Premierenkritik

Premiere in Staatsoper: Sorgerechtsstreit in der Tiefgarage

In der Berliner Staatsoper erlebte Cherubinis „Medea“ ihre gefeierte Premiere. Star des Abends ist Sonya Yoncheva.

Tiefgarage voller Kunstwerke: Szene mit Elsa Dreisig (Dircé, v.l.), Sonya Yoncheva (Medea) und Iain Paterson (Créon)

Tiefgarage voller Kunstwerke: Szene mit Elsa Dreisig (Dircé, v.l.), Sonya Yoncheva (Medea) und Iain Paterson (Créon)

Foto: Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress / picture alliance / Geisler-Fotopress

Berlin. Medea ist auf der Bühne fast die ganze Zeit über präsent. Luigi Cherubinis zweieinhalbstündige Oper ist ein wunderbares Primadonnen-Vorzeigestück, zumal wenn ein Sopranstar wie die Bulgarin Sonya Yoncheva die Partie singt. Die Staatsoper Unter den Linden nutzt diese Chance, alles dreht sich um ihre Medea. Sängerinnen dieses Formats überwältigen vor allem durch die Leichtigkeit, mit der sie ebenso perfekt wie unermüdlich durch die verschiedensten Gefühlsebenen wandeln können. Die Yoncheva liebt, betrügt und verführt, ist verzweifelt und wütet in ihren Arien und Duetten. Man kann sich nicht satthören an ihr. Pflichtgemäß singt sie alle anderen an die kahle Wand.

Das Goldene Vlies wird in einer Tiefgarage eingelagert

Martin Zehetgrubers Bühnenbild vermittelt vor allem Unbehaustheit. Die Oper spielt in einer Tiefgarage. Mit den modernen Rolltoren und Holzkisten ist ein hermetischer Raum entstanden, der an irgendetwas zwischen Nazi-„Raubkunst“ und Kunstmarkt erinnern soll. Kunstschätze sind hier eingelagert, zwei Pferdeplastiken stehen herum, das ist Créons Königreich. Das Goldene Vlies, laut griechischer Mythologie das Fell eines goldenen Widders, wird mit Damien Hirsts „Golden Calf“ erklärt. Sein in Formaldehyd eingelegter Stier wurde 2008 für gut 111 Millionen Pfund versteigert. Der Sotheby’s-Irrsinn ist aber nebensächlich für das, was auf der Bühne zu erleben ist. Als dort die Trophäe ausgepackt wird, ahnt man, dass es um nichts Neues in Andrea Breths Inszenierung geht.

Dabei ist das Goldene Vlies Auslöser für diesen Sorgerechtsstreit mit tödlichem Ausgang. Es gibt eine Vorgeschichte: Jason und seine Männer hatten in Kolchis am Schwarzen Meer das Vlies geraubt. Königstochter Medea half dabei, tötete dafür brutal ihren Bruder. In Griechenland ließ sie Jasons störenden Stiefonkel morden. Das flüchtige Liebespaar wurde getrennt. Jason erreichte mit den beiden Söhnen Korinth – jetzt hat er die Chance, ins Königshaus einzuheiraten. Das Goldene Vlies öffnet ihm quasi als Kapitaleinlage die Rolltore. Hier beginnt die Oper.

Jason knutscht mit dem Kindermädchen

Bei Andrea Breth ist Jason, den Charles Castronovo mit eitler Schönheit auszusingen versteht, ein rundum netter Kerl. Und auch ein guter Vater. Gut, er knutscht mit dem Kindermädchen, während seine Kinder und die Zukünftige zuschauen. Offenbar hängt sein Herz noch an Medea. Elsa Dreisig ist die Neue, sie leiht der Dircé ihren strahlenden Sopran, aber an sich ist die blonde Braut ein von allen herumgestoßenes Opfer, ein menschliches Accessoire. Ihr Vater Créon (Iain Paterson) verströmt eher schwächliche Nachsicht als Machtbewusstsein. Marina Prudenskaya richtet als getreue Neris anrührend beschwichtigende Töne an Medea. Es löst das Gegenteil aus. Die Rache ist „Tatort“-verdächtig.

Medea bleibt bei Andrea Breth eine dunkel geschminkte, Kopftuch tragende Fremde, der ein schlechter Ruf vorausgeht. Etwas Archaisches dringt in die heile Kunstwelt ein, Breths Inszenierung schrammt mit einigen schiefen Deutungen nur knapp an einem aktuellen Migrantendrama vorbei, zumal Medea als verzweifelte Frau und Mutter um Zuflucht fleht. Die Regisseurin, eine ausgewiesene Menschenversteherin, kann überraschend wenig mit der hassliebenden Frauenfigur Medea anfangen.

Die Oper enthält Dialoge auf Französisch

Daniel Barenboim und die auf Streicher und Holzbläser verkleinerte Staatskapelle sind hingegen eindeutig auf ihrer Seite und begleiten sie einfühlsam durch die Abgründe. Das geht auch nicht anders, wenn man sich auf Cherubinis französische Musik einlässt. Die 1797 uraufgeführte Opéra comique, die gesprochene Dialoge enthält, ist eben keine jener italienischen Opernschmonzetten, über deren beschwingter Uff­tata-Orchesterbegleitung der Schön­gesang triumphiert. Cherubinis Orchesterpart strebt eine fast sinfonische Ausdeutung im motivischen Detail an. Es lohnt sich zuzuhören. In der Entstehungszeit war man sich einig, eines der hochdramatischsten Werke vor sich zu haben. Heute haben sich unsere Ohren an expressivere, dissonantere Klänge gewöhnt. Umso warmherziger klingt Barenboims Führung und Umhüllung der Sänger in der Premiere.

Die Staatsoper spielt die französische Urfassung

Die Neuproduktion der Staatsoper wirbt damit, wieder dem französischen Original nahe zu sein. Die Rezeptionsgeschichte ist eigenwillig. Die gesprochenen Dialoge galten bald schon als unchic und wurden nachvertont. Die Oper wurde gekürzt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im italienischen Stil dramatisiert. Die größten Erfolge feierte damit in den 50er-Jahren Operndiva Maria Callas. Ihre Medea verkörperte archaische Würde. Vor zehn Jahren kehrte die restaurierte Ursprungsversion wieder in die Opernhäuser zurück.

Offenbar bemüht man sich seither, gegen das Callas-Überbild anzukämpfen. Andrea Breth übt sich mit fast exorzistischem Eifer daran, allein das Dämonische aus der Medea hervorzuholen. Es gibt keine Erklärung, was eine Mutter dazu bringt, ihre Kinder umzubringen. Am Ende stürzt Medea tot vor den Vorhang, wo die großartige Yoncheva vom Publikum bejubelt wird. Barenboim, Orchester und Chor ebenfalls. Die Regisseurin bekommt einige Buhrufe.

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel.: 20354555. Termine: 12., 17., 20., 25. und 28.10.2018

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