erbärmlichkeit und Dummheit zeigte und damit das Faszinosum, wie man es aus zahllosen Kinoepen wie Der „Pate“ kennt, radikal demontierte. Auch der Simone aus seinem jüngsten Werk „Dogman“ gehört in diese Galerie tumber Krimineller und auch, wenngleich weit ambivalenter, seine Titelfigur, die Marcello Fonte mit einer Verletzlichkeit ausstaffiert, der man trotz aller Fehler und Schwächen die Sympathie nicht verweigern kann. Wofür der Darsteller in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet worden ist.

Es ist eine zutiefst amoralische Geschichte, die hier erzählt wird, über die Verrohung, Vertierung von Menschen, wobei die vermeintlichen Bestien, die Hunde in den Käfigen, am Ende die einzigen sind, die so etwas wie Empathie zu empfinden scheinen. Es ist eine universelle Geschichte – von einem kleinen Mann, der vor der Ungerechtigkeit der Welt wegschaut, sogar ein bisschen an ihr gewinnen will und dann alle Konsequenzen dafür zu tragen hat. Eine bissige Fabel über die Abgehängten, die Underdogs der Gesellschaft. Man kann darin durchaus auch eine Parabel aufs heutige Italien sehen, auf die Ohnmacht, die viele in den wirtschaftlich abgehängten Regionen empfinden, weil sie sich vom Staat allein gelassen fühlen.

Garrone malt eine Welt voller Tristesse. Selbst wenn Marcello mit seiner Tochter aus dem Alltag flieht und abtaucht, fischen sie buchstäblich nur im Trüben. Garrone tut dies jedoch mit größtmöglicher Diskrepanz, wenn er seine kleine Story in größten Breitwandbildern zeigt und seine trostlosen Szenerien malerisch ausleuchtet. Das ist manchmal nur schwer zu ertragen, und die letzte, schlimmstmögliche Wendung ist eigentlich auch schon recht früh zu erahnen. Trotzdem kann man sich dem Sog dieser Bilder nur schwer entziehen.