Film

„Solo: A Star Wars Story“ ist keine Sternstunde

Als Han noch Hänschen war: Die berühmte Science-Fiction-Saga wird um eine Nebengeschichte angereichert.

Frischzellenkur: Alden Ehrenreich als junger Han Solo mit seinem zotteligen Gefährten Chewbacca (Jonas Suotamo)

Frischzellenkur: Alden Ehrenreich als junger Han Solo mit seinem zotteligen Gefährten Chewbacca (Jonas Suotamo)

Foto: Jonathan Olley / dpa

Einer ist nicht zur Premiere des neuen „Star Wars“-Film gekommen: Harrison Ford. Er wolle dem Hauptdarsteller nicht die Schau stehlen, hat der Star erklärt. Das spricht natürlich für ihn. Könnte aber auch ein diplomatischer Zug gewesen sein. Vielleicht wollte Ford den Film einfach nicht sehen. Immerhin erzählt „Solo: A Star Wars Story“ die Vorgeschichte des Helden Han Solo, den Ford berühmt machte und durch den er selbst berühmt wurde.

„Solo“ setzt ungefähr zehn Jahre vor dem allerersten „Star Wars“-Film ein, der 1977 ins Kino kam. Er erklärt so manches, was damals einfach vorausgesetzt wurde. Etwa, wie Han zu seinem Nachnamen kommt. Das ist kein Familienname, denn Han hat keine Familie. Aber weil im galaktischen Imperium alles seine Ordnung haben muss, gibt man ihm bei der Passstelle einfach einen Namen, der für einen Einzelgänger passend scheint.

Der Rebell steht erst mal auf der falschen Seite

„Solo“ erklärt auch, wie Han zu seinem haarigen Freund Chewbacca kommt. Keine Freundschaft auf den ersten Blick, im Gegenteil, Han wird ihm von bösen Imperialen zum Fraß vorgeworfen. Und natürlich erklärt er, wie Han zu seinem Raumschiff kommt, dem berühmten Millennium Falcon. Er erwirbt es nicht als Trophäe im Kampf – sondern gewinnt es am Spieltisch. Frech und unfähig, sich Autoritäten zu beugen, ist Han Solo aber von Anfang an. Und woher die Glückswürfel kommen, die er vor jedem Start vors Cockpit hängt, das erklärt der Film auch nicht. Ein paar Rätsel müssen bleiben.

„Solo“ beginnt wie ein Dickens-Roman, im Waisenhaus und in tiefster Not. Auf einem Schrottplaneten namens Corellia werden junge Menschen zum Klauen gezwungen. Solo will nur weg hier mit seiner Jugendliebe Ki’ra (Emilia Clarke aus „Game of Thrones“). Ihm gelingt die Flucht, ihr aber nicht. Nur deshalb will der junge Mann Pilot werden und ein Raumschiff kriegen: um zurückzukehren und Ki’ra zu befreien. Der berühmte Cowboy im Weltall hat schon eine andere Liebe vor Prinzessin Leia? Und er kämpft erst mal für die Armee des bösen Imperiums, um Pilot zu werden? Da muss der „Star Wars“-Fan gleich mehrfach schlucken.

Im Grunde ist „Star Wars“-Schöpfer George Lucas ja selber schuld. Als er 1999 zu einer zweiten Trilogie seines Science-Fiction-Kults ansetzte, erzählte er die Vorgeschichte, wie aus dem Jedi-Ritter Anakin Skywalker der schurkische Lord mit dem Dampfbügeleisen-Atem Darth Vader wurde. Die ganze Welt lernte damals, was ein „Prequel“ ist (also die Vorgeschichte, im Gegensatz zum „Sequel“, der Fortsetzung). Die dritte Trilogie, die Lucas von Anfang an im Kopf gehabt hatte, ging er dann schon nicht mehr selbst an. Für eine galaktische Summe hat er bekanntlich alle Rechte an „Star Wars“ an das Disney-Studio vermacht. Und das Micky-Maus-Imperium führt nun nicht nur Lucas’ Idee der finalen Trilogie fort. Sie bringen, um das Franchise noch weiter abzuschöpfen, zusätzliche Geschichten ins Kino.

Sogenannte „Star Wars Storys“, die man nicht zwingend kennen muss, um die Trilogien zu verstehen, die aber doch als zusätzliche Sternchen in der weit, weit entfernten Galaxie blinken sollen. Die erste „Star Wars“- Story „Rogue One“ füllte 2016 immerhin ein dramaturgisches Loch und erklärte, wie die Rebellen in Episode IV eigentlich zu dem Bauplan des Todessternes kamen. „Solo“ hat dagegen gar keine Geschichte zu erzählen. Es geht bloß um die Einführung einer Figur, was in anderen Filmen die erste Viertelstunde übernimmt. Oder, um beim Vergleich mit einer anderen berühmten Figur von Harrison Ford zu bleiben, das Intro im dritten „Indiana Jones“-Film mit River Phoenix als jugendlichem Indie.

Das Radikale, Moderne und auch Wahnwitzige an „Episode IV“, die 1977 das Kino revolutionierte, war ja, dass sie keine Einführung hatte, sondern den Zuschauer mitten in eine Schlacht und eine fremde Galaxie warf, als sei man zu spät gekommen und habe den Anfang verpasst. Aber schon Lucas selbst hat diesen Ideenreichtum später nie wieder erreicht, seine Sequels Episode I bis III bildeten kein eigenständiges Universum, sondern hängten sich lediglich an den „Star Wars“-Kult. „Solo“ ist nur ein müder Abglanz davon. Filmgeschichte wird hier nicht geschrieben, es ist nicht mal eine Sternstunde der Sternen-Saga geworden. Und dass Disney mitten im Dreh Phil Lord und Christopher Miller, das Regie-Duo von „Lego Movie“, gegen den Regieveteranen Ron Howard austauschte, erzählt auch einiges.

„Solo“ wird überwiegend in dunklen, lichtarmen Bildern erzählt, spielt in Kriegsgräben wie im Ersten Weltkrieg und hetzt von einem Showdown zum nächsten. Wobei der spektakulärste die Kaperung eines Zuges ist, der auf freihängendem Gleis mal oben und mal kopfüber fährt und sich auch sogar in der Mitte teilen kann. Ein hübsches Sinnbild für einen Film, der ja selbst auf einen Zug aufspringt und quasi ein freischwebender Selbstläufer ist.

Jungstgar Alden Ehrenreich macht seine Sache als junger Han ganz gut, Harrison Fords sardonisches Grinsen hat er auch drauf, auch wenn er hier nicht so präsent ist wie in „Hail, Caesar“. Ob er mit diesem Film zum Star wird, bleibt abzuwarten: Hayden Christensen hat es auch nichts genutzt, den jungen Anakin Skywalker zu spielen. „Solo“ wartet darüber hinaus mit ein paar prägnanten neuen Figuren auf,. Vor allem die Frauenquote steigt im neuen Teil enorm, nicht nur beim menschlichen, auch beim androiden Personal. Und es gibt ein paar Szenen, bei denen dem Fan das Herz klopfen muss. Wenn der Millennium Falcon das erste Mal ins Bild rückt. Oder, noch später, Han endlich ans Steuer darf.

Aber Hand aufs Herz: Reicht das für einen ganzen Film? „Solo“ bleibt ein Intermezzo, bevor im nächsten Jahr dann mit Episode IX das Finale der letzten Trilogie ansteht. Und im Gegensatz zu der Vorgeschichte von Anakin Skywalker, die sich über drei Episoden schleppte, soll es in diesem Fall titelgerecht bei einem Solo-Film bleiben. Aber wer weiß, was dem Disney-Imperium noch alles einfallen wird. Vielleicht gibt es demnächst noch eine „Star Wars Story“, wie Prinzessin Leia zu ihrer Schneckenfrisur kam.