Film

Wie der Mensch auf den Hund kam

„Alpha“ ist ein bildgewaltiger Film, der von ewiger Tierliebe erzählen will – und vor dem Tierschützer doch warnen.

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Er kann nicht töten. Er schafft es nicht, Feuer zu entfachen. Auch auf der Jagd stellt er sich nicht sehr geschickt an. Für die Zeit, in der er lebt, ist der junge Keda (Kodi Smit-McPhee) ein ziemliches Weichei. Er ist aber der Sohn des Stammesführers Tau (Jóhannes Haukur Jóhannesson), der ihn zu seinem Nachfolger erziehen will. Nach einem Unfall freundet sich Keda mit einem Wolf an. Er nennt ihn „Alpha“, und wir lernen in dem gleichnamigen Film, wie der Mensch zu seinem treuesten Gefährten, dem Hund kam.

Als Mischung aus emotionsgeladenem Coming-of-Age-Drama und prähistorischem Road-movie hat Regisseur Albert Hughes seinen Film angelegt. Er strotzt vor imposanten Landschaftstotalen und kernigen Jägern und Sammlern in Nahaufnahme. Er nutzt Realfilm und Digitalwelten auf brillante Weise und erzählt in überbordenden Bildern die schlichte Geschichte der Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Wolf.

Europa vor 20.000 Jahren. Ausgehende Eiszeit. Das Leben der Menschen ist hart. Einmal im Jahr macht sich Taus Truppe auf zur Bison-Jagd. Sie jagen die Herde auf eine Schlucht zu. Die Tiere stürzen in den Tod, der Nahrungsvorrat für die eisigen Monate ist gesichert. Doch Keda wird von einem Bison erfasst und stürzt mit in die Tiefe. Sein Stamm und auch der Vater halten ihn für tot. Was sie nicht wissen: Keda ist auf einem Felsvorsprung gelandet. Und macht sich auf den abenteuerlichen Weg zurück.

Er weiß, dass er es vor den ersten Schneefällen schaffen muss. Zwischen Säbelzahntigern und angriffslustigen Hyänen humpelt er durch garstige Landschaften. Immer wieder fährt die Kamera über Berge und Täler, als könnten sich die Macher selbst nicht satt sehen an den lebensfeindlichen Gegenden, die sie kreiert haben.

Ein Wolfsrudel greift an. Keda muss sich verteidigen. Er verletzt das Alphatier mit einem Messer schwer. Der Rest des Rudels zieht ohne seinen Anführer ab. Keda schafft es nicht, den verletzten Wolf zu töten. Stattdessen nimmt er ihn mit auf seine beschwerliche Reise und päppelt ihn auf. Das Tier wird ­zutraulich, eine wunderbare Beziehung entwickelt sich und gemeinsam bestehen sie alle Gefahren bis zum sich vor kitschiger Idylle nicht scheuenden Happy End.

Hughes nimmt es historisch nicht so genau. Seine Jäger wirken eher wie eine Horde bärtiger Biker und Kodi Smit-McPhee als Keda würde sich auch gut als Vorsänger einer Boy-Band machen. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, von einer Sprachprofessorin eine eigene Sprache entwickeln zu lassen, wie sie möglicherweise damals gesprochen wurde. Der Film ist nach einer kurzen Einführung aus dem Off (im Original gesprochen von Morgan Freeman) durchgehend untertitelt.

„Alpha“ ist in seiner Kernaussage ein zutiefst humaner und tierliebender Film. Mitunter kommt man sich vor wie in einem Disney-Film alter Schule, der einem einmal mehr von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens erzählt. Was aber nichts daran ändert, das die Tierschutzorganisation Peta aufgefordert hat, den Film zu boykottieren, da für die Dreharbeiten fünf Bisons getötet und gehäutet worden sein sollen.

Tatsächlich hat die American Humane Association (AHA), die seit 2004 Dreharbeiten mit Tieren überwacht und Filmen das Prädikat „No animals were harmed…“ ausstellt, „Alpha“ dieses Siegel im Nachspann verweigert.

Wenn kein Anführer mehr da ist, müsse man selber einer werden, hat Vater Tau seinem Sohn eingebläut. Doch die markige Botschaft, dass ein Mann sich behaupten muss, verblasst hier hinter der so berührenden wie mitunter auch gefühlsduseligen Geschichte zwischen einem Jugendlichen und seinem besten Freund. Wie bei Rusty und ­Rin Tin Tin. Oder Timmy und Lassie. Nur eben ein bisschen düsterer.