Wer, wie der Autor dieses Artikels, im April vergangenen Jahres zufällig am Gendarmenmarkt flanierte, sah den Platz plötzlich weiträumig abgesperrt, voller Schaulustiger, hektischer Polizisten, darüber dröhnte ein Hubschrauber. Sofort war da die Angst vor einem terroristischen Anschlag. Doch bei näherem Hinsehen entpuppte sich das Ganze als aufwändige Dreharbeiten spektakulärer Szenen, wie die Filmstadt Berlin sie immer häufiger erlebt. Nun, ein Jahr später, ist das Ergebnis auf der Leinwand zu sehen. „Steig. Nicht. Aus!“ feiert am heutigen Montag Publikumspremiere im Cubix-Kino (für die es noch Tickets gibt) und kommt Donnerstag ins Kino.
Adrenalin pur. Und ein Berlin-Film der anderen Art
Und Christian Alvarts Film liefert Action pur. Mitten auf den Straßen von Berlin. Was man in dieser Wucht und Fülle selten zu sehen bekommt. Der Bauunternehmer Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) will in dem Film eigentlich nur seine Kinder zur Schule bringen. Erhält dann aber einen anonymen Anruf, dass in seinem Wagen eine Bombe unter seinem Sitz präpariert wurde, die sofort ausgelöst wird, sollte einer von ihnen aussteigen.

Der Erpresser fordert ein hohes Lösegeld, von Brendts Firmenkasse wie auch von seinem Privatkonto. Dass das kein Bluff ist, muss Brendt schmerzlich erfahren, als vor seinen Augen sein Firmenpartner (Fahri Yardim) mit seiner Frau in die Luft geht. Sein Sohn wird dabei durch einen Bombensplitter schwer verletzt. Das erhöht den Druck. In wenigen Stunden muss Brendt per Handy eine immense Summe Geld beschaffen. Darf dabei das Auto nicht verlassen. Rast durch die Stadt. Und sein ganzes Leben entgleitet ihm. Er muss erkennen, dass seine Frau (Christiane Paul) ihn betrügt. Dass er auch seinen Job verlieren könnte. Und weil er nichts von Erpressung sagen darf, glaubt man schließlich, dass er selbst seine Kinder entführt hat. Und nun ist auch die Polizei hinter ihm her.
Das ist nichts für schwache Nerven. Und Christian Alvart mutet einem in diesem Action-Spektakel wahrlich viel zu. Ein Bauunternehmer, der mit verantwortlich ist für Grundstückspekulationen, Gentrifizierung und die rasante Veränderung der Stad: Mit so einem möchte man eigentlich kein Mitleid haben, hat es dann aber natürlich doch. Alvart mutet einem auch Wirtschaftsfinessen zu, die man auch noch unter Hochspannung verstehen soll. Irgendwann geht es einem wie dem armen Mann hinter dem Steuer: Man zittert, leidet und verzweifelt schier.

„Steig. Nicht. Aus!“ führt von der Peripherie ins Zentrum, rast rastlos von West nach Ost und zurück. Das Tempo wird immer schneller, die Klaustrophobie im Wagen mit den schreienden Kindern auf dem Rücksitz immer bedrückender, während sich das Umfeld draußen immer mehr weitet. Bis es am Gendarmenmarkt zum Showdown kommt, wenn das Auto gestoppt wird und nun auch noch Hannah Herzsprung als Sprengstoffexpertin auftritt.
Dass die Fahrstrecke nicht immer ganz logisch ist, gehört zum Actiongenre dazu. Man wählt halt möglichst bekannte Ecken und Flecken der Stadt, wegen ihres Wiedererkennungswerts. Muss sich aber auch dem Behördenwillen bei Drehgenehmigungen beugen. Aber nur wirklich kaltblütige Zuschauer dürften für die geographischen Aspekte ein kritisches Auge haben, alle anderen werden einfach zu gepackt sein. Es ist, als ob man selber mit im Wagen säße.

Christian Alvart ist ein Meister seines Fachs. Und versteht sich auch als Anwalt des Genrekinos, das es im deutschen Film nach wie vor schwer hat, auch wenn sich das gerade ein wenig zum Besseren wendet. Der Autodidakt, der nie eine Filmhochschule besucht hat, hat 2005 mit dem Thriller „Antikörper“ das Tempo vorgegeben (es war zugleich die erste Kinohauptrolle für Möhring).
Später ist Alvart nach Hollywood gegangen, wo er Horror wie „Fall 39“ mit Renée Zellweger oder Science-Fiction wie „Pandorum“ mit Dennis Quaid gedreht jat. Aber dann kehrte er nach Deutschland zurück, wo er, kein Zufall, vor allem durch seine action-betonten „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger von sich reden machte.
„Steig. Nicht. Aus!“ basiert auf dem spanischen Film „Anrufer unbekannt“, der 2015 von der Bankenkrise erzählte und ergo einen Banker im Auto sitzen und schwitzen ließ. Alvart hat das nun auf Deutschland übertragen und durch ein anderes Reizthema, das rücksichtsloser Immobilienspekulationen, ersetzt. Bei aller Rasanz bleibt Zeit, auch das bissig zu kommentieren. Als Kulisse kam für Alvart da nur Berlin in Frage, wo er selbst lebt. Wo er auch gerade die Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ abgedreht hat. Und wo die Stadtplanung ein hochemotionales Thema ist.
„Steig. Nicht. Aus!“ ist Adrenalin pur. Und ein Berlin-Film der ganz anderen Art. Am Steuer telefonieren, das wird man danach erst mal nicht mehr tun. Auch eine heilsame Nebenwirkung.





