Als sie aus dem Knast kommt, klaut die Lady erst mal dreist und tütenweise in Edelboutiquen, um wieder salonfähig zu sein. Aber dann führt sie der erste Weg zu einem Urnenfriedhof. Dort ist ihr Bruder bestattet. Als Sterbedatum ist 2018 in den Marmor graviert. Als Name: Danny Ocean. Nicht erst da klingelt es bei Filmfans.
Bei „Ocean’s 8“ muss man natürlich sofort an „Ocean’s 11“ denken und die Fortsetzungen „Ocean’s 12“ und „Ocean’s 13“– Steven Soderberghs Komödien um George Clooney und Brad Pitt als Meistergauner, die sich mit lauter Kumpels (und mit jedem Film einer Nase mehr) verbündet haben. Personalbedingt geht man in der Neuauflage etwas runter. Aber dafür sind jetzt Frauen am Zug. Endlich wird Quote in Hollywood mal großgeschrieben und eingelöst. Und das im Popcornkino, das doch von jeher als Männerdomizil gilt!
So viele Diven auf einmal gibt es selten in einem Film
Was als Jungensfilm wiederholt funktioniert hat, klappt auch als Mädelsfilm prima. Und wie Danny Ocean im ersten Film 2001 noch auf dem Weg aus dem Knast das nächste große Ding plante, so macht es ihm nun seine kleine Schwester Debbie nach. Ihr Ziel sind nicht, wie bei den Jungs, die Casinos von Las Vegas. Die Lady zieht es in ein Musenhaus. Ins Metropolitan Museum von New York.
Sie will aber nicht Kunst im Haus stehlen, sie will nur im Haus stehlen. Während des größten gesellschaftlichen Events der Stadt, der Met Gala, will sie – als gelte es, Marilyns alten Klassiker „Diamonds Are A Girl’s Best Friend“ einzulösen – das wertvollste Diamantcollier der Welt stehlen. Im Wert von satten 150 Millionen Dollar. Vom Nacken des weltberühmten Filmstars Daphne Kluger (Anne Hathaway). Und das unter den Augen Hunderter illustrer Gäste.

Für ihren buchstäblich brillanten Coup tut sich Debbie mit ihrer besten Freundin Lou (Cate Blanchett) zusammen, die hier quasi den Brad Pitt gibt. Weiter stoßen zum Team: eine abgetakelte Modedesignerin (Helena Bonham Carter), die den Filmstar einkleidet, eine Hackerin (Popsängerin Rihanna), die jedes Sicherheitssystem lahm legen kann, eine Diebin (Newcomerin Awkwafina), die das Collier entwenden soll, eine Juwelierin (Mindy Kalling), die es noch vor Ort in seine Einzelbestandteile auflösen muss, und eine Hehlerin (Sarah Paulson), die das Ganze meistbietend vertickert. Moment mal, werden Sie sagen, das sind doch erst sieben. Aber auch das gehört zum Plan: Nummer Acht ist die Filmdiva selbst – sie spielt mit, ohne es zu ahnen.
„Heist Movies“, also Überfallkino, nach einem frühen Highlight des Genres auch „Rififi“-Filme genannt, laufen eigentlich immer nach dem selben Muster ab. Eine Gruppe von Experten plant den unmöglichen Coup, bei dem lauter unüberwindliche Hürden überwunden werden, bis unvorhersehbare Zufälle passieren, die das Ganze dann doch im Mark erschüttern. Das ist Adrenalinkino pur, denn natürlich schwitzt man mit den stets ehrenhaften Gaunern mit. Und nach all den doch sehr kerligen Heist Movies, bei denen nur selten eine Frau die Strippen zog (Melina Mercouri in „Topkapi“ war eine rühmliche Ausnahme), ist es nun eine Wohltat, das Ganze mal als Frauenpower zu erleben.

Dabei gibt es nicht nur einen weiblichen Star-Auflauf, wie man ihn im Gegensatz zu Männer-Ensembles wirklich selten zu sehen kriegt. Nein, die Met-Gala wird ganz nebenbei noch mit lauter Stars, Sternchen und C-Promis aus der Mode- und Society-, mithin der Damen-Welt besetzt, die hier einfach als sie selbst über den roten Teppich laufen, von Vogue-Verlegerin Anna Wintour über Kim Kardashian bis zu Heidi Klum. An dieser Stelle muss man sogar die Originalfassung sehen: Weil Sandra Bullock ihre Deutschkenntnisse (die sie ja schon bei ihrer Oscar-Rede 2010 bewiesen hat) hier an Frau Klum anwenden darf.
Steven Soderbergh hat das Ganze wieder produziert, die Regie überließ er aber diesmal Gary Ross, der sich mit dem „Tribute von Panem“ als Meister femininer Action bewiesen hat. Wurden Clooneys Jungs einst in coolste Klamotten gekleidet, tragen jetzt die Ladies extravaganteste Outfits, dass es eine Freude ist. In Sachen Selbstironie freilich war man bei den Herren weiter: Brad Pitt, Matt Damon & Co.ließen sich auch mit Lust durch den Kakao ziehen. Hier bleibt das einzig Anne Hathaway vorbehalten.

Die darf von Herzen eine jener Modezicken geben, unter denen sie in „Der Teufel trägt Prada“ so zu leiden hatte. Die anderen Ladys sehen dagegen immer geschniegelt und gestriegelt aus, da stört nicht die kleinste Schweißperle das stets perfekte Make-Up. Etwas mehr Eigenhumor, auch etwas mehr Divengerangel hätte dem Ganzen ganz gut getan. Dass es dann doch nicht ganz ohne Mann geht, trübt die Bilanz auch ein bisschen. Dennoch ist dieses Damen-Oktett ein Kino-Coup, der sich prima genießen lässt.
Ohne zu viel zu verraten: Am Ende sitzt Sandra Bullock wieder vor der Urne des Bruders und meint: „Es hätte dir gefallen.“ Dem kann man nur zustimmen. Eine Hoffnung wird dabei indes nicht erfüllt: Dass Danny Oceans Tod nur ein weiterer Betrug ist und George Clooney wie Kai aus der Kiste neben Sandra Bullock steht. Aber wer weiß, vielleicht steht ja demnächst „Ocean’s 9“ an? Bis dahin kann man sich schon mal das Klischee abschminken, dass Blockbuster-Kino immer rein testosterongestützt sein muss.





