Was für ein Aufschlag! Helmut Kohl vor dem Brandenburger Tor, der Obersalzberg im Abendlicht, ein Weihnachtsbaum, die blonde Betty mit Gretelzopf, ein AFD-Weihnachtsessen für Bedürftige in Dresden. Deutschland, oh Deutschland. An der 35 Meter langen porösen Betonwand von St. Agnes hängen seine Fotos, hoch und quer, in unterschiedlichen Formaten in gleich vier Schichten in Petersburger Hängung. Von oben herab fixieren uns zwei blaue Augen, unheimlich. Wir kennen diese Augen. Es sind die Augen seines verstorbenen Vaters, dem Schauspieler Ulrich Mühe. Andreas Mühe hat für sein Foto den kahlen Kopf seines Vaters in Ton nachgebildet, diese Maske sitzt auf einem nackten Oberkörper. Eine Serie, an der er aktuell arbeitet. Nächstes Jahr soll sie fertig sein. „Ich will noch gar nicht viel dazu sagen“, meint er. „Der Vater, die Familie, das ist das nächste Riesenthema!“

Diese Ausstellung mit 70 Fotos in der Galerie König, mit Domizil in Kreuzberg, wirkt gewaltiger als die Schau in den Hamburger Deichtorhallen im vergangenen Jahr. Das Düttmann-Kirchenschiff im architektonischem Stil des Brutalismus ist eine Herausforderung. „Das hier ist eine ganz andere Inszenierung, verstärkt Themen, bringt sie zusammen - oder auseinander“, meint Mühe, der sein Atelier in Pankow hat. Die vorherrschenden Farben seiner Fotos sind blau, braun, grün, die Szenerien liegen immer ein wenig im Dunkel, das überhöht sie. Schwarz, Schatten, Helligkeit, Sonne, Licht – damit arbeitet er. Er ist ein Perfektionist im Detail. Schnappschüsse? Gibt es bei ihm nicht. Seine Fotos sind wohlarrangiert, haben immer etwas Kulissenhaftes, nicht selten Dramatisches.

Aus der serie „Neue Romantik“: der „Kreidefelsen“, 2014. der fotograf selbst ist als Rückenfigur zu sehen
Aus der serie „Neue Romantik“: der „Kreidefelsen“, 2014. der fotograf selbst ist als Rückenfigur zu sehen © König Galerie | Andreas Mühe

Kaum erstaunlich, Mühe kommt aus einer Theaterfamilie. Mutter Annegret Hahn ist bekannt als Dramaturgin und Intendantin, der verstorbene Vater war Bühnenstar im Osten, im Westen brachte er es mit dem „Leben der anderen“ bis zum Oscar. Seine Halbschwester Anna Maria Mühe ist oft im Fernsehen und Kino zu sehen. Mühes Frau ist Kostümbildnerin. „Zuhause bei uns standen überall kleine Bühnenbilder herum, man wächst mit all diesen Sachen auf. Das sind Prägungen und Einflüsse“, erzählt er uns. Für Auftritte, große Gesten und Rollenspiele hat er also einen sicheren Blick. Er zeigt auf seine inszenierten Fotos vor uns an der Betonwand, auch das sei eine Form von Bühnenbild.

Heute mit 39 Jahren geht er nicht mehr oft ins Theater. Wenn doch, ist er überrascht, wie schön es dann ist, welche Nähe er dazu hat. Klar, sein Vater, der Name, all das begleitet ihn. „Man kann es nicht ablegen. Und muss für sich begreifen, dass die Arbeit am Zeitstrahl, ganz viel zu tun hat mit dem Vater und der Mutter, der Familie. Hätten Sie mich das mit Anfang zwanzig gefragt, hätte ich das wohl verneint. Mit Ende 30, bald 40 Jahren sehe ich, was für ein großes Glück es ist, in diese Familie hineingeboren zu sein.“ Um Erinnerungsarbeit geht es ganz offensichtlich auch in der Serie von Weihnachtsbäumen, deren Christbaumschmuck er bis in die kleinste Holzfigur bis ins Jahr 1979 rekonstruierte. Ein Stück Kulturgeschichte dazu.

Spiel mit der Glaubwürdigkeit von Fotografie

Er hat Angela Merkel fotografiert, die Macht interessiert ihn schon lange – und wie sie sich inszeniert. Eine Serie beschäftigt sich mit Wandlitz, der ehemaligen Bonzensiedlung der SED, Inbegriff der Abschottung. Die Jagd gehört für ihn zur Politik, und so machte er das Kühlhaus von Erik Honecker ausfindig. Dort hängen heute immer noch die blutigen Rehe an Haken. Die deutsche Vergangenheit, Dresden, die Romantik - wie steht es mit dem Begriff Heimat? „Man kann sich an Deutschland abarbeiten“, sagt er. „Die letzten 100 Jahre reichen für mein Leben aus.“

Am Ende geht es darum, was Fotografie kann, und „was uns das Medium vorgaukelt“, sagt er. Was ist die Wahrheit? „Ich tue alles rein, damit die Fotografie in alle Richtungen lesbar ist. Das ist ein permanentes Spiel mit der Glaubwürdigkeit der Fotografie. Was passiert da? Sie glauben das zu sehen, aber es ist ganz anders.“

So war es mit dem Foto von Helmut Kohl am Brandenburger Tor. Der Einheitskanzler stand im Rollstuhl im Osten und guckte in das helle Licht des Westens. Vielleicht schaute er ins Licht des Todes, wer weiß das schon? „A.M. – eine Deutschlandreise“ entstand im Panzerglasauto, unterwegs in Rügen, am Rhein - es war Wahlkampf. Eine Serie, von der viele dachten, dass Mühe wirklich mit Angela Merkel auf Wahlkampftour unterwegs war. Der Betrachter muss entscheiden, was er sieht und sehen will. Es war nicht die Kanzlerin, sondern seine frisierte Mutter in Rückenansicht. Andreas Mühe wollte den Titel „Kanzlerfotograf“ unterlaufen, den trägt er nämlich, seit er die (echte) Angela Merkel fotografiert hat.

Galerie König, St. Agnes, Alexandrinenstr. 118-121. Di-Sa 11-19 Uhr. Bis 19. August.