Kultur

Ein James Bond made in Germany: „Deutschland 86“

Am 19. Oktober startet die zweite Staffel „Deutschland 86“. Aber erst mal nur auf Amazon. Der Fernseh-Zuschauer hat das Nachsehen.

Foto: Ufa Fiction/Annika Molnár

Das wird ganz klar der Berliner Serienherbst. Erst vor zwei Wochen startete die bislang aufwändigste deutsche Serienproduktion „Babylon Berlin“ in der ARD, diesen Donnerstag lief die zweite Staffel „4 Blocks“ über die Neuköllner Unterwelt an. Ab nächsten Donnerstag ist die zweite Staffel von „Deutschland 83“ zu sehen, die „Deutschland 86“ heißt. Und in den kommenden Wochen folgen weitere Serien, die auf Berlins Straßen spielen.

Den meisten Produktionen ist jedoch gemein, dass der Gebühren zahlende Durchschnitts-Fernsehzuschauer davon erst mal wenig hat. Während „4 Blocks“ von Anfang an bei dem Kabelsender TNT läuft, war „Babylon Ber­lin“ erst mal nur beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen und läuft jetzt mit einjähriger Verspätung in der ARD – was zu heftigen Diskussionen führte angesichts der öffentlich-rechtlichen Gelder, die dafür ausgegeben wurden. „Deutschland 86“ hat sich nun gleich ganz vom Senderzwang verabschiedet.

„Deutschland 83“ war bekanntlich vor zwei Jahren ein immenser Hit weltweit. Als die Serie um einen DDR-Soldaten, der gezwungen wird, undercover in der BRD zu spionieren, schließlich auch im deutschen Fernsehen lief, waren die Quoten dagegen niederschmetternd. Der Privatsender RTL war vielleicht nicht der richtige für eine solche Prestigeproduktion.

Der Zuspruch im Ausland war aber so groß, dass die produzierende Ufa bei der Fortsetzung von Anfang international dachte. Die deutsche Auswertung spielt da keine große Rolle mehr. „Deutschland 86“ ist ab 19. Oktober bei Amazon Prime Video abrufbereit. Eine spätere Ausstrahlung bei RTL ist angedacht, es gibt aber noch keinen Sendetermin. Während deutsche Produktionen im Ausland auf starke Resonanz stoßen und zahlreiche Preise einheimsen, hinken die Sehgewohnheiten der Deutschen dem globalen Serientrend noch arg hinterher.

Eine dritte Staffel ist bereits angekündigt

Entsprechend ist „Deutschland 86“ viel internationaler aufgestellt. Schon die erste Staffel lebte davon, dass sie von Anne Winger geschrieben wurde, einer Amerikanerin, die einen nüchtern-distanzierten Blick sowohl auf den Osten als auch auf den Westen des Landes hatte und deutsche Geschichte „amerikanischer“ erzählte. Die zweite Staffel, wieder bis in kleinste Rollen groß besetzt, spielt nun nicht mehr ausschließlich in Deutschland, sondern zu großen Teilen in Afrika. Dahin wurde Martin Rauch (Jonas Nay) abgeschoben, nachdem seine Deckung am Ende der ersten Staffel aufflog, dahin hat sich auch seine Tante Lenora (Maria Schrader), die dem Neffen die ungewollte Spitzeltätigkeit eingebrockt hat, abgesetzt.

„Deutschland 83“ lebte davon, dass ein junger Ossi von einem Tag auf den anderen urplötzlich im Westen stand – und all den Verlockungen der Konsumgesellschaft ausgesetzt war, die er doch bekämpfen sollte. Diesen Thrill gibt es in „Deutschland 86“ nicht mehr. Der junge Mann mit Decknamen Kolibri weiß jetzt auch längst, wie man als Agent operiert. Nun steht, ein Déjà-vu, die ungeliebte Tante wieder vor ihm, mit neuem Auftrag.

Der Neffe macht deutlich, was er davon hält. Aber in Ost-Berlin lebt sein dreijähriger Sohn, den er noch nie hat sehen dürfen. Um das zu erreichen, lässt er sich wieder zu schmutzigen Missionen überreden, die ihn diesmal an exotische Kulissen, in mondäne Nobelhotels und auch in Krisengebiete führt. Ein James Böndchen made in Germany. Mit deutlich mehr Action als in der ersten Staffel.

Lange fragt man sich, ob die Serie ihrem Namen eigentlich noch gerecht wird und inwieweit sie überhaupt von Deutschland und der deutschen Teilung erzählt. Aber im Laufe der Folgen wird immer deutlicher, wie die DDR, die 1986 wirtschaftlich vor dem Kollaps steht und auf die Hilfe des Perestroika-Russlands nicht mehr zählen kann, weltweit schmutzige Geschäfte macht, um harte Devisen einzufahren. Da werden in Südafrika illegale Waffengeschäfte mit dem Klassenfeind, der Bundesrepublik, eingefädelt, da wird in der DDR, in der zahllose Nebenhandlungen spielen, Müll aus dem Westen entsorgt, werden Blutkonserven in die BRD verkauft und Ost-Patienten zu Versuchskaninchen für westliche Pharmakonzerne.

Traurige Wahrheiten, von denen die meisten Zuschauer noch nie gehört haben werden, die aber von den Machern genau recherchiert wurden und nun, wenn auch auf einer etwas anderen Ebene als bei der ersten Staffel, einiges über die deutsch-deutschen Befindlichkeiten jener Jahre erzählen.

Kritiker könnten sich daran stören, dass sich im DDR-Geheimdienst HVA so viele Frauen tummeln und Anke Engelke quasi einen weiblichen Schalk-Golodkowski spielt. Und es braucht auch fast die Hälfte der Serie, bis die zahllosen Handlungsstränge, mit denen auch noch Tschernobyl, die Aids-Krise und der internationale Terrorismus verarbeitet ­werden, dann doch in Berlin zusammenkommen. Aber all das fügt sich mit langem Atem zu einer überaus spannenden und sinnlich erfahrbaren Geschichtsstunde.

Und wieder ist es ganz egal, wie das deutsche Publikum das annehmen wird. Amazon hat Staffel Drei bereits angekündigt. Wie bei „Ku’damm 56“, einer anderen Ufa-Serie, wird man weiter in Dreijahressprüngen fortfahren. „Deutschland 89“ wird dann natürlich während des Mauerfalls spielen. Und davon handeln könnte, wie die Ost-Agenten im einstigen Feindesland unterkommen.

„Deutschland 86“: ab 19. Oktober bei Amazon Prime Video abrufbar