Filmausstellung

Liebe, Hass und tiefe Freundschaft

Poesie und Penisse: Die Akademie der Künste widmet Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter eine große Ausstellung.

Rosa von Praunheim und Elfi Mikesch auf dem Balkon der Akademie der Künste am Pariser Platz

Rosa von Praunheim und Elfi Mikesch auf dem Balkon der Akademie der Künste am Pariser Platz

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Unterschiedlicher können Filmemacher nicht sein. Hier die ausladenden, ästhetischen Filme von Werner Schroeter, künstlerisch überhöht, mit großem Pathos und Diven wie Isabelle Huppert oder Maria Callas. Da die kleinen, dreckigen, schnell aus der Hüfte geschossenen Filme von Rosa von Praunheim, die oft Trash waren und sein wollten, aber auch politisch und kämpferisch, mit Laien und Tunten aus Berlins Underground-Szene gedreht.

Aber die so unterschiedlichen Männer hat auch viel verbunden: Sie waren im alten West-Berlin schillernde Paradiesvögel. Sie lebten offen schwul, als das durchaus noch nicht selbstverständlich war. Als sie sich in der Silvesternacht 1967/68 kennenlernten, hatten sie eine kurze, stürmische Affäre, aus der eine lange Künstlerfreundschaft wurde. Immer wieder unterbrochen von Phasen des Streits und des Schweigens. Auch der Eifersucht: von Praunheim war immer neidisch auf Schroeters Erfolge. Doch dem waren Aggressionen fremd, alle Kritik Praunheims glitt an ihm ab. So blieben sie innig verbunden bis zu Schroeters Tod 2010.

Und noch etwas verband die beiden: Elfi Mikesch, eine der ersten Kamerafrauen des deutschen Films. Sie hat für den einen wie für den anderen hinter der Kamera gestanden. Hatte einen Sinn für deren so unterschiedliche Bild- und Lebenswelten. Hat auch selber Filme gedreht, etwa "Mondo Lux" über Schroeter, der erst nach dessen Krebstod ins Kino kam. Und sie war wohl auch Mittlerin zwischen den Egomanen.

Nun widmet die Akademie der Künste am Pariser Platz diesem sehr ungewöhnlichen, aber äußerst kreativen Dreigestirn des Avantgardefilms, vor allem aber dieser so eigenwilligen Künstlerfreundschaft eine große Ausstellung: "Abfallprodukte der Liebe". Betitelt nach einem Film von Schroeter, was aber auch als ironische Klammer zu verstehen ist. Am 16. Mai wurde noch letzte Hand angelegt und ein Beet, das in die Ausstellungsräume führt, tütenweise mit Rosenblättern bestreut. Am 17. Mai wird die Ausstellung abends eröffnet, ab 18. Mai ist sie dann dem Publikum zugänglich.

Wie unterschiedlich diese eigenwilligen Künstler sind, zeigt sich schon im ersten Saal, dem "Freundschaftsraum", in dem alle drei in einer Vitrine präsentiert sind. Elfi Mikesch hat Setfotos und Fotoalben aufgeblättert. Von Schroeter sind Filmskizzen und Notizkalender einzusehen, aber auch, nicht uneitel, ein Album voller Zeitungssausschnitte über seine Filme. Von Praunheim dagegen wirft absichtsvoll wahllos alles zusammen, selbstverfasste Bücher und das Bundesverdienstkreuz neben Kondomen und Hämorrhoiden-Zäpfchen. Auch mit 75 noch kein bisschen leise.

Die Räume dahinter sind dann den einzelnen Künstlern gewidmet. Schroeter, der heute noch in Frankreich gefeiert wird, in Deutschland aber beinahe vergessen ist, bekommt gleich zwei Räume. Nicht nur weil sie die kleinsten sind, sondern weil sie die zwei Seiten seines Œuvres widerspiegeln: einmal die Filme und einmal die Theater- und Operninszenierungen. Elfi Mikesch präsentiert sich in ihrem Raum in ihrer großen Bandbreite: als Fotografin, als die sie angefangen hat, als Experimentalfilmerin und eben als Kamerafrau. Weil sie im österreichischen Judenburg neben einer Fleischerei aufwuchs, hat sie aber auch großformatige Fotos von rohem Fleisch drapiert. Auch diese zierliche, stille Dame kann also schockieren.

Am wildesten aber ist der Rosa-Raum, in dem eine Wand mit Demo-Plakaten der Schwulenbewegung gefüllt und eine andere mit seinen Gedichten bemalt ist. Davor ein Zelt, in dem man seinen Poemen lauschen kann, ein Mausoleum, in dem er seinen toten Stars gedenkt. Drumherum Nippes, Rosiges, schrille Kopfbekleidungen – und überall Penisse. Vielleicht kann man überhaupt die ganze Ausstellung auf diese beiden Begriffe bringen: Poesie und Penisse.

Am Tag vor der Ausstellungseröffnung laufen laufen Elfi Mikesch und Rosa von Praunheim beide durch die Säle. Und staunen, was da zusammenkam. Eigentlich, findet Rosa, sei die Ausstellung ein großes Grabmal: "Man muss jetzt nicht mehr weiterleben nach so vielen Höhepunkten." Aber das ist natürlich ironisch gemeint. Praunheim hat gerade erst einen neuen Film gemacht, "Männerfreundschaften – Homoerotik in der Goethezeit", der am Sonnabend Premiere hat. Überhaupt wird die Ausstellung von zahlreichen Filmvorführungen, Talks und Performances begleitet. Alles andere wäre den so vielseitigen Künstlerpersönlichkeiten auch gar nicht gerecht geworden.

Praunheims jüngster Film: "Männerfreundschaften – Homosexualität in der Goethezeit" Rosa von Praunheim

Dass die Ausstellung am 17. Mai eröffnet wird, ist natürlich kein Zufall. Homosexuelle würden früher gern verspottet, sie seien am 17.5. geboren. Ein infamer Hinweis auf den Paragrafen 175, der Homosexualität lange unter Strafe stellte, Hunderttausende ins Gefängnis brachte und erst 1994 abgeschafft wurde. Um 18 Uhr, eine Stunde vor Ausstellungseröffnung, wird von Praunheim daher am Brandenburger Tor eine Performance "zur Erinnerung an den Schandparagrafen" geben. Und auch daran erinnern, dass Homosexualität zwar inzwischen in Deutschland toleriert, in vielen Ländern dieser Welt aber noch immer geächtet und verfolgt wird.

Nichts da von Grabmal. Auch mit 75 ist von Praunheim noch immer ein provokanter Aktivist. Und ruft wie beiläufig zu einer "Armee der Alten" auf. "Wir Alte", meint er, hätten doch nichts mehr zu verlieren. Es sei an den Rentnern, die Welt zu retten.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte. Tel. 200 57 10 00. 18. Mai bis 12. August,
Di.–So. 11–19 Uhr, Pfingstmontag geöffnet. Programm: www.adk.de/de/projekte/ 2018

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