Kultur

Die erste Adresse für Klassik-Stars

Die Berliner Konzert-Direktion Hans Adler, eine der ältesten der Welt, wird 100 Jahre alt. Ein Hausbesuch

In der Pause traf Wolfgang Stresemann, der damalige Philharmoniker-Intendant, in der Hochschule der Kün­ste auf den Konzertagenten Witiko ­Adler. Der hatte einen 20-jährigen, argentinisch-israelischen Pianisten erstmals nach Deutschland geholt. „Wenn er jetzt schon so spielt, wie spielt der dann mit 40?“, sagte Stresemann zu Adler. Das war 1963, im Jahr darauf debütierte Daniel Barenboim bei den Philharmonikern. Seither ist der Pianist und Dirigent der Konzert-Direktion Hans Adler treu geblieben. Barenboim wird auch im Festkonzert zum 100-jährigen Bestehen der Konzert-
Direktion am 20. September in der Philharmonie auftreten. Die Agenturinhaber, das Ehepaar Witiko und Jutta Adler, kündigen eine Weltpremiere an. „Anne-Sophie und Daniel haben sofort zugesagt, im Duo zu spielen“, sagt Jutta Adler. Es ist ein Benefizkonzert für junge Künstler.

Geigerin Anne-Sophie Mutter, Jahrgang 1963, gehört zu jenen Künstlern, an deren Karriere die Künstleragentur beteiligt war. Aber wie muss man sich das vorstellen? „Meine Mutter und ich saßen beim Abendessen, da klingelte das Telefon“, erzählt Witiko Adler. Stresemann ist dran. Der Intendant hatte gerade Herbert von Karajan vom Flughafen abgeholt, und der Stardirigent redete dauernd von einer jungen Geigerin. „Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte?“, fragte Stresemann. Adler wusste es. „Dann holen sie die mal ran“, sagte Stresemann. „Ich rief also bei den Eltern an, dass Herr Karajan ihre Tochter zum Probespiel einladen möchte.“ Später holte Witiko Adler das Geigenmädchen vom Flughafen ab und brachte sie zur Philharmonie. So begann 1976 die Weltkarriere.

Man muss auch mit den Eltern der Künstler klarkommen

Schaut man sich historische Fotos mit den Künstlern an und hört den Adlers zu, dann fallen zwei Dinge sofort auf. Erstens wurden früher Künstler noch direkt am Flugzeug abgeholt. Auf vielen Fotos lächeln müde Künstler auf der Gangway in die Kamera. Zweitens müssen Konzertagenten mit Familien umgehen können, vor allem mit den Eltern der Künstler. Der Vater von Daniel Barenboim hatte etwa über Jahre hinweg Angebote abgelehnt, weil er meinte, für einen Juden sei es noch zu früh, um in Deutschland aufzutreten. Witiko Adler hatte Barenboim bereits 1954 kennengelernt, als der Elfjährige in Salzburg an einem Dirigierkurs von Igor Markevitch teilnahm. Markevitch, auch ein Adler-Künstler, hatte den Konzertmanager herbeigerufen, weil er „da einen fantastischen Jungen habe“.

Nach Krieg und Holocaust war Witiko Adler derjenige, der vertriebene Künstler nach Deutschland zurückholen wollte. Geiger Yehudi Menuhin war 1947 der erste international bekannte jüdische Musiker, der wieder in Deutschland auftrat. Die Adlers waren ihm zeitlebens verbunden. Geholt haben sie auch Claudio Abbado, Lorin Maazel, Seiji Ozawa, Bernard Haitink oder Zubin Mehta.

Die am 1. Oktober 1918 gegründete Konzertagentur Hans Adler kann man heute als älteste deutsche Agentur bezeichnen. Fünf Jahre zuvor wurde zwar die immer noch existierende Westdeutsche Konzertdirektion in Köln gegründet, aber die gehört seit 1960 zum Adler-Imperium. Der aus Breslau stammende Gründer Hans Adler hatte nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg die Agentur in Berlin gegründet. Großer Unterstützer war Komponist Richard Strauss, größter Konkurrent die Agentur Wolff & Sachs, Louise Wolff hatte mitgeholfen, aus einem Provinzorchester die Berliner Philharmoniker zu formen. Hans Adlers Debüt als Konzertveranstalter war ein Liederabend von Altistin Therese Schnabel, am Klavier ihr weltberühmter Ehemann Artur Schnabel. Mitte der 20er-Jahre organisierte Hans Adler mit Oskar Fried und dem Blüthner-Orchester den weltweit ersten Mahler-Zyklus.

Der Vater legte sich mit dem Propagandaminister an

Hans Adler hat 1920 die bildende Künstlerin Herta Kaupe geheiratet, man wohnte in Schöneberg. 1928 kommt Sohn Witiko zur Welt, der in einer Künstlerumgebung aufwächst. „Mein Vater war ein glühender Anti-Nazi“, erinnert sich Witiko Adler. Als Veranstalter hielt er so lange wie möglich zu jüdischen Künstlern. „Er hat es auch zu spüren bekommen, weil die Nazis ihm angedroht haben, den Laden dichtzumachen“, sagt der Sohn. „1943 wurde mein Vater vom Propagandaministerium aufgefordert, einen Abend mit der Ausdruckstänzerin Gret Palucca abzusagen und den Generalvertretungsvertrag aufzukündigen. Mein Vater sagte, er möchte das schriftlich haben. Ansonsten tanzt die Palucca.“ Sie ist wie geplant aufgetreten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, das Haus in der Speyerer Straße war ausgebombt, stirbt der Firmengründer 1948. Der 20-jährige Witiko und seine Mutter Herta Adler entschließen sich, die Agentur weiterzuführen. In Spitzenzeiten vertrat sie 100 Künstler, heute sind es rund 40. Jutta Adler stammt aus der Familie der Berliner Musikalienhändler Riedel an der Uhlandstraße. Sie ist 1985 in die Konzertagentur eingetreten und führt heute die Geschäfte an der Auguste-Victoria-Straße.

„Die Künstler sind heute nicht mehr so auf Agenturen angewiesen“, sagt sie. „Früher musste man wissen, wo die Künstler gerade stecken, wenn Opernhäuser oder Orchester nach schnellem Ersatz für einen erkrankten Künstler suchten.“ Inzwischen schauen alle ins Internet und schicken schnell mal eine E-Mail. Aber die Konzerte seien nicht schlechter ausgelastet als früher, betont Jutta Adler, „man muss heute mehr dafür tun. Denn das Publikum möchte sich heute viel kurzfristiger entscheiden, wo es hingeht.“

Festkonzert mit Daniel Barenboim und Anne-Sophie Mutter: Philharmonie,
20.September, 19,30 Uhr Tel. 8264727