Klassik

Jonas Kaufmann - ein Tenor, der auch die Küche putzt

Jonas Kaufmann bringt zu seinem Konzert in der Waldbühne einen Überraschungsgast mit.

Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann

Foto: Julian Hargreaves/Sony Classical / BM

Berlin. Wer der Überraschungsgast beim Konzert in der Waldbühne am 13. Juli sein wird, möchte Jonas Kaufmann noch nicht verraten. Nur so viel: Vor der Kulisse von 18.000 bis 20.000 Menschen wird es neben dem Münchner Startenor einen solchen singenden Gast geben. „Sonst würde das Orchester ständig Instrumentalstücke spielen müssen.“ Sicher ist: Bei dem Programm, das Jonas Kaufmann in der Waldbühne präsentiert und mit dem er „beim Publikum nördlich der Alpen die alte Begeisterung für Italien auffrischen“ will, braucht er selbst auch mal mehrere stimmliche Pausen. Denn die Ansprüche sind hoch. Vor Zehntausenden von Zuschauern hat Kaufmann bisher noch nicht alleine mit Orchester gesungen – Fernsehübertragungen aus der Oper sind für ihn etwas anderes, vom Gefühl her. Ob der Kameramann auf den Sänger hält oder ob dieser nur in der Totale zu sehen ist, sei auf der Bühne kaum mitzubekommen. Die 20.000 live vor sich, das dagegen ist besonders.

Jonas Kaufmann sagt, er sei keineswegs eingeschüchtert, schließlich habe er mit nur geringfügig kleineren Menschenmengen schon auf dem Königsplatz seiner Heimatstadt München zu tun gehabt. Oder beim Finale der Champions League 2013 – das war allerdings nur ein kleiner Gastauftritt vor der großen Fußballkulisse, gemeinsam mit Popgeiger David Garrett. In der Berliner Waldbühne trat Kaufmann übrigens im gleichen Jahr auf, da waren Primadonna Anna Netrebko und ihr damaliger Ehemann Erwin Schrott mit dabei.

„Ich mag es sehr gerne, wenn man ein Publikum spürt. Ich weiß auch gar nicht, was das ist, was man spürt – aber man merkt, ob die Leute dabei sind, ob sie abdriften, ob man etwas tun muss, einen Kniff anwenden, um sie wieder zurückzugewinnen.“ Diese Aufgabe der Dauerpräsenz ist nicht nur stimmlich fordernd. In der Oper wäre da eine Pause ganz normal. Zum Beispiel bei „Parsifal“ an der Bayerischen Staatsoper, das Stück, das Kaufmann mit dem scheidenden Münchner und zukünftigen Berliner Chefdirigenten Kirill Petrenko zuletzt probte. „Nach meinem kurzen Auftritt im ersten Akt habe ich ja bei der ganzen rituellen Handlung der Gralsenthüllung gar nichts zu singen, nur zuzuschauen.“

Doch nach wenigen Vorstellungen von „Parsifal“ in München wird Kaufmann bereits nach Berlin reisen, und der Auftritt in der Waldbühne ist vom Kräfte- und Stimm-Management eine ganz andere Nummer. „Da möchten die Menschen ein Highlight nach dem anderen hören.“ Und so gibt es eben noch einen Überraschungsgast – auch, weil Kaufmann gemeinsam mit seinem Management einige passende Duette gefunden hat. „In Duetten und Dialogen kann man ja noch mehr Facetten zeigen.“

Nach dem „Auffrischen der Begeisterung für Italien“ in Berlin – übrigens auch mit einigen deftigen Schluchzern in den Verismo-Schmachtfetzen von Mascagni und Leoncavallo (Jonas Kaufmann: „Die Abwechslung macht’s“) – geht es für den Sänger weiter zum Schleswig-Holstein-Musikfestival. Kurz darauf singt er den Siegmund in Wagners „Walküre“ wiederum in München, dann zwei Konzerte mit buntem Opernprogramm in Spanien, um danach wieder nach München für den Abschluss der Opernfestspiele – wiederum mit dem „Parsifal“ – zurückzukehren. Das alles noch vor der eigentlichen Sommerpause, die für Sänger und Musiker oft Festspielzeit und wiederum große Auslastung bedeutet. Ist das gesund?

Jonas Kaufmann sieht es als seine Chance an, dass er fähig ist, die Entspannung in die Arbeitszeit zu verlegen. „Es gehört zum Dolce Vita dazu, dass man die Kunst versteht, den Augenblick zu genießen. Dass man zehn Minuten Freizeit auch auskosten kann. Ich brauche nicht erstmal Zeit, um runterzukommen.“ Tage, an denen Kaufmann abends Aufführungen hat, sind für ihn seine freien Tage. „Es traut sich einfach niemand, mich anzusprechen wegen Terminplanung oder ähnlichem.“

Nur für seine Familie in München ist er immer erreichbar. „Natürlich versuche ich, so viel wie möglich an der Familie teilzuhaben.“ Dort kann Jonas Kaufmann mitunter auch seine handwerkliche Begabung ausleben – gemeinsam mit seinen Kindern konstruiert der 49-Jährige schon mal nützliche Dinge für die wohnliche Einrichtung, oder schraubt, zur Entspannung, an seinem Boot. Es kann auch echte Arbeit dabei sein – dann putzt er auch mal zu später Stunde die Küche. „Man muss bedingungslos dabei sein – dann kommt man eben mal zu etwas weniger Schlaf.“

Immerhin muss er in München, wo er derzeit nicht nur wohnt, sondern an der Bayerischen Staatsoper mit Kirill Petrenko und dem Regisseur Pierre Audi eben auch arbeitet, sich nicht „abends im Kino verkriechen, um zu vergessen, dass man in diesem Beruf manchmal eben doch oft allein ist.“ So wie in anderen Städten wie London und New York, wo der namentlich als Wagner-Tenor viel gefragte Jonas Kaufmann viel unterwegs ist und die ihm doch fremd sind. Das wird wohl in den nächsten Jahren so weitergehen, zumal Kaufmann gerade erste Gehversuche mit der gefürchtetsten Tenorpartie Richard Wagners – dem Tristan – macht.

Bei solchen Herausforderungen diesseits und jenseits des Atlantiks hilft es, dass München der sichere Rückzugsort für Jonas Kaufmann ist. Hier ist er aufgewachsen, hier wohnt er seit sieben Jahren wieder, hier leben auch seine drei Kinder. „In München muss ich eher die vielen Kontakte koordinieren und auch mal mit Leuten das Bier trinken gehen, das ich ihnen schon lange versprochen habe.“

Konzert „Dolce Vita“ in der Waldbühne am 13. Juli um 20 Uhr.
Ticket-Hotline 01806 57 00 70Ausstrahlung im ZDF am Sonntag, 15. Juli 2018, 22 Uhr

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