Film

Ein Klassiker in neuem Gewand: "Jim Knopf"

Auch das deutsche Kino kann Fantasy. Das beweist Dennis Gansel mit dieser Realverfilmung des Kultkinderbuchs von Michael Ende.

Foto: © 2018 Warner Bros. Ent

Das ist ein Film, bei dem der Kritiker einmal die Distanz aufgeben und "ich" sagen muss. Ich gebe also zu, ich hatte etwas Angst vor diesem Film. Auch ich bin mit "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" aufgewachsen. Mit dem Buch von Michael Ende. Vor allem aber mit der Verfilmung durch die Augsburger Puppenkiste (die zweite, in Farbe, aber dass es auch eine ältere gab, habe ich erst als Erwachsener erfahren).

Die Vorstellung von Lummerland ist ­also tief geprägt durch den Fadenwald, an dem die stets schwankenden Marionetten hingen. Und dann der Schock gleich zu Beginn: Das Meer vor der berühmten Insel mit den zwei Bergen ist kein wallendes Zellophanpapier. Sondern echtes, tosendes Meer.

Entwicklung über anderthalb Jahrzehnte

Dennis Gansel hat sich an die erste, wie man das nennt, Realverfilmung des Stoffs gemacht. Eine Herausforderung für die Fans, für die alten zumindest: Es entzaubert die Fantasiewelt, die man aus der eigenen Kindheit memoriert. Sie schafft dafür freilich eine andere. Und das ist die große Kraft dieses Films.

Fantasy, Abenteuer – so was funktioniert eigentlich nicht im hiesigen Kino. Heißt es zumindest immer. Weshalb der andere große Klassiker von Michael Ende, "Die unendliche Geschichte", seinerzeit zwar von einem deutschen Regisseur, aber eben in Hollywood realisiert wurde. Dennis Gansel aber zeigt, dass auch das hiesige Kino Fantasy kann.

Schon mit seinen früheren Werken hat er immer wieder eine Lanze für deutsches Genrekino gebrochen, auch wenn er dafür lange hat kämpfen müssen. Bei "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" dauerte die Entwicklungszeit anderthalb Jahrzehnte. Aber der Film ist gänzlich deutsch und kann es dennoch locker mit vergleichbaren Hollywoodproduktionen aufnehmen.

Grandios schon die Welt von Lummerland. Als Erwachsener wird einem plötzlich klar: Michael Ende muss ein passionierter Modelleisenbahnspieler gewesen sein. Nur so erklärt sich, wozu man einen Zugverkehr auf einer Insel braucht, auf der nur vier Personen wohnen, noch dazu ein Zug mit Lokomotive, aber ohne Waggons. Erst als Erwachsener geht einem auch auf, wie weit Ende vorausgedacht und gesellschaftspolitische Themen kindgerecht verarbeitet hat.

Das Thema Migration etwa, wenn ein kleines schwarzes Baby irrtümlich auf der Insel landet. Oder das Thema Überbevölkerung: Mit fünf Menschen ist die Insel zu klein. Deshalb soll die Lokomotive Emma ausrangiert werden. Woraufhin Lokomotivführer Lukas abhaut, mitsamt seiner Emma, die auch ohne Gleise fahren, ja sogar schwimmen kann. Und der kleine Jim geht mit, um die Wahrheit über seine Herkunft zu erfahren.

Zusammen geraten die Kameraden in zauberhafte Gegenden und Welten. Ins Reich Mandala etwa mit seinen großen und winzig kleinen Menschen. In die Wüste, wo sie dem Scheinriesen Herr Tur Tur (Milan Peschel) begegnen, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Oder die Drachenstadt, vor der der Drache Nepomuk haust, der sein Feuer nicht speien, nur furzen kann, weil die Mutter nur ein Nilpferd war.

In jeder Einstellung kann man sehen, mit viel Liebe und Sorgfalt Gansel da seinen Lieblingskinderstoff in Szene gesetzt hat. Sein Streben, Endes Buch werkgetreu umzusetzen, ist er indes fast zu weit gegangen. Zu vorhersehbar spult sich hier das Stationendrama ab. Und trotz prominenter Besetzung hapert es ein wenig bei der Schauspielerführung.

Henning Baum etwa gewinnt als Lokomotivführer wenig Statur. Auch die Chemie mit dem britischen Jungen Solomon Gordon als Jim stimmt nicht ganz, was wohl an den unterschiedlichen Sprachen liegt, in denen gedreht wurde. Und dann bleibt Lokomotive Emma eben immer eine Maschine. Und wird nicht das, was sie in der Erinnerung immer war: eine eigene, echte Person.

Aber vermutlich sind das nur Vorbehalte eines zu alt gewordenen Fans. Dem jungen Publikum werden fraglos die Augen übergehen. Und auch wenn der erwachsene Begleiter nicht ganz so beglückt wird: Sowie die berühmte alte Melodie angestimmt wird von der Insel mit den zwei Bergen, geht auch ihm das Herz auf.

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