Oper

Staatsopern-Premiere: „Die Bühne vergibt einem nicht“

Warum Operndiven wie Tennisspielerinnen sind: Sopranistin Sonya Yoncheva bereitet sich auf ihr Medea-Debüt an der Staatsoper vor.

Die bulgarische Opernsopranistin Sonya Yoncheva probt in Berlin

Die bulgarische Opernsopranistin Sonya Yoncheva probt in Berlin

Foto: Anikka Bauer

Berlin. In der Staatsoper wird sie am Sonntag ihr Rollendebüt als Medea geben. Die Premiere Unter den Linden wird ein Opernereignis werden, und Sonya Yoncheva weiß, dass sie nicht irgendeine Sopranistin ist. Und dass diese Medea von Luigi Cherubini nicht irgendeine Opernrolle ist. Die legendäre Maria Callas hat sich nach Jahren des Rückzugs in der Rolle der betrogenen und schließlich zur Kindsmörderin werdenden Zauberin im Pasolini-Film 1969 als Sprecherin zurückgemeldet.

Leonard Bernstein hatte in den 50er-Jahren die Opernproduktion an der Mailänder Scala dirigiert und die Callas „ein Kraftwerk“ genannt. „Natürlich habe ich mir ihre Aufnahme angehört“, sagt Sonya Yoncheva: „Aber es war nicht meine Referenz. Ich finde, dass sie mit der Musik zu dramatisch umgegangen ist. Und die Version, die die Callas singt, ist nur die Hälfte der Partie. In Berlin singe ich es auf Französisch, und wir führen die Oper ohne Striche auf.“

Bei den wenigen ganz großen Primadonnen, die die Opernwelt hervorbringt, ist es trotz aller stimmlichen Verschiedenheit üblich, sie als Super­lativ miteinander zu vergleichen. Als die Russin Anna Netrebko kam, war sie die „neue Callas“. Und als die Bulgarin Sonya Yoncheva auf der Bühne erschien, galt sie als „neue Netrebko“. Zunächst war sie die junge Einspringerin vom Dienst, auch für Netrebko. Seither feiert sie weltweit Erfolge.

Operndiven sind wie Tennisspielerinnen

In Konkurrenz zu Anna Netrebko (47) sieht sich Sonya Yoncheva (36) aber nicht. „Nein, wir sind zwei komplett verschiedene Künstlerinnen“, sagt die Sony-Exklusivkünstlerin. „Ich bin immer neugierig, brauche Abwechslung und will immer neue Rollen kennen­lernen.“ Die heutige Generation wolle modern und authentisch sein. „Wir haben keine Angst, Dinge für die Opernindustrie auszuprobieren. Ich möchte nicht, dass die Oper zur Reliquie wird.“

Auch privat gibt es Kontakte zwischen den Operndiven. „Wir kennen uns, unsere Männer kennen sich auch gut. Es ist mehr wie bei Tennisspielerinnen. Auf dem Platz spielen sie gegeneinander, aber außerhalb sind sie miteinander befreundet. Wenn Anna Netrebko und ich erfolgreich sind, kann sich die Opernindustrie besser entwickeln. Das ist für alle Beteiligten gut.“

Sonya Yoncheva hatte Klavier und Gesang in ihrer Heimatstadt Plowdiw studiert. Ihren Master in Gesang machte sie in Genf. Mit ihrem Ehemann, dem venezolanischen Dirigenten Domingo Hindoyan, lebt sie in der Schweiz. Unser Gespräch findet in ihrer Berliner Wohnung statt. Beide sind häufig hier, auch weil er nach seiner Zeit als erster Assistent bei Daniel Barenboim an der Staatsoper als Gastdirigent gefragt ist. Die große „Medea“-Premiere am Sonntag wird Star­dirigent Daniel Barenboim leiten.

Eine typisch globale Künstlerehe

Yonchevas Ehemann ist dieser Tage auch weit weg. Es scheint eine typisch globale Künstlerehe zu sein. „Im Moment ist viel los, weil mein Mann eine Neuproduktion in Chicago macht“, sagt sie: „Wir sehen uns viereinhalb Wochen nicht. Aber danach machen wir gemeinsam eine zweiwöchige Tour in Südamerika und sind die ganze Zeit zusammen.“

Als Sängerin, die rund 60 Vorstellungen pro Jahr singt, hat sie eine mutige Phase der dicht gedrängten Rollendebüts hinter sich. Der Medea in Berlin gingen die Elisabeth im „Don Carlos“ an der Pariser Oper, die Tosca und die Luisa Miller an der New Yorker Met und die Imogene in Bellinis „Il pirata“ an der Mailänder Scala voraus. „Es ist schon verrückt, aber ich denke nicht darüber nach“, sagt sie: „Ich habe es auch so nicht geplant, es ist einfach passiert. Ich bin glücklich darüber, weil es alle fünf sehr interessante Frauen sind.“ Jedes Stück sei total verschieden, aber sie haben sie als Künstlerin und Frau weitergebracht.

Die Musik ist ein Mix aus verschiedenen Farben

Die Medea sei einfach eine totale Frau, erklärt die Sängerin. „Das Komplizierteste ist, unter ihre Haut zu kommen. Die Musik von Cherubini ist interessant, weil es ein Mix aus verschiedenen Farben ist. Diese Farben von Cherubini mit der Natur von Medea zu vermischen, ist unglaublich interessant.“

Die Inszenierung stammt von An­drea Breth. „Als ich zu den Proben in Berlin ankam, kannte ich ihr Konzept noch gar nicht“, erzählt die Sängerin. Schnell stellte sich heraus: „Wir haben beide über Medea genau dasselbe gedacht. Medea hat ein gebrochenes Herz und macht alles, weil sie liebt. Die Tragödie dieser Frau will Andrea Breth unterstreichen.“

Während unseres Gesprächs versucht sich der kleine Sohn Matteo auf Mamas Schoß zu quengeln. „Jede Mutter muss multitaskingfähig sein“, sagt Sonya Yoncheva lachend: „Meine neuen Rollen lerne ich in der Nacht. Und tagsüber mache ich vieles gleichzeitig, ich telefoniere beim Kochen.“ Manchmal sei das Ergebnis nicht perfekt, aber so wäre das Leben. Für ihre Opernrollen lässt sie den Satz aber nicht gelten. „Wenn ich auf der Bühne stehe, dann muss alles hundertprozentig stimmen. Die Bühne vergibt einem nicht.“

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. 20354555 Termine: 7., 12., 17., 20., 25. und 28. Oktober 2018

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