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Theater Strahl: Der  Putz  bröckelt, aber  der  Laden  läuft

Das Jugendtheater feiert am heutigen Sonnabend seinen 30. Geburtstag mit einem Fest. Ein Treffen mit Gründer Wolfgang Stüßel.

Theaterleiter und Gründer Wolfgang Stüßel.

Theaterleiter und Gründer Wolfgang Stüßel.

Foto: David Heerde

Berlin. In dieser Turnhalle findet kein Schulsport mehr statt. Die Kultur hat sich den morbiden Ort erobert, an dem die Farbe von den Wänden blättert. Die denkmalgeschützte Halle am Ostkreuz wird vom Theater Strahl bespielt und soll künftig auch der Hauptsitz sein. Das Jugendtheater feiert am heutigen Sonnabend seinen 30. Geburtstag mit einem Fest.

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn das neue Domizil zum Jubiläum fertig saniert gewesen wäre, sagt Theatergründer und -leiter Wolfgang Stüßel. Er nimmt es gelassen. Der 63-Jährige ist nicht ganz unbeteiligt an den Verzögerungen. Es gibt 2019 mit dem Jugendtheaterfestival „Augenblick mal“ und einem Regieseminar zwei wichtige Veranstaltungen, die hier über die Bühne gehen sollen. Stüßel wollte kein Risiko eingehen. Also wird in Ruhe geplant, sodass die knapp zwei Millionen Euro von der Lottostiftung erst ab Sommer 2019 verbaut werden.

Aber bespielt wird die Halle Ostkreuz schon längst. Der Laden läuft, auch wenn der Putz bröckelt. Und dann gibt es auch noch die gegenüberliegende Jugendherberge Berlin Ostkreuz, die Toiletten und auch mal Räume zur Verfügung stellt. Strahl bietet im Gegenzug Seminare für die Gäste der Jugendherberge an. Und Vorstellungen. „Mit Sport kann man Jugendliche erreichen – und mit Theater, wenn man sie ernst nimmt“, ist Wolfgang Stüßel überzeugt.

Der ausgebildete Schauspieler und Diplom-Pädagoge hat Strahl als freie Theatergruppe 1987 mit drei anderen zusammen gegründet. „Aber im vergangenen Herbst hatten wir einfach keine Zeit zu feiern“, deshalb wird das jetzt zum Ende der Jubiläumssaison nachgeholt. Seit 1992 leitet Stüßel das Theater. Kernzielgruppe sind die Zwölf- bis 16-Jährigen, „für die es damals kaum Angebote gab“. Und es gab auch einen konkreten Gründungsgrund: Das Thema Aids, das viele junge Menschen damals verunsichert hat.

In den ersten Jahren spielten die Theaterleute in Jugendfreizeiteinrichtungen, es gab aber schon 1988 eine bundesweite Tournee mit dem ersten Stück „Dreck am Stecken“. 1994 wurde mit der Weißen Rose in Schöneberg die erste feste Spielstätte bezogen. Dort tritt Strahl immer noch auf, doch kann die Bühne des Kulturzentrums wegen der verschiedenen Nutzer abends nur selten und am Wochenende fast nie von den Theaterleuten genutzt werden. Auch deshalb suchte Stüßel nach einem neuen Domizil, denn Inszenierungen wie das von Kritikern und dem Publikum gefeierte Stück „#BerlinBerlin“ richten sich auch an Erwachsene – und die bevorzugen Abendvorstellungen.

Das Kinder- und Jugendtheater ist in Berlin traditionell stark vertreten, wurde aber von der Kulturpolitik lange nicht auskömmlich finanziert. Das habe sich unter Rot-Rot-Grün geändert, sagt Stüßel. Klaus Lederer (Linke) kam als erster Kultursenator zu einer Strahl-Premiere, die Zuwendungen wurden erhöht. Das Theater bekommt aktuell rund 800.000 Euro pro Jahr aus dem Kulturetat, muss aber trotzdem für jede Produktion Drittmittel einwerben. Der
Zusammenarbeit sind dabei kaum Grenzen gesetzt. So entstand „Black & White ain’t no colours“ in Kooperation mit der Kompanie Iyasa aus Bulawayo (Simbabwe), seit Frühjahr 2017 läuft der vom Goethe-Institut unterstützte interkulturelle Roadtrip. Der beschäftigt sich mit unterschiedlichen Wahrnehmungsmustern und wird am Sonnabend um 18.15 Uhr unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt gezeigt.

Etwa 260 Vorstellungen spielt Strahl pro Jahr – ohne festes Ensemble, das wäre zu kostspielig. Stüßel hat noch ein weiteres großes Projekt vor sich: „Verantwortung abgeben.“ Dahinter verbirgt sich sein Rückzug von der Theaterleitung, den er für 2021 plant. Es werde nicht leicht, sagt er. Denn es geht ums Loslassen seines Lebenswerks.

Halle Ostkreuz, Marktstr. 9–12 Uhr, Lichtenberg. Sommerfest heute ab 14 Uhr u. a. mit Horst Evers, Pigor & Eichhorn und Songs aus dem Stück „#BerlinBerlin"

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