Film

Ode an die Stadt der Nachtschwärmer

Johannes Schaffs „Symphony of Now“ ist eine Neuversion zum Klassiker „Berlin - Die Sinfonie der Großstadt“. Oder auch ein Gegenentwurf.

Techno-Variante zum Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“: „Symphony of Now“Symphony of Now

Techno-Variante zum Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“: „Symphony of Now“Symphony of Now

Foto: NFP

Nein, Berlin ist nicht die Stadt, die niemals schläft. Das zeigen einige Nachtaufnahmen dieses Films, bei denen selbst große Straßen der Metropole zu später oder auch sehr früher Stunde ungewöhnlich leer, wie ausgestorben sind. Aber solche Leer-Stellen bilden die Ausnahme in „Symphony of Now“: Johannes Schaffs Film ist geradezu eine Ode an Berlin als die Stadt der Nachtschwärmer, die die Nacht zum Tag machen. Und für die Berlin dafür die Stadt der Städte ist.

Der Dokumentarfilmer („Das Wassup“) hat sich dabei allerdings ein Vorbild genommen, das sehr groß, vielleicht zu groß für sein Vorhaben ist: den Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“. Walter Ruttmann hat 1927 Momentaufnahmen der Stadt zu einer kühnen und für damalige Zeiten unendlich rasanten Schnittmontage vermengt. Ein experimenteller Dokumentarfilm. Ein Meilenstein des Stummfilms. Ein Werk, das das Bild Berlins als Metropole der Moderne bis heute prägt. Auch wenn Ruttmann das als polemischen Kommentar angelegt hat: Er zeigte Berlin an einem Tag: wie die Stadt erwacht, wie die Arbeit beginnt und wie das Tempo des Verkehrs, der Fabriken, der Maschinen das moderne Leben prägt und bestimmt.

Schaff leugnet das Vorbild nicht, er zitiert es gleich anfangs, wenn in Schwarzweißbildern Züge und S-Bahnen in die Metropole einfahren. Dann ein harter Schnitt, und man sieht neuere Bahnen in Farbe durch die heutige Stadtkulisse sausen. Schaff übernimmt auch die Struktur Ruttmanns mit nur 65 Minuten Filmlänge und der Einteilung in fünf Akte. Und doch unterscheidet sich sein Werk wesentlich. Es fängt nicht morgens an, sondern nachmittags, also kurz vor Feierabend, wonach sich die Menschen rüsten für die Nacht. Für diverse kulturelle Angebote. Oder auch nur, um zu chillen oder in Clubs abzuhotten.

Ruttmanns Film zeigte, wie der Mensch durch die moderne Industrialisierung zur Masse verkam und fremdbestimmt wurde. Der Einzelne, das Individuum bekam kaum ein Gesicht. Nur immer Menschen, die durch die Bilder hetzten, die von Edmund Meisels kongenialer Musik ständig vorangetrieben schienen. Wie ein früher, überlanger Musik-Videoclip.

Über 90 Jahre später hält Schaff das Tempo, aber heutzutage ist man noch ganz andere Schnittrhythmen gewöhnt. Ruttmanns Stakkato hat das Publikum geschockt und gefordert, Schaffs Film wirkt dagegen fast entschleunigt. Und: Er stellt nun den Einzelnen in den Mittelpunkt, zeigt Menschen, auch Prominente, in Nahaufnahme. Eine Bildform, die Ruttmann fast gar nicht verwendet hat.

Die Zeit der Industrialisierung und Ausbeutung ist vorbei. Der Mensch, so die Botschaft des Films, bestimmt sein Leben heute selbst – und zelebriert seine Freizeit. Insofern ist „Symphony of Now“ keine Weiterentwicklung, sondern ein regelrechter Gegenentwurf zu „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“. Mit einem trotzigen Jetzt! im Titel. Unterlegt wird das mit Kompositionen von Frank Wiedemann, Modeselektor und anderen Berliner Größen der elektronischen Musik.

Sind ja alles bloß Fetzen, die beliebig aneinandergereiht werden und keinen Sinn ergeben kann man dem Film unterstellen. Der Vorwurf freilich wurde auch schon Ruttmann gemacht, das eint die beiden Filme eher. Was sie aber unterscheidet: Ruttmann trieb eine große Idee an, es ging ihm um eine bissige Anklage in radikaler, virtuos neuer Form. „Symphony of Now“ dagegen wirkt manchmal wie gepflegte Stadt-Werbung, die Berlin vor allem als Techno-Hauptstadt feiert. Das ist keine neue Erkenntnis, aber immer noch eine Position, die die Stadt verteidigt. Und „Symphony of Now“ bereitet ihr dafür ein wenn auch spätes filmisches Monument. Hätte Schaff nicht selbst explizit den Vergleich mit dem Klassiker anvisiert, würde man seinem Werk wohl willfähriger begegnen.

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